Penta

Autor: Weiß, Arno
Zum Glück ist Bernd ein Mathegenie, das auch noch verständlich erklären kann, worum es geht.

„Ein gleichmäßiges Fünfeck nennt man Pentagramm. Wenn man innen die Punkte verbindet, entsteht ein gleichmäßiger fünfzackiger Stern. Die Linien des Sterns werden im Verhältnis des Goldenen Schnittes geteilt. – Alles klar, Männer?“

Volker, Klaus und Peter hatten es verstanden. Was sie noch nicht verstanden hatten, war das, was sich vor drei Tagen zugetragen hatte und noch nicht zu Ende war.

Schon als Volker kurz vor sieben Uhr auf der Südtangente Richtung Wörth fuhr, wusste er, was ihn am späten Nachmittag hier erwarten würde. Ein Straßenbauunternehmen begann eine größere Baustelle einzurichten, unterstützt von einem städtischen Bautrupp, den man an den leuchtend 
orangeroten Leibchen erkannte. Er hatte von der Baustelle schon vor einigen Tagen gelesen. Die Unterseite der Brücke beim alten Mühlburger Bahnhof musste saniert werden. 
Und so befand er sich gegen 18 Uhr auf der Heimfahrt, die sich 
wie erwartet gestaltete: Stop-and-go-Verkehr und auf der 
Höhe der Knielinger Galopprennbahn kam der Tross völlig zum
Stehen.


Aus seinem Radio schallte gerade Freddy Mercuries „Great Pretender“ und er freute sich auf den kurzfristig arrangierten Grillabend mit seinen drei Busenfreunden und deren weiblichem Anhang. Dann geschah etwas, das nicht nur sein Leben drastisch verändern sollte. Gerade noch summte er gedankenverloren mit Freddie, als, gerade so, als hätte jemand 
einen Schalter umgelegt, das Radio verstummte.

Er sah auf das Display des Radios – es leuchtete nach wie vor. Jetzt bemerkte Volker, dass nicht gänzliche Stille in den Lautsprechern herrschte, sondern ein helles, beinahe sphärisches leises Rauschen zu vernehmen war.

Er war verwirrt, denn das Rauschen, das man bei schlechtem Empfang hörte, klang anders. Was er dann vernahm, ließ ihm die Nackenhaare zu Berge stehen und seine Adern füllten sich schlagartig mit Adrenalin. Das Rauschen schwoll kurz-
zeitig an, um dann einer androgynen Stimme zu weichen: „Die Fünf in der Fünf – golden geteilt.“ – Rauschen.

Volker war so erschrocken, dass er den Satz zwar vernahm aber das Einzige, was er sich merken konnte, war „fünf“ und „geteilt“. Ängstlich schaute er zu seinem Staunachbarn 
hinüber, aber der trommelte beseelt zu einem Lied auf dem Lenkrad. Die Fahrzeugschlange setzte sich gemächlich wieder in Bewegung und kaum war er einige Meter gefahren, begann das Radio wieder das zu spielen, weswegen er es nicht missen wollte – Musik.

Während der Weiterfahrt hatte Volker den Schreck einigermaßen verdaut. Als Kaufmann tat er sich mit technischen Dingen sowieso etwas schwerer und so schob er den „Fünf-und-geteilt“-Satz auf einen Amateurfunker oder Ähnliches. Zwei Stunden später, er hatte mittlerweile seine Frau in Mörsch abgeholt, saßen sie mit Bernd und Peter bei Fred in seinem Ettlinger Garten. Hier holte ihn der „Fünfer-Satz“ schlagartig und unerwartet wieder ein.

„Ich fuhr gerade auf der A5, kurz vor der Ausfahrt Karlsruhe-Mitte, als plötzlich mein Autoradio verrückt spielte“, begann Bernd und Volker wusste plötzlich genau, was jetzt kommen würde.

„Die Fünf in der Fünf … golden geteilt.“, vervollständigte Volker Bernds begonnenen Satz. In der Männerrunde wurde es still.

Fred war der erste, der wieder das Wort ergriff. „Na, ich denke mal, ihr habt einfach zur gleichen Zeit den gleichen Sender gehört.“

Als sich jetzt jedoch Peter einschaltete, wurde nicht nur die soeben von Fred aufgestellte These über den Haufen geworfen, sondern das Quartett fand sich vor einem riesigen 
Fragenberg.

„Ich habe weder Auto noch Autoradio“, begann Peter, „und wenn ihr beiden die Fünfergeschichte nicht erwähnt hättet, ich glaube, ich hätte nie ein Wort darüber verloren.“

„Wie ihr wisst, jogge ich jeden Abend von Durmersheim über Au nach Mörsch und wieder zurück. Mein i-Pod ist immer dabei. Vor etwa zwei Wochen hörte ich zum ersten Mal euren Satz. Ich habe natürlich zu Hause meine Musikdateien überprüft – alles einwandfrei, ohne Störungen. Allerdings höre ich den Satz immer viermal – und er wird von Mal zu Mal deutlicher. Jetzt kommt der Knaller: Ich habe meinen 
i-Pod gelöscht und mit neuen Songs bespielt. Der Satz kommt trotzdem!“

Bei den vier Freunden stellte sich ein Gefühl ein, als wären sie gerade auserwählt worden, als erste auf den Scheiterhaufen zu klettern. Keiner konnte sich ausmalen, wie „warm“ es da oben tatsächlich wird, doch jeder wusste, dass es ein Zurück nicht geben würde.

„Bist du mit deinem Fahrrad hier, Peter?“ Als dieser bejahte, schob Bernd nach: „Hol doch mal bitte deine Fahrradkarten aus der Satteltasche.“

Die Vier machten den kleinen gusseisernen Tisch frei und entfalteten die Karte „Karlsruhe und Region“. Bernd markierte die Stelle, an der er die Stimme aus dem Radio vernahm. Volker tat es ihm gleich. Peter brauchte etwas länger, da er gleich vier Punkte möglichst genau einzuzeichnen versuchte.
Doch die sechs Punkte ergaben weder ein Muster noch einen Hinweis auf irgendetwas, was es zu erklären oder zu finden galt.

Das „Gute Nacht, Inge“ von Bernd war mehr abwesend gemurmelt als gewünscht, denn längst saß er mit seiner Lese-
brille auf der Nase über Peters Fahrradkarte gebeugt und 
versuchte den Punkten ihr Geheimnis zu entlocken. Dass sich eventuell ein System dahinter verbarg, ließ die Tatsache vermuten, dass zwei von Peters und Volkers Punkten exakt auf einer Linie lagen. Seiner schien eher willkürlich platziert und die zwei anderen von Peter lagen zwar nah beieinander, aber das war es vorerst.

Dass er im vermeintlich falschen Fachbereich promovierte, wurde ihm jetzt klar. Geometrie schien hier angebrachter als Analysis. Zumal der zweite Teil des „Fünfer-Satzes“ – „golden
geteilt“ – für ihn eindeutig auf den Goldenen Schnitt hinwies. Die „göttliche Teilung“ einer Strecke hatte nicht nur Pythagoras und Leonardo da Vinci, sondern auch den in 
Karlsruhe tätigen Architekten Friedrich Weinbrenner be-
schäftigt. Nicht nur in dessen zahlreichen Bauwerken finden sich die Proportionen des Goldenen Schnittes, nein, sogar die „Via Triumphalis“, wie man zu großherzoglichen Zeiten die Linie Schlossturm – Pyramide – Rondellplatz nannte, war nach den Regeln des Goldenen Schnittes geteilt. Verbarg sich hier ein 200 Jahre altes Geheimnis?

Bernd kam trotz seiner zahlreichen Ansätze – Peters Fahrradkarte war mittlerweile von unzähligen Linien übersät – nicht weiter. Er holte sich aus dem Kühlschrank ein kaltes Hoepfner Pilsner, während sein Laptop hochfuhr.

Fast war er ein wenig über sich selbst verärgert, dass er nicht früher darauf gekommen war – der moderne Mensch grübelt nicht mehr, er googelt. Er tippte ins Suchfenster „Karlsruhe+Geometrie“ ein und drückte die Enter-Taste. Die ersten Suchergebnisse, die Google auswarf, hatte er so erwartet. „Fächerstadt“ war das am häufigsten angezeigte Wort.

In der Mitte der dritten Seite der Suchergebnisse fiel sein 
Blick auf ein Wort und aufgrund seiner mathematischen Kenntnisse, wenn auch in Geometrie eher rudimentär, 
wusste er, dass er gefunden hatte, wonach er suchte.

Auf der Seite einer esoterisch veranlagten Dame fand er 
einen Artikel über ein imaginäres Pentagramm, das angeblich über Karlsruhe lag. Dass er auf dem richtigen Weg war, wusste er sofort. Schnell brachte er das Fünfeck mit „Die Fünf in der Fünf – golden geteilt“ in Verbindung. Das konnte kein Zufall sein.

Mitte der 90er Jahre hattte ein Professor aus Karlsruhe mit einer gewagten These auf sich und die Fächerstadt aufmerksam gemacht. Verbindet man die Punkte Büchelberg in der Pfalz, Kirche in Eggenstein, Kirche in Kleinsteinbach (von Weinbrenner erbaut), dem Bismarkstein in der Nähe von Frauenalb und der Kirche von Rastatt/Rheinau, zeigt sich 
exakt ein Fünfeck!

Verbindet man die Eckpunkte, ergibt sich ein so genannter Drudenfuß, wie man früher den Fünfzackstern nannte, wenn dieser auf zwei Spitzen stand. Schon Goethe spielte mit diesem grafischen Mysterium, als er seinen Faust zu Mephisto sagen ließ: „Das Pentagramm macht dir Pein.“ Faust hatte auf der Türschwelle einen Drudenfuß geformt, der verhinderte, dass Mephisto den Raum verlassen konnte.

Bernd war beunruhigt und verwirrt und es fiel ihm schwer, in den Schlaf zu finden.

Am nächsten Morgen rief Bernd, der eine Woche Urlaub 
hatte, Peter an, der als freischaffender Grafiker das passende Handwerkszeug hatte, mit dessen Hilfe Bernd seine im Halbschlaf aufgestellte These untermauern wollte. Anfänglich zeigte sich Peter halb verärgert, halb amüsiert über die wilden, spekulativen Linien, die Bernd auf seiner Fahrradkarte hinterlassen hatte.

Dann ging Peter die Sache auf seine Weise an. Er kopierte sich aus Google-Maps den entsprechenden Kartenausschnitt in sein Grafikprogramm Adobe Illustrator und hatte mit wenigen Mausklicks das Pentagramm über Karlsruhe gelegt.

Als die beiden Freunde das Ergebnis betrachteten, lief ihnen ein kalter Schauer über den Rücken und sie wussten, dass ein tiefer Einschnitt in ihr bis darin eher ruhig geführtes Leben bevorstand.

„Erkennst du das Gleiche wie ich, Bernd?“, stotterte Peter mit schwacher Stimme.

„Ich habe es heute Nacht schon vermutet – jetzt bin ich nur noch verwirrt. Wir fahren sofort rüber nach Spessart. Und wenn das passiert, was ich vermute, dann ist nichts mehr so wie vorher!“

Sie fuhren mit Bernds BMW in Ettlingen die Schöllbronner Straße lang und bogen kurz vor dem Ortsausgang rechts in die Alte Steige ein. Die Straße entpuppte sich als Sträßchen, das steil bergauf führte. Das Autoradio war eingeschaltet und Peter hatte seinen i-Pod auf volle Lautstärke gestellt.

Angst war nicht das Wort, das ihren Zustand treffend beschrieb. Es war vielmehr das Gefühl, mit etwas konfrontiert zu werden, das sie sich nicht erklären konnten. Also konnten sie auch nicht sagen, ob sie Angst davor haben müssten.

Sie waren etwa 200 Meter die Alte Steige hochgefahren, als die Musik im Radio schlagartig verstummte und nach anfänglichem Rauschen der schon bekannte Satz zu hören war: „Die Fünf in der Fünf – golden geteilt.“

Doch das war erst der Anfang. Bernd fuhr gerade sein Auto rechts heran, als Peter plötzlich blass und verängstigt auf dem Beifahrersitz zusammensackte. Er hörte in seinem Kopfhörer etwas, was keinen Sinn ergab: „Krud Traweb.“

Geistesgegenwärtig legte Bernd den Rückwärtsgang ein, fuhr einige Meter zurück und erneut hörte Peter das, was er zwar wahrnahm, aber nicht verstand. Dadurch hatte sich Bernds Vermutung bestätigt. Der Schlüssel lag in den Schnittpunkten der Sternlinien. Sie verabredeten sich mit den anderen beiden für den kommenden Samstag und Peter, Hobbymusiker mit eigenem Home-Studio, wusste, welches Equipment er bereithalten musste.

Gespannt steuerte das Quartett am frühen Samstag Nachmittag die Alte Steige in Ettlingen an und als wie erwartet die Stimme erklang, drückte Peter auf den Aufnahmeknopf seines portablen Minidisc-Rekorders, an den er ein empfindliches Kondensatormikrofon angeschlossen hatte. Eine Viertelstunde später erreichten die Vier den nächsten Schnittpunkt zwischen Sulzbach und Neumalsch nahe der Autobahn 5 auf einer Waldlichtung. Aus dem Ghettoblaster, den Volker angeschleppt hatte, vernahmen sie laut und deutlich „Terd Sella“.

Zwischen Mörsch und Durmersheim, an einem alten, halbkreisförmigen Bewässerungsgraben, drückte Peter den Knopf, als er „Chis id mu“ hörte.

Bernd, der Zahlenmensch, war der erste, der es bemerkte. Als sie außerhalb von Daxlanden in den Weg Nr. 4 einbogen, schaute er auf den vergrößerten Kartenausschnitt, den Peter angefertigt hatte, und bemerkte, dass der nächste Schnittpunkt genau in der Verlängerung der Rheinhafen-Becken vier und fünf lag. „Jungs, hier geht es genau um uns vier. Und wenn es stimmt, was ich denke, gibt’s auch noch einen Fünften….“

Mulmig trifft die Gefühlslage der vier Freunde wohl am besten, als aus den Lautsprechern „Ennos id nib chi“ erklang. Beim Wasserturm an der Südtangente hatten sie mit „Latem dnu neits“ das Quintett an Sprachfetzen komplett. Zwar 
hatten sich die vier Männer erhofft, etwas Licht ins Dunkel zu bringen aber genau das Gegenteil war der Fall. Sie hatten
zwar etwas gefunden, wonach sie eigentlich gar nicht suchen
wollten, konnten aber absolut nichts damit anfangen.

Peter spielte die Daten von der Minidisc in sein Musikprogramm Cubase VST, doch egal wie oft sich das Quartett das Gebrabbel anhörte – es ergab einfach keinen Sinn.

„Lass es mal rückwärts laufen“, brummte Fred vor sich hin. Ein paar Mausklicks später waren sie der Lösung ganz nah.

„Bewahrt durch alles dreht um die sich ich bin die sonne stein und metall.“… im Raum wurde es still und die vier Männer bekamen zum ersten Mal Angst. Sie spürten, dass sie von etwas gesteuert, ja förmlich angezogen wurden.

„Das ist der Fünfte, der zu uns spricht.“, grübelte Bernd. „Peter, ändere bitte mal die Reihenfolge der Schnippsel und beginne mit dem „Ich“.“

Mit einem Mal wussten sie, wohin der nächste, finale Weg sie führen würde.

„Ich bin die Sonne, um die sich alles dreht. Bewahrt in Stein und Metall.“

Als sie in Google-Earth in das Zentrum der Sonne, des Penta-gramms, zoomten – Herrenalber Straße zwischen Ettlingens Rundem Plom und Forchheim-Silberstreifen –, entdeckten sie, dass jemand genau an der Stelle Fotos hochgeladen hatte. KLICK – ein Bunker, Altlast aus dem großen Krieg.
Stein und Metall. Am Ziel.

Sie kamen aus Richtung Ettlingen und kurz bevor sie die ersten Häuser von Forchheim-Silberstreifen erreicht hatten, bogen sie links in einen Waldweg ab und parkten das Auto am Wegrand. Obwohl an dieser Stelle der Wald nur sehr licht gepflanzt ist, konnten die Vier wegen der rasch einsetzenden
Dämmerung nicht mehr optimal sehen. Volker beleuchtete
seinen vergrößerten Kartenausschnitt des Zielgebietes mit einer starken LED-Lampe und wies mit dem Zeigefinger in die Richtung, in die es zu gehen galt. Als sie nach etwa 
150 Metern rechts abbogen, war es Klaus, der das pulsierende Licht beim Bunker als erster bemerkte.

Ein klammes Gefühl machte sich unter bei den Freunden breit. Der feuchte, schlammige Untergrund des nicht oft 
begangenen Weges tat sein Übriges, dass die Schritte oftmals unkontrolliert waren. Vielleicht war es auch die Angst – denn zu diesem Zeitpunkt ließ ihr emotionaler Zustand nur noch diese Beschreibung zu: Sie machten sich vor Angst beinahe in die Hosen. Die vier gestandenen Männer spürten, dass sie dem Ziel ganz nahe waren und nur verlieren konnten …

Am übernächsten Tag fuhr Inge, die Frau von Bernd, zur 
Durlacher Polizeistation, um ihren Mann als vermisst zu 
melden. Als sie das Gebäude verließ, kam ihr Volkers Lebensgefährtin Margit entgegen.

Es war ein sonniger Montag. Man schrieb den 7. Mai 2005.