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- Heck, Gaby - 2713–die Rückkehr
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- Schlosser, Johannes - Patient 412
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Patient 412
Autor: Schlosser, Johannes
Ein Arzt ist ein Mensch, der Leben rettet. Sagt man. Ich bin Arzt. Meine Karriere begann aber mit einem Mord. Und es war kein Zufall. Seltsam, nicht? Ich könnte mich jetzt zurücklehnen und behaupten, dass diese kleinen, misslichen Kunst-
fehler in Krankenhäusern häufig geschehen, oder ich könnte einfach schweigen. In der festen Gewissheit, dass diese Tat für immer mit badischer Erde zugedeckt wurde. Doch warum sollte ich jetzt noch lügen? Es war Absicht. Pure Absicht. Lange ist es her, doch ich kann mich genauestens an jede Kleinigkeit erinnern. Es war eine wunderschöne warme Nacht und der Duft von Flieder lag in der Luft, als er mich zu sich rief. Hätte ich ahnen können, dass es eine Falle war?
Warum bin ich überhaupt Arzt geworden? Der Grund ist einfach. Als ich die verträumte Kindheit hinter mir ließ und erwachsen wurde, musste ich zur Strafe dafür Geld verdienen. Dazu brauchte ich einen Beruf und einen monatlichen Betrag auf meinem Konto. Und was lag da näher, als mich für den „humansten Beruf der Welt“ zu entscheiden? Aus der Sicht des damals verträumten Romantikers mag die Wahl wohl verständlich sein, doch warum führte ich den Beruf noch aus, nachdem ich den alten Mann ins Jenseits befördert hatte? Wie bereits erwähnt, geschah es an einem Tag, als der Flieder blühte. Genauer gesagt, es war tiefste Nacht, als die Krankenschwester anrief und mich dringend zum Patienten ins Zimmer Nr. 412 bat. Ich machte mich sofort auf den Weg. Ganz in Weiß, jung und dynamisch. Was wusste ich von ihm? Dass es mit ihm aus war. Dass er am Tag zuvor mit viel Getöse darauf bestanden hatte, in eben dieses Zimmer gebracht zu werden. Er verursachte eine Menge Ärger, dieser lästige, eigenwillige Mann! Nach einigem Hin und Her musste die alte Dame, die bis dato Zimmer 412 bewohnte und Gott sei Dank alles um sich herum nicht mehr richtig wahrnahm, umziehen – was hätte ich daraus schließen können? Er jedenfalls war befriedigt. Nun war ich dran.
„Sind Sie neu hier? Wie gefällt Ihnen unser Krankenhaus in Karlsruhe?“
Seine Frage stand einem Kranken nicht zu und ich musste ihm sofort beibringen, wer hier das Sagen hatte. „Wieso haben Sie nach mir gerufen? Haben Sie Beschwerden?“
„Beschwerden? Schmerzen habe ich und die werden bald so stark sein, dass ich demnächst diese Wände bis zur Zugspitze hinaufklettern werde.“
Er ließ schwungvoll seinen Zeigefinger kreisen.
„Ich lasse ihnen eine Spritze geben.“
„Tun Sie das.“
Ich rief nach der Schwester. Sie kam, gab ihm Morphium und stand bereit zum Abgang.
„Gute Nacht,“ sagte auch ich zu ihm.
„Darf ich Sie kurz sprechen?“ fragte er.
„Worüber?“
„Nun, ich habe ein kleines Geheimnis, das ich gerne heute Nacht loswerden will.“
Die Schwester blieb im Türrahmen stehen.
„Wissen Sie,“ wandte er sich gelassen zu ihr, „mein Geheimnis ist nicht groß genug für drei.“
Sie stolperte hinaus.
„Warum ausgerechnet mir?“, fragte ich, die Tür sorgfältig hinter ihr zuziehend.
„Sie haben etwas Schutzloses an sich,“ sagte er. „Wahrscheinlich haben Sie früher auch häufig weinen müssen.“
Ich setzte mich auf den Stuhl neben ihn.
„Sie irren sich,“ sagte ich. „Aber wieso haben Sie weinen müssen?“
„Eine lange Geschichte,“ sagte er. „Und eine sehr traurige dazu. Wollen Sie sie hören?“
Ich gab ihm keine Antwort. Das hat seinen Grund. Wenn man sich auf so etwas bei einem Patienten einlässt, dann gute Nacht! Bis Ostern würde er mir jetzt sein Herz ausschütten. Andererseits war ich neugierig auf sein kleines Geheimnis. Mein Schweigen schien ihn nicht zu stören.
„Wissen Sie, ich kam in ein Internat, als ich acht Jahre alt war. Ziemlich früh, nicht? Es war im Jahre 1930 und es herrschte eine strenge Disziplin dort. Alles war verboten. Kein Laufen auf den Fluren, keine Unterhaltung beim Essen, keine Unordnung, keine Sandspiele und nur Regeln, Regeln, Regeln, die meist aus Verboten bestanden. Können Sie mir folgen?“
Ich nickte vorsichtig.
„Ich war ein hyperaktives Kind, aber die gab es damals noch nicht. Ich erinnere mich, wie ich zum ersten Mal zum Internatsleiter musste. Ich schritt durch den weiten Flur, sah durch ein Fenster draußen den Flieder blühen, konnte förmlich seinen süßlichen Duft riechen, obwohl das Fenster fest verschlossen war. Seltsam, nicht? Ich denke in letzter Zeit oft darüber nach und ich erzähle Ihnen dieses Detail nur, damit Sie sich ein Bild von meinem früheren ICH machen können. Vor der Tür stoppte mein federleichter, neunjähriger Körper. Wie ein Pony, dass Gefahr witterte. Ich lauschte. Totenstille lag über all den Räumen. Alle wussten Bescheid. Erst da bekam ich Angst. Aber es musste sein. Ich klopfte.
„Treten Sie ein! Wer da? Vogele, sind Sie das?“
Der Patient sagte dies mit einer so eindringlichen Stimme und einem so verändertem Gesichtsausdruck, dass ich erstaunt die Augenbrauen hob. Er schien ein guter Schauspieler zu sein.
„Er saß hinter seinem Schreibtisch und war sichtlich erfreut, mich zu sehen.
„So, so, Vogele, Sie sind wieder im Flur herumgerannt.“
„Verzeihen Sie, Herr Internatsleiter, ich hatte Nasenbluten und beeilte mich in den Waschraum, um nicht den Flurboden zu verschmutzen.“
„Nein! Nein! Nein! Ich kann es nicht leiden, wenn auf meinen Fluren herumgerannt wird. Sie wissen doch, dass ich ein ausgezeichnetes Internat führe? Soll ich es wirklich zu- lassen, dass hier Unordnung herrscht?“
„Nein, Herr Internatsleiter.“
„Sehen Sie? Und es steht Ihnen nicht zu, hier herumzurennen. Wissen Sie das? Wissen Sie, dass Ihnen auf der Stirn geschrieben steht, dass Sie ein ewiger Querulant sind? Nein? Dagegen gibt es nur eine Methode.“
Er war wirklich ein guter Schauspieler. Das naive Kind und der strenge Internatsleiter lagen abwechselnd vor mir auf dem Bett.
„Das Tier zog bedächtig an einer seiner zahlreichen Schub- laden, zauberte das verdammte Lineal hervor und schon stand er vor mir. Ein Riese vor dem Herrn. „Darf ich um Ihre Hände bitten?“, höhnte er. Ich streckte sie aus. Nicht irgendwie, sondern mit den Handflächen nach oben. Kaum hatte ich es getan, schon schlug er zu. Links, rechts, links, rechts. Er wusste, wie er zu schlagen hatte. Millimetergenau auf die Fingerspitzen. Mit dem Ende des Lineals, an dem die Hebelwirkung am größten war. Jeder seiner Schläge fühlte sich an, als ob mir kochendes Wasser über die Fingerspitzen gegossen wurde. Nach den ersten vier Schlägen waren es nicht mehr meine Hände. Jetzt trugen sie nur noch Schmerz in sich. Ich wollte sie wegwerfen. Aber ich konnte nicht. Stattdessen hielt ich sie ihm weiter hin. Wie eine Opfergabe. Ich zuckte nicht; ich war zu entsetzt, zu überrascht, konnte es immer noch nicht glauben, was hier geschah, obwohl es mir alle erzählt hatten. Die Leichenstarre, die sich meines schmächtigen Körpers bemächtigte, half mir, doch wie viel Chemie mein Körper auch ausschüttete, die Tränen ließen sich nicht zurückhalten. Er schaute mir die ganze Zeit tief in die Augen. Wie eine Kobra. Es war sein Maß der Schmerzdosis, die er einem zufügen musste.“
„Warum erzählen Sie mir das?“, unterbrach ich ihn verärgert.
„Sind Sie ein gläubiger Mensch?“
„Ich gehe nicht in die Kirche, wenn es Sie interessiert, aber was spielt das für eine Rolle?“
„Gut“, sagte er befriedigt. „Wissen Sie, es prügelten damals alle im Internat. Auch der katholische Pfarrer mit seinem evangelischen Kollegen. Sie schlugen alle. Einzeln und zusammen und unabhängig von ihrer Konfession.“
Er grinste.
„Wo waren Ihre Eltern? Warum haben sie Sie nicht beschützt?“
Vogele lächelte.
„Mein Vater war vermögend und wollte aus mir einen tüchtigen Mann machen. In dem Internat, in dem auch er seine Kindheit verbracht hatte.“
„Und Ihre Mutter?“
„Meine Mutter? Sie hatte keine Zeit. Einmal im Monat besuchte sie mich, überschüttete mich dabei mit Geschenken, liebkoste mich peinlich vor der ganzen Meute und wenn sie genug davon hatte, überließ sie ihr Spielzeug wieder der Internatsleitung. Außerdem hatte sie ihre Liebschaften, was meinen Alten auf die Palme trieb. Kurzum, sie waren mit sich selbst beschäftigt, verstehen Sie?“
Ich stand auf.
„Bitte“, sagte er. „Bitte, setzen Sie sich. Es wird nicht mehr lange dauern.“
Er sagte es mit einer so eindringlichen Stimme, dass ich ungewollt nachgab.
„Machen Sie es aber kurz“, warnte ich ihn und setzte mich ungeduldig wieder hin.
„Ich war ein Tier“, sagte er nachdenklich. „Ein scheues, leicht verwundbares Reh, dem jeder Schmerz zufügen wollte. Hinter jeder Hecke stand einer, der einem eins übers Fell braten wollte. Am schlimmsten waren die Nächte. Mit ihnen kam die Welt der Erwachsenen. Kinder können sehr brutal sein, wissen Sie? Kaum wurde es dunkel, schon ging es los. Der Starke schlug den Schwachen. Ich wurde ständig verprügelt. Von allen.“
Er schaute auf. „Genug davon“, sagte er und plötzlich leuchtete sein Gesicht.
„Glauben Sie an Wunder?“, fragte er.
„Nein.“
„Dann sind Sie der Richtige, dem ich es offenbaren will. Eines Nachts lag ich im Bett. Alles schlief. Der Vollmond hing am Fensterrahmen und sein geisterhaftes, milchiges Licht erleuchtete den schlafenden Saal. Wie gerne wäre ich auf diesem Mond gewesen, oder woanders, oder überhaupt nicht da! Ich schaute auf die kleine Scheibe und versank in meinen Träumen. Plötzlich merkte ich, dass sich der Mond bewegte. Ja, er schaukelte leicht hin und her. Und ich sah, dass er näher kam. Immer näher. Bald wurde er zu einem riesigen Ball, der das ganze Fenster ausfüllte. Ja, ich konnte jetzt sogar seine Berge und einzelne Krater sehen. Er kam näher und näher, so dass ich weitere kleinere Details sah. Seine riesige, leuchtende, sandige Oberfläche wurde unaufhörlich größer und größer. Endlich stoppte der absurde Vergrößerungsprozess; die rötliche Oberfläche hing direkt am Fenster und war faszinierend in ihrer Bedrohung. Sie berührte das Fensterglas, ich hörte ein leichtes, sandiges Reiben und schon begann sie sich zu verkleinern. Als ich wieder ihre ganze Form sah, war es keine Kugel mehr, sondern eine flache Scheibe, die mühelos durchs geschlossene Fenster glitt. Meine Faszination kannte keine Grenzen! Die Scheibe schwirrte im Schlafsaal über den Köpfe der Schlafenden hin und her und keiner außer mir konnte sie sehen! Als sie über mir schwebte, hörte ich ein leichtes Summen. Da sah ich, dass die rötlich leuchtende Scheibe kleine Öffnungen hatte, durch die grünes Licht drang. Mit einem sanften Schwung wich sie zur Seite und blieb stehen. Dann wuchs sie zu einer zirka zwei Meter großen Kugel und blieb knapp über dem Boden hängen. Ich hatte das Gefühl, sie sah mich. Zu meiner weiteren, unend- lichen Begeisterung begann sie sich plötzlich vertikal zu teilen. Zwei Halbkugeln fuhren einen halben Meter auseinander und nun drang ein im Querschnitt quadratischer Streifen grünen Lichts durch den in grellem Rot leuchtenden Saal. Er ergoss sich wie ein Wasserstrahl durch den Raum, doch sein Ende blieb direkt an meiner Bettkante stehen, so dass ich in seinen grünen Querschnitt hineinsehen konnte. Es war Licht, das jegliche Form annehmen konnte. Lebendiges, angenehmes Licht. Ich hob die Hand. Sie wurde sofort grün. Ich zog sie aus dem Strahl und sie wurde blutig rot. Ich lag da und konnte nicht genug von diesen Wunderdingen kriegen. Ich sah, wie im Inneren des Streifens Wellen aus einem etwas intensiveren Grün entstanden und sich zu bewegen begannen. Sie liefen von mir weg und rollten durch den breiten Spalt ins Innere der Kugel. Ich verstand! Ich stand auf und ging durch die Wellen. Kaum ging ich hinein, schon schlossen sich hinter mir die Halbkugeln. Es war mir egal. Nur weg! Seltsam, dass innen wieder ein riesiger Raum war, der stark unserem Schlafsaal glich, jedoch vollkommen leer war. Abgesehen von der spitzen Pyramide, die in seiner Mitte stand. Ihre Form hatte Ähnlichkeit mit unserer Karlsruher Pyramide auf dem Marktplatz und doch war sie ganz anders. Sie bestand aus zahlreichen bunten Edelsteinen, die in den unterschiedlich- sten Farben funkelten. Als ich näher kam, erkannte ich, dass es keine Edelsteine waren, sondern Tausende von bunten Glaswürfeln, in denen sich etwas bewegte. Ich sah einen Würfel mit einem wunderbaren Strand und berührte ihn. Im nächsten Augenblick befand ich mich an einem weiten Meer, dessen Wellen meine Füße umspielten. Vor Aufregung stolperte ich und fiel hin, dann lief ich durch den weichen Sand und warf mich voller Freude in die Wellen.“
Er schaute zu mir. Ich sagte kein Wort.
„Diese Nacht verbrachte ich am dortigen Strand und ich wünschte mir, diese Nacht wäre nie zu Ende.“
„Ein Traum“, sagte ich.
„Ein Traum“, bestätigte er. „Es ertönte die Morgenglocke und ich stand mitten im Schlafsaal. Mit nassen Füßen und in einem mit Sand verschmutzten Schlafrock.“
„Kein Wunder“, sagte ich. „Sie haben schlafgewandelt.“
„Diese Erklärung gab ich mir auch“, sagte er und dann lachte er aus vollem Halse.
„Und wissen Sie was? Sie irren sich! Die Kugel kam auch in den folgenden Nächten. Kaum schliefen alle, schon war sie da. Ich wanderte etwas am Strand, bestieg dann den Mount Everest und schaute von oben auf diese kleine Welt hinunter. Egal, wo ich war, ich hatte immer die dazu passende Aus- rüstung, die aus Materialien bestand, die ich nicht kannte. Als ob einer wüsste, wie zerbrechlich wir Menschen sind und was wir benötigten, um, zum Beispiel, in die weiten Tiefen des Stillen Ozeans zu tauchen. Und wissen Sie, was das Tollste war? Ich war der erste Mann auf dem Mond. Ja, ich! Und dies 39 Jahre, bevor Neil Armstrong am 20. Juli 1969 seinen Fuß dorthin setzte. Ich verfolgte es am Bildschirm und ich erkannte alles. Jedes einzelne Bild. Ich hatte alles bereits gesehen. Und ich nahm das wahr, was die Bilder nicht wiedergeben konnten. Den Geruch! Den Geruch des Mondes. Wissen Sie, wonach er riecht? Nach Asche! Ich habe ihn gerochen!“
Er lachte wieder aus vollem Halse.
„Ein Spinner“, schoss es mir durch den Kopf.
„Warum haben Sie nichts davon erzählt? Sie hätten der Menschheit einen großen Dienst erwiesen.“
„Die Menschheit hätte mich sofort für verrückt erklärt“, sagte er mit leicht beleidigter Stimme. „Wie Sie es gerade tun.“
„Waren Sie auf auch dem Jupiter?“, fragte ich sachlich, um dem Irren einen Gefallen zu tun.
Er schaute mir tief in die Augen.
„Ich war im Zentrum unserer Milchstraße“, sagte er mit einer ganz leisen Stimme. „Glauben Sie mir das?“
„Und wie war es dort?“
„Wie überall. Nur der Sternenhimmel über einem sieht dort ganz anders aus.“
„Das ist er auch in Australien. Man sagt, dort stehen die Gestirne Kopf.“
„Stimmt, aber wissen Sie, wo ich mich am wohlsten fühlte?“
„In Afrika?“
„Nein, in meinem Kinderzimmer. Eines Tages fand ich diesen Würfel und berührte ihn. Mein Zimmer, mein Bett, meine Kinderbücher. Meine einzig wahre kleine Welt, nach der ich mich sehnte.“
„Und es waren nie Menschen da?“
„Nein, sie hätten nur gestört.“
„Besucht dieses UFO Sie auch heute noch?“
„Nein“, sagte er. „Eines Tages war alles vorbei. Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern. Es war an meinem elften Geburtstag. An diesem Tag wurde ich vom Heimleiter wieder einmal nach Strich und Faden verprügelt, weil ich irgendeine seiner Regeln brach. Aber wissen Sie, was an diesem Tag tatsächlich geschah?“, fragte er bedeutungsvoll.
Ich verneinte.
„Ich beschloss ihn zu töten. Ja, ich gab ihm die Schuld an dem System, das dort herrschte. Und ich wollte ihn unbedingt, diesen Mord, der, meiner Meinung nach, dieses System wie ein Kartenhaus hätte zusammenstürzen lassen. Dazu musste ich nur gesund das Internat hinter mir lassen und erwachsen werden. Ich beschloss, mich eine Zeitlang seinem System unterzuordnen. Ich verstellte mich und alles wurde zu einem Spiel. Es war leichter, als ich dachte. In dieser Nacht verprügelte ich meinen ersten Jungen, der unverhofft unter meine zarten Finger geriet. Er schrie wie am Spieß und, wissen Sie, das Ganze hatte einen gewissen Reiz. In dieser Nacht wartete ich vergeblich auf mein Raumschiff. Es kam nicht wieder.“
„Verständlich“, dachte ich. „Psychologisch gesehen, natürlich.“
„Man ließ mich schnell in Ruhe“, sagte er. „So sind die Menschen. Kaum hatte ich meine Zähne gezeigt, schon erntete ich überall Respekt. Aber ich war kein Schläger. Ich wollte nur meine Ruhe. Und den Tod des Internatsleiters.“
„Scheint bei ihm eine fixe Idee gewesen zu sein“, dachte ich.
Er schwieg und schien immer tiefer in seine Gedanken zu versinken.
„Und? Haben Sie sein Lebenslicht ausgelöscht?“, fragte ich lässig wie ein Ganove.
„Was? Langsam“, sagte er, zu sich kommend. „Ich kam nicht dazu. Denn kaum war ich achtzehn, schon wurde ich in den Krieg geschickt. Wissen Sie, wie es im Krieg ist? Beschissen. Wörtlich genommen. Du sitzt in deinem Schützengraben und neben dir fliegt die Welt in die Luft. Als Erstes habe ich mir vor Angst in die Hose gekackt. Wahrscheinlich zeigte mir damit mein Körper, was er von diesem Krieg hielt. Aber dadurch lief der Feind auch nicht davon. In meiner ersten Nacht an der Front wurde deshalb als Erstes die Hose gesäubert. Dann lag ich mit offenen Augen im Stroh des Schützengrabens, schaute in den Himmel und überlegte verzweifelt, wie ich all dem ein Ende setzten könnte. Und dann sah ich wieder mein Raumschiff. Zum letzten Mal. Es schaukelte über dem Feindesgebiet hin und her und ich dachte wieder, dass dies alles hier nur ein Spiel sei. Das Internat, der Krieg, die ganze Welt. Alles nur großes Kino. Die magische Kugel verschwand für immer, aber ab diesem Tag war ich ein anderer Mensch. Wenn um mich herum Granaten einschlugen, dann dachte ich nur: „Was für ein Aufwand! Was für ein toller Regisseur. Es wird sicher ein ganz großer Film herausspringen.“ Und wenn am Tag gegnerische Soldaten unter mein Sturmgewehr liefen und schreiend hinfielen, dann dachte ich nur: „Was für tolle Schauspieler! Wie glaubwürdig sie ihre Rollen spielen.“
Er schwieg und schaute zu mir. Ich ließ ihn schweigen.
„Wie konnte ich mit dieser Einstellung nur überleben?“, fragte er nach einer Weile erstaunt. „Darauf kann es nur eine Antwort geben. Weil auch ich dem Spiel eine möglichst realistische Note geben wollte. Wenn ich Attacke lief und die Kameraden um mich herum wie Zinnsoldaten umfielen, dann ließ auch ich mich fallen, denn ich dachte nur: „Du darfst nicht übertreiben – es wirkt unrealistisch, wenn du jetzt weiterläufst.“ Dafür erntete ich, wie früher im Internat, großen Respekt. Sie hielten mich für todesmutig, weil ich keine Miene verzog, wenn andere sich bereits in die Hose machten. Einige behaupteten sogar, ich wäre verrückt.“
„Und Sie hatten wirklich nie Angst?“
„Nein. Nur einmal, als mich die Kugel traf. Für einen Augenblick wurde alles grün, doch schon verlor ich das Bewusstsein und als ich zu mir kam, lag ich in einem Lazarett und durfte am Spiel wieder teilhaben, zumal der Regisseur extra für mich einige hübsche Krankenschwestern engagiert hatte.“
„Und den Heimleiter haben Sie inzwischen vergessen?“, erinnerte ich ihn.
„Wie konnte ich? Ich tötete fremde Soldaten, die mir nie etwas getan hatten und der Internatsleiter, der in mein junges Fell große Löcher geschnitten hatte, sollte einfach so davonkommen? Nein, mein Lieber“, sagte er gelassen. „Ich bin doch nicht verrückt!“
„Na, Gott sei Dank“, antwortete ich erleichtert.
„Ich wusste, Sie werden mich verstehen. Als das Kriegspiel vorbei war (meine Seite hatte verloren), fuhr ich, nachdem ich einige Monate einen deutschen Gefangenen bei den Amis gespielt hatte, als Erstes hierher nach Karlsruhe zurück und widmete mich endlich meiner Bestimmung. Ich suchte nach meinem Meister. Es war nicht einfach. Alle waren unterwegs. Die Menschen spielten Völkerwanderung, mit hässlichen Ruinen im Hintergrund und mit all dem, was sonst noch dazu gehörte. Nun, ich fand ihn. Die Ratte hatte sich vor der Front gedrückt und den Krieg in ihrem Internat verbracht. Doch auch ihn hatte es erwischt. Wie ich von seiner auskunftsfreudigen Frau erfuhr, hatte er gerade einen Schlaganfall gehabt und lag halbgelähmt im Krankenhaus. Also besorgte ich mir einen Blumenstrauß und fuhr hin. Er lag halbvertrocknet und feierlich im Bett. Wie auf einem Präsentierteller.“
„Man hat Sie einfach so hineingelassen?“, unterbrach ich ihn.
„Wer hätte etwas dagegen haben können?“, fragte er. „Der Krankenschwester sagte ich wahrheitsgemäß, dass ich meinen ehemaligen Internatsleiter besuchen wolle. Sie hatte nichts dagegen. Nun, ich sah ihn. Ich legte den Blumenstrauß auf das Tischchen und setzte mich lässig an sein Kopfende.
‚Wie geht`s?‘, fragte ich als Erstes. Er hörte, was ich sagte, denn er zuckte. Dann bewegte er seine Lippen.
‚Wie bitte? Drücken Sie sich etwas deutlicher aus‘, empfahl ich ihm leise. Er bewegte wieder seine nun bläulichen Lippen, doch es kam kein Laut heraus.
‚Was Sie nicht sagen‘, setzte ich die etwas einseitige Konversation fort. ‚Ihnen fehlen die Worte? Das ist nicht gut. Sie wissen doch, wer ich bin?‘
Er nickte. Entsetzt und ergeben. Auch er hatte mich nicht vergessen.
‚Nun, Sie irren sich. Vielleicht liegt es an Ihrer Krankheit. Ich bin nicht ich. Ich bin ein anderer.‘ Lange Pause. Dann etwas theatralisch: ,ICH BIN DER TOD.‘
Er setzte seine einseitig beweglichen Körperteile in Gang.
,Keine Angst‘, beruhigte ich ihn. ,Der Zahn der Zeit hat uns nichts angetan. Es ist so wie immer. Alles bleibt beim Alten. Ich spiele nur den Stärkeren und Sie tun bitte so, als wären Sie jetzt halb gelähmt.‘
Mit diesen Worten zauberte ich aus dem Blumenstrauß das vorbereitete Lineal hervor. Seine aufleuchtenden Augen fixierten das Ding, als ob es aus Gold wäre.
,Wissen Sie, dass Sie ein ausgezeichneter Lehrer waren? Mein Kompliment. Ich konnte Sie nie vergessen. Keine einzige Sekunde meines jungen Lebens. Gratuliere, Sie werden nun von mir dafür ausgezeichnet. Sie fragen, wie? Auf Ihrer Stirn stehen allerlei schöne Worte. Diesen werde ich noch einige hinzufügen. Sie erlauben?‘
Mit diesen Worten schlug ich ihm das Lineal auf die Stirn. Nicht fest, aber mit viel Nachdruck. Dabei schaute ich ihm tief in die Augen. Zu meiner Überraschung wurden sie nicht feucht, sondern kullerten nur entsetzlich komisch aus ihren Augehöhlen.
,Guck nicht so – ich habe mich auch erschrocken‘, sagte ich zu ihm, doch er schien mich nicht mehr zu hören. Er röchelte nur. Ich ließ ihm Zeit. Bis sein Kopf mit den zwei ausge- fahrenen Periskopen zur Seite fiel. ,Wie wenig Sie, Meister, vertragen‘, sagte ich dann vorwurfsvoll zu ihm. ,Und das, nachdem Sie mich so lange haben üben lassen. Was waren wir früher für ein eingespieltes Team! Mir wird ganz leicht ums Herz, wenn ich an die vergangenen schönen Stunden denke. Warum wollen Sie jetzt bloß nicht mehr mitspielen?‘
Ich warf das Lineal in den Papierkorb, nahm den Blumenstrauß und verließ den Raum.“
Er schaute zu mir und wartete auf meine Reaktion. Ich beschloss, auf sein Spiel einzugehen.
„Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen“, folgerte ich langsam.
Er nickte und schien mit meiner Reaktion zufrieden zu sein.
Nun hatte ich aber genug!
„Tut mir leid, aber ich glaube Ihnen kein Wort.“
Er war irritiert.
„Was stört Sie an meiner Lebensgeschichte?“
„Alles. Haben Sie ihn tatsächlich getötet?“
„Wie sonst hätte ich dieses Spiel verlassen sollen?“
„Und keiner hat etwas gemerkt?“
„Was soll man da gemerkt haben? Ich blieb nur kurz bei meinem Meister und das Lineal hat auch nicht gerade den lautesten Zisch von sich gegeben. Außerdem geschah alles kurz nach dem Krieg. Die Menschen nahmen alles weniger hysterisch auf. Ich ging einfach zur Schwester uns sagte: ‚Schauen Sie sich bitte meinen Lehrer an. Irgendwie ist er anders.‘ Sie ging weg und kam auch prompt mit der freudigen Nachricht zurück. ‚Er ist tot‘, sagte sie. Ich schenkte ihr dafür den Blumenstrauß. Sie war gerührt. Sie müssen wissen, junge Männer gab es damals fast keine und sie war ziemlich hübsch. Ich glaube, wir gingen an diesem Abend zum Tanzen aus.
„Perverse Sau“, dachte ich. „Und Sie hatten keine Gewissensbisse?“
„Gewissensbisse? Ich konnte endlich wieder ein normales Leben führen. Ich wurde wieder zu dem, als der ich geboren wurde. Und ich hatte ein wunderbares Leben.“
„Ist das alles, was Sie mir sagen wollten?“
„Ja, und ich habe eine Bitte. Ich weiß, wie es um mich steht. Lassen Sie mich gehen.“
„Wie bitte?“
„Ich will mein Leben wieder zurückgeben. An wen auch immer.“
Ich war entsetzt.
„Sie verstehen, dass ich das nicht tun darf?“
„Ja, das weiß ich. Und ich weiß auch, dass Sie mich verstehen. Dazu sind Sie noch jung genug und nicht lange hier, bei den alten Steinbrechern.“
„Tut mir leid, ich kann es nicht.“
„Gut“, sagte er. „Dann lassen Sie mich mit meinen Leiden allein. Ich glaube, ich habe mich in Ihnen geirrt.“
Er winkte mich hinaus.
Ich beeilte mich von dem Irren wegzukommen. Die nächsten Stunden waren die schwersten meines Lebens. Ich ließ mir von der verschlafenen Schwester seine Krankenakte kommen und studierte sie. Er hatte wirklich nicht mehr lange zu leben. Genauer gesagt, es war ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte. Ungeduldig ging ich alles noch einmal durch. Ich sah den Vermerk, dass er an der rechten Schulter verwundet worden war; ich sah auch den psychologischen Bericht aus dem Krieg, in dem ein Arzt die Vermutung seiner Todessehnsucht verneinte. Ich schickte die Schwester wieder schlafen und als die misstrauische Hexe endlich ging, mixte ich ihm den prachtvollsten Todesbecher zusammen, den die damalige Medizin kannte.
Den Becher in der weit ausgestreckten Hand ging ich zu ihm.
Er schien auf mich zu warten.
„Machen Sie nicht das Licht an“, bat er, als ich eintrat. „Es ist besser so, glauben Sie mir. Stellen Sie einfach das Zeug auf meinen Nachttisch und gehen Sie.“
Ich folgte seinen Worten.
„Wissen Sie“, hörte ich ihn sagen. „Es geschah in diesem Zimmer.“
„Hier?“, fuhr ich erschrocken an der Tür herum.
„Ja. Nun gehen Sie. Und kommen Sie bitte erst in einer Stunde wieder. Es wird alles vorbei sein. Vergessen Sie nicht, den leeren Becher mitzunehmen. Ich will nicht, dass Sie meinetwegen Unannehmlichkeiten bekommen.“
Ich ging. Seltsam, ich hatte keine Gewissensbisse. Bis heute nicht. Nur ein Gefühl, etwas Würdevolles getan zu haben. Ich wollte zu ihm zurückkehren und in seiner letzten Minute bei ihm sein, denn ich war allein, aber er wollte es nicht; ich hatte das sichere Gefühl, dass er es nicht wollte. Er hatte sich genug vor mir entblößt. Mehr, als er sich je vor jemandem entblößt hatte.
Es waren etwa zwanzig Minuten vergangen, als ich zufällig aus dem Fenster meines Zimmers in die Nacht hinaussah. Ich erstarrte, denn es spielte sich dort etwas Furchtbares ab. Ich sah eine rötliche Kugel über dem Dach des Krankenhauses hängen und ich erkannte sie sofort. Sie war so, wie Patient 412 sie beschrieben hatte. Das Dach tauchte in blutiges Rot und über ihm hing dieses kugelförmige Ding, das sich gerade in zwei Halbkugeln teilte, und dann sah ich, wie aus dem sich öffnenden Spalt eine quadratische Garbe grünen Lichts schoss, das durch eines der Fenster drang. Etwas später sah ich einen Mann, der von welligem grünem Licht getragen durch die Lichtgarbe schritt. Ich konnte sein Gesicht nicht erkennen, doch an seinem Gang sah ich, dass es ihm leicht fiel, diesen Weg zu gehen. Er ging hinein. Die Halbkugeln rückten augenblicklich zusammen und verschluckten ihn wie eine riesige Falle. Ich wusste sofort, dass er tot war. Ich stürzte in sein Zimmer.
Seine Hülle lag entspannt auf dem Bett und wie ich auch suchte, ich fand den Becher nicht. Ich tastete jeden Zentimeter des Raumes ab, ich kroch unter seinem Bett herum, aber es war kein Becher da. Dann durchsuchte ich ihn, ich tastete sogar seine Taschen ab, aber es war nichts zu finden. Der Plastikbecher war weg.
