Die Pyramide

Autor: Mummert, Claudia
„Was würde Sandrine dafür geben, das nur ein einziges Mal sehen zu dürfen, zu fühlen, zu erleben – was hier nach der Aussage eines Menschen in Gefangenschaft klingt, stammt in Wahrheit von einer Karlsruher Bürgerin in nicht allzu 
weiter Zukunft. Totale Überwachung, Klimakatastrophe und Regenmänner, deren Gesicht durch den säurehaltigen Regen zerfressen wurde. Das ist ihre Gegenwart. Der Saure Regen zerfrisst überhaupt alles: Häuser, Straßen, Plätze, Pflanzen. Nur die gute alte Karlsruhe Pyramide hält dem Stand und 
die Wissenschaft steht ratlos vor diesem Phänomen. Das freilich beschäftigt das rote Bauwerk nicht und hält so weiter die Erinnerungen wach an eine Zeit, in welcher der Himmel und die Erde den Menschen wohlgesinnt waren ...“

Der Lift beförderte sie innerhalb weniger Sekunden von der Eingangshalle in das zweiundsiebzigste Stockwerk. Bevor
sich die Lift-Tür öffnete, wurde sie noch einmal anhand ihrer
Hautfettanalyse identifiziert. Das war eine der Neuerungen, die auf Sandrines Konzept basierte. Bereits in der Eingangshalle des neuen Sicherheitsgebäudes wurde dieser Test durchgeführt, um ihr danach als registrierte Sandrine Fischer durch die Luftschleuse und den Lift den autorisierten Zuritt zu gewähren. Jede Person hatte eine genau festgelegte 
Autorisierungslinie. Türen, Schleusen und Lifte waren so 
programmiert, dass jeder lediglich für die ihm zugewiesenen Bereiche Zutritt erlangte. Sicherheit war das oberste Gebot. Allein Sandrines personelle Identifizierung wies den Lift an, sie ohne Zwischenstopp in die für sie freigegebene Etage zu befördern. Für diese Meisterleistung der Gebäude-Programmierung hatte sie eine Auszeichnung des Sicherheitsrates 
erhalten. Sandrine setzte sich an ihren Arbeitsplatz und schaltete die Computerkonsole ein. Eine Bilderwand baute sich vor ihr auf, die ihr den Blick auf alle ermöglichte. Durch unterschiedliche Einstellungen und die Wahl verschiedener Perspektiven konnte sie jeden Winkel beobachten, den sie anvisierte. Selbst eine umherhuschende Assel könnte ihr hier nicht entgehen. Doch das Aufspüren von Asseln zählte nicht zu ihren Aufgaben, dafür gab es andere Stellen, die die Population der unangenehmen kleinen Tiere kontrollierten. Sandrines Aufgabe bestand darin, die Stadt mit den entsprechenden elektronischen Anlagen auszurüsten, um die Kriminalitätsrate noch weiter zu senken. Seit Eröffnung des neuen Sicherheitsgebäudes war die Quote von über siebzig auf nunmehr fünfzehn Prozent gesunken, was zu einem Großteil der Verdienst von Sandrines Abteilung war. Zu ihrem Team gehörten eine weitere Frau und zwei Männer, die wie sie Konzepte und Programme ausarbeiteten, mit deren Hilfe die Sicherheit gesteigert werden konnte.

Sandrine holte sich, wie jeden Morgen vor Arbeitsbeginn, die Einstellung der Pyramide heran, vergrößerte sie und überflog die verwaschenen Zeilen der Inschriftentafel. „Guten Morgen, Sandrine“, riss sie eine schrille Stimme aus ihren Gedanken. „Du Tagträumerin! Schon wieder die Pyramide! Was du an diesem alten Ding nur findest. Ich hätte die schon lange abgerissen.“ Alora zog eine Grimasse, die ihrer Abneigung Nachdruck verlieh. Auch Verachtung konnte Sandrine in dem makellos ebenen Gesicht erkennen. Ihre Kollegin und Freundin konnte ihre sentimentale Schwärmerei für die Stadtgeschichte nicht verstehen. Alora wusste, wie geradezu vernarrt Sandrine in dieses alte, historische Gebäude war. Sie hatte kopfschüttelnd zugehört, als Sandrine ihr davon berichtete, wie lebendig sich dieses rote Gebilde aus echtem Sandstein für sie anfühlte. Alora hatte nur schallend gelacht und ihr prophezeit, bei einem Psychologen zu enden, wenn sie diese Schwärmerei nicht aufgebe.

Doch Sandrine ließ sich nicht davon abbringen. Sie liebte dieses alte Überbleibsel der historischen Stadtgeschichte, das jedem Umweltangriff, selbst dem säurehaltigen Regen, trotzte. Weltweit hatte dieses Phänomen Aufsehen erregt. Kein Wissenschaftler konnte es erklären. Pflanzen, Tiere, die ungeschützten Menschen, wirklich alles war zu Beginn der Klima-
katastrophe zerfressen worden, nur diese kleine Pyramide nicht. Das weiche, sanfte Gestein trotzte allen Widrigkeiten. Wie es sich anfühlte, wie es die Wärme des Tages speicherte, es strahlte für Sandrine solch eine Lebendigkeit aus, wenn sie es berührte. Die Pyramide war das einzige Gebäude, das aus der alten Zeit übrig geblieben war und nicht aus dieser Kunststoffmasse bestand, aus der heute alles, zum Schutz vor Verwitterung und Säurefraß, gebaut wurde. Sandrine schaltete das Bild ab und wandte sich ihrer Arbeit zu.

Nach Dienstschluss verabschiedete sich Alora: „Und du? Setzt du dich wieder den ganzen Abend vor deine Infothek, um deinem Hobby, der grauen Vorzeit, zu frönen?“ Sandrine stupste sie freundschaftlich in die Seite. „Die war nicht grau. Die war wunderschön.“ Alora verdrehte die Augen, warf ihr einen Handkuss zu und verließ das Büro. Sandrine lehnte sich kurz in ihrem Stuhl zurück. Alora war ihre beste Freundin. Auch wenn sie ihren Traum von der Vergangenheit nicht 
teilte, war sie doch immer für sie da. Und dafür war sie Alora unendlich dankbar.

Sandrine verließ das Sicherheitsgebäude und trat durch das Portal ins Freie. Der Himmel hatte seine grüngelbe Farbe des
Tages gegen das schmutzige Braun der Abenddämmerung ausgetauscht. Die Smogglocke hing an diesem Abend 
besonders tief. Sandrine meinte den sauren Geruch stärker wahrzunehmen als sonst. Es war ein unangenehmer Geruch, dem sie schnellstmöglich entfliehen wollte. Eine Mischung aus
Schwefel, Fäulnis und Gärgasen. Die Sonderdurchsagen hatten
für die nächsten beiden Tage bereits davor gewarnt.

Sie beschleunigte ihren Schritt und überquerte den Ruinenplatz. Warum sie den nicht schon längst umbenannt hatten? Es waren schließlich keine Ruinen mehr vorhanden. Leider. Sandrine kannte die Stadtgeschichte gut, denn sie verbrachte
Stunden an ihrer Heiminfothek, um sich alte Filme und Fotos
anzusehen. Es waren nicht mehr allzu viele Informationen vorhanden, da der große Regen einen Großteil der Dokumentationen zerstört hatte. Alles was damals nicht bereits auf Mikrodisks gespeichert war, wurde zerstört. Teils durch das Wasser, teils aber auch durch den Säuregehalt des 
Regens. Sandrines Schritt verlangsamte sich, als sie an der
Pyramide vorbeikam. Wie oft schon hatte sie geträumt, in der Zeit der Pyramide zu leben. In der Zeit des blauen Himmels, des neutralen Regens, vor dem man sich nicht schützen musste. 
Heute war das Mitführen eines Regenschutzmantels gesetzlich vorgeschrieben. Als es noch freilebende Tiere gegeben hatte, nicht nur Schaben und Asseln wie heute. Der gesamte Platz, der zu Beginn der Klimaveränderung Marktplatz ge-
heißen hatte, war komplett ausgehoben und untertunnelt worden. Anfangs waren dort Schienen verlegt worden für die damals noch elektrisch angetriebenen Straßenbahnen. 
Heute rauschten die verschiedensten Transportmittel durch 
die unterirdischen Gänge, die sich kilometerweit unter dem gesamten Stadtgebiet erstreckten. Die alte Pyramide mit ihrer
angrenzenden Gruft war nach der Fertigstellung wieder auf den Platz aufgesetzt worden. Sie sollte als letztes Wahr-
zeichen der Stadt erhalten bleiben, auch wenn sich kaum noch jemand für die Geschichte interessierte.

Sandrine ließ sich mit dem Rücken an eine Schräge der Pyramide sinken, wie immer, wenn das Wetter und die Zeit es zuließen, lehnte sich an das rote Gebilde, das sich so lebendig anfühlte, und sah in den Himmel. Das klare Blau, wie sie es aus den Filmen der Archive kannte, musste wunderschön ausgesehen haben.

Ein klickendes Geräusch ließ Sandrine herumfahren. Sie sah in
ein von Narben zerfressenes Gesicht, das sie schief angrinste. Die erkennbaren Zahnreste waren dunkel und Speichelfäden hingen zwischen den wulstigen, aufgedunsenen Lippen. Sandrines Herz begann heftig zu klopfen. Nur nicht die Ner-
ven verlieren, rief sie sich zur Ruhe. Der gesamte Platz war überwacht, so dass ihr nichts passieren konnte. Die ganze Stadt war sicher. Die Verbrechensrate lag nahezu bei null. Sandrine musste es wissen, denn sie arbeitete im Sicherheitszentrum. Doch dieser Regenmann, so wurden die Säure-
regenopfer genannt, scherte sich offensichtlich nicht um 
die Sicherheitsvorkehrungen. Mit breitem Grinsen hielt er Sandrine ein Klappmesser an die Kehle. Ihr Herz raste und ihre Gedanken überschlugen sich. Die Sicherheitsmaß-
nahmen mussten doch greifen! Aus den Lautsprechern sollte ein Alarm ertönen, der wiederum den Polizeimechanismus aktivieren sollte. Doch nichts dergleichen geschah. Diese verfluchte Technik! Erst letzte Woche hatten sie solch einen Totalausfall gehabt, bei dem die Regenmänner ungehindert durch die Straßen zogen und rechtschaffene Bürger überfielen und ausraubten. Das Grinsen wurde breiter, als auch der Regenmann erkannte, dass die Technik erneut versagte. Schmerzhaft bohrte er die Spitze des Messers in Sandrines Kehle. Sie konnte das kleine Rinnsal ihres Blutes spüren, das an ihrem Hals hinab lief. Der Regenmann packte sie grob an der Schulter, zog sie zu sich heran und hauchte ihr seinen nach Fäulnis stinkenden Atem ins Gesicht. „Schnell, deine Karten, alle“, lispelte er. Die Karten, mit denen man Nahrungs-
mittel und Trinkwasser beziehen konnte, waren unter den Regenmännern heiß begehrt und wurden auf dem Schwarzmarkt hoch gehandelt.

Sandrine strich mit den Händen über die Oberfläche der Pyramide. Sei es, um sich zu beruhigen, sei es, um nach etwas Greifbarem zu tasten, mit dem sie sich hätte zur Wehr setzen können. Der Text der Inschrifttafel, den sie seit Jahren auswendig kannte kam ihr in den Sinn und sie begann ihn mit geschlossenen Augen aufzusagen: „Hier wo Markgraf Carl einst im Schatten des Hartwaldes Ruhe suchte, und die Stadt sich erbaute, die seinen Nahmen bewahrt auf der Staette, wo er die lezte Ruhe fand, weiht ihm dies Denkmahl das seine Asche verschliest, in dankbarer Erinnerung Ludwig Wilhelm August Grosherzog 1823.“ Ein Beben ging durch das alte Gestein. Sandrine öffnete erschrocken die Augen und hielt die Luft an. Der Regenmann schien das Beben auch bemerkt zu haben, denn sein Grinsen wich einer skeptischen Fratze. Ein tiefes Grollen ertönte aus dem Inneren der Pyramide, 
was den Regenmann dazu veranlasste, die Klinge tiefer in Sandrines Kehle zu bohren. „Los jetzt, die Karten, oder du bist tot.“ Ein lautes Schleifgeräusch ließ das alte Denkmal erzittern. Sandrine sah in das angstvoll verzerrte Gesicht ihres Angreifers, der sich ruckartig von ihr abwandte und mit humpelndem Gang, ein Bein nachziehend, die Flucht ergriff. Sandrine drehte sich langsam um und riss vor Erstaunen die Augen weit auf. Ein kleiner spitzer Schrei entwich ihrer Kehle.
Die schwere Steinplatte mit der alten, fast unleserlichen Inschrift hatte sich geöffnet. Ein sonderbar gekleideter Mann mittleren Alters stand milde lächelnd vor ihr. „Stets zu Ihren Diensten, meine Gnädigste. Ich hoffe, ich habe Ihren Wider-
sacher für immer in die Flucht geschlagen.“ Mit diesen Worten
fasste er Sandrines Hand, beugte sich tief darüber und deutete einen Handkuss an. Fast hätte Sandrine ihre Hand zurück-gezogen. Doch eine innere Stimme sagte ihr, sie müsse sich nicht fürchten. Sie musterte den gutaussehenden Herrn von oben bis unten und kniff die Augen zusammen, als könne sie dadurch seine Identität erfahren. Noch immer hatte keiner
der Sicherheitsmechanismen angeschlagen, nicht einmal bei der Erschütterung an der Pyramide. Der fremde Retter sah bestürzt auf Sandrines Hals, zog ein hellblaues Tuch aus seiner Brusttasche und band es vorsichtig um die Wunde. Sie musste lächeln. Wie im Traum stand sie da und ließ alles geschehen. Dieser Mann in dunkelblauen Kniebundhosen und weißer Hemdbluse, deren Rüschenkragen unter einer ebenso dunkelblauen Samtweste hervorquoll, hatte etwas an sich, das sie regelrecht dahinschmelzen ließ. Ihr Herz schlug 
heftig, doch diesmal nicht vor Angst, eher vor Verlegenheit. Wie ein Teenager fühlte sie sich, als er sie mit seinen strahlend blauen Augen ansah. Sie hatte das Gefühl, als blicke er bis in ihre Seele. Ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit legte sich über Sandrine. „Gnädiges Fräulein, darf ich mich vorstellen? Mein Name ist...“ Lautes Heulen der Sirenen zerriss die besondere Spannung, die Sandrine zwischen sich und ihrem Gegenüber spürte und hallte zwischen den Gebäuden des Ruinenplatzes wider. Sandrine riss den Kopf herum, um nach der Ursache des Lärms zu forschen. Noch in der Bewegung wurde ihr klar, dass nun endlich alle Sicherheitsmechanismen zu greifen schienen und diesen Höllenlärm verursachten. Sie drehte sich wieder zu ihrem Retter um, doch sie sah ledig-
lich die geschlossene Inschriftentafel der Pyramide. Verwirrt 
blickte sie nach rechts und links, doch von dem Herrn, der sich ihr eben noch hatte vorstellen wollen, war nichts mehr zu sehen. Mit beiden Händen drückte sie gegen die massive
Steinplatte, doch sie ließ sich keinen Millimeter bewegen. „Hallo?“ rief sie über den Platz, in der Hoffnung, dieser besondere Mann würde durch den Ruf zurückkehren. „Das gibt es doch gar nicht!“, schimpfte sie und stampfte mit dem Fuß auf. So ein toller Mann, und so plötzlich verschwunden. Das war unmöglich. Sie hatte ihn doch gesehen. Und so schnell konnte er doch gar nicht in ein nahegelegenes Gebäude gelangen, geschweige denn in der Pyramide verschwinden. Hatte sie sich das alles vielleicht nur eingebildet? Sie griff sich mit beiden Händen an den Hals und spürte das Tuch. Erleichterung machte sich breit. Nein, sie hatte keine Halluzination gehabt. Aber wo war ihr Retter? Sie klopfte erneut an die Inschriftentafel und bat den Unbekannten flüsternd, fast flehend, doch wieder herauszukommen. Wie gerne hätte sie sich bei ihm bedankt, wie gerne hätte sie seinen Namen gekannt und seine Geschichte angehört.

Der Polizeitrupp rückte an, sicherte den Platz und stürmte auf Sandrine zu. „Alles in Ordnung? Sind Sie verletzt? Wo ist er hin?“ Der Einsatzleiter besah sich kurz Sandrines Hals und blickte sich dann suchend um. „Das System hat leider zu spät reagiert. Wir haben den Regenmann auf dem Monitor 
gesehen. Gut, dass Ihnen nicht mehr passiert ist. Warum hat er denn von Ihnen abgelassen?“ Sandrine schüttelte den Kopf, zuckte mit den Schultern und antwortete zaghaft: „Der Mann aus der Pyramide hat ihn durch sein Erscheinen 
vertrieben.“ Sie erntete ein mitleidiges Lächeln. „Wovon 
reden Sie? Da war kein Mann. Sie stehen unter Schock. Sie sollten sich untersuchen lassen.“ Mit diesen Worten winkte er seine Mannschaft heran, um sich wieder zurückzuziehen.
Sie verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren, und sie stand wieder allein auf dem inzwischen ruhigen Ruinenplatz neben der Pyramide. Die Einsatzgruppe hatte ihren 
Helden also gar nicht gesehen. Doch das war unmöglich. Die Kameras waren so eingestellt, dass, egal aus welchem Blickwinkel, das gesamte Areal zu überblicken war. Nicht einmal eine Schabe konnte den Kameralinsen entgehen. Sie musste unbedingt noch einmal zurück ins Büro!

An ihrem Arbeitsplatz angekommen, schaltete sie die Wiedergabe der Aufzeichnungen ein und verfolgte, was soeben
passiert war. Sie konnte sich selbst über den Platz eilen 
sehen, beobachtete, wie sie sich an die Pyramide lehnte, und sah den Regenmann, der sich langsam anschlich. Gänsehaut lief ihr den Rücken hinunter. Sie hatte tatsächlich sehr viel Glück gehabt. Normalerweise endeten solche Überfälle mit 
schwersten Verletzungen. Die Regenmänner waren nicht zimperlich in puncto Kartendiebstahl. Jetzt kam der Moment,
in dem sich der Regenmann erschrocken zurückzog. Eine Bildstörung flimmerte über die Leinwand. Sie spulte die Sequenz noch einmal zurück und startete sie ab dem entsetzten Zurückweichen des Regenmannes. Doch wieder sah sie lediglich einen hellen Schein, der die Inschriftentafel der Pyramide überdeckte, so dass nichts zu erkennen war außer diesem hellen Licht. Nicht einmal annähernd war eine Gestalt auszumachen. Den Regenmann konnte sie weglaufen sehen. Dann bewegte sich der Lichtschein auf sie zu. Sie vergrößerte das Bild, doch auch so war nichts zu erkennen. Das Licht schien sie einzuhüllen, so dass auch ihre Gestalt langsam zu verschwimmen begann. Und dann? Dann war plötzlich alles wieder normal. Sie stand alleine an der Pyramide und blickte sich um. Sie konnte die Polizeieinheit ausrücken sehen und ihr anschließendes Gespräch mit dem Einsatzleiter be-
obachten. Sandrine konnte es nicht fassen. Keine Spur von
ihrem Retter! Kein Hinweis auf das Öffnen der Pyramide!
Kein feiner Herr, der sich um ihre Verletzung am Hals
kümmerte! Sie schüttelte ungläubig den Kopf und schaltete
resigniert die Monitorleinwand ab. Sie hatte so sehr gehofft,
eine Erklärung zu finden. Zuhause setzte sie sich sofort vor ihre Infothek und rief die Stadtgeschichte auf und alles, was mit der Pyramide zu tun hatte. Sie hoffte auf Bilder, Fotos oder Geschichten, die ihr das Geschehene erklären konnten.
Doch sie fand nichts, was auch nur annähernd einer Er-
klärung nahe kam.

Im Laufe der nächsten Tage verbrachte sie jede freie Minute
an der Pyramide, in der Hoffnung, der Fremde zeige sich erneut. Sie klopfte an die Inschriftentafel, sprach mit der Steinplatte und kam sich selbst bereits komisch dabei vor. So absurd die Vorstellung eines Mannes aus der Vergangenheit auch für sie war, so faszinierend fand sie den Gedanken daran, der immer mehr Gestalt in ihr annahm. Sollte es ein Herr aus der Vergangenheit sein, dann hätte sie vielleicht die 
Möglichkeit, ihm zurück in seine Zeit zu folgen. Die Wissenschaft hatte es bereits geschafft, in die Zukunft zu reisen. Warum sollte man dann nicht auch in die Vergangenheit reisen können? In eine Zeit, in der es Pflanzen gab, die in sattem Grün überall zu wachsen schienen, eine Sonne, die nicht alles erbarmungslos unter sich verbrannte, und Regen, der als Trinkwasser auf die Erde fiel? Ein Traum. Was würde sie dafür geben, das nur ein einziges Mal sehen zu dürfen, zu fühlen, zu erleben. Hier in dieser unfreundlichen Zeit hielt sie nichts und in die Zukunft wollte sie nicht. Dort sah es noch trostloser aus. Sie hatte genügend Berichte gesehen von 
denen, die aus der Zukunft zurückgekehrt waren. Es wurden inzwischen sogar Urlaubsreisen in das nächste Jahrtausend angeboten. Ein Leben unter der Erde, das als Komfort und Luxus verkauft wurde. Sandrine kannte jedoch die Hintergründe. Das Leben fand ausschließlich unter der Erde statt, da die Intensität der Strahlung ein extrem gesundheitsschädliches Ausmaß angenommen hatte. Ein Leben auf der Erde war unmöglich geworden. Wie lange die Erdoberfläche diese
Strahlung noch abhalten konnte, war ungewiss. Und die 
Zeitreisen waren begrenzt. Sandrine vermutete, dass ein weiteres zeitliches Vorrücken nicht mehr vor der Bevölkerung vertretbar sei und man deshalb die Menschen im Glauben ließ, dass die Wissenschaft noch nicht so weit reisen konnte.

Sie wollte nicht voraus. Sie wollte zurück. Zurück in die Zeit, in der der Ruinenplatz erbaut worden war.

Inzwischen lehnte sie täglich an der Pyramide, sah sich immer wieder die Aufzeichnungen an und täglich träumte sie davon, ihrem Retter in die Vergangenheit zu folgen. Auch Alora entging diese „Spinnerei“ nicht, wie sie es bezeichnete. „Was du nur an dieser Zeit finden kannst. Da wurde sogar noch körperlich gearbeitet. Stell’ dir das mal vor. Da mussten sogar die Lebensmittel noch zubereitet werden. Ein Unding.“ Sandrine lächelte ihr zu und sagte: „Alora, genau das ist es, was ich will. Das bedeutet für mich Leben. Nicht dieses sterile Vegetieren, das wir heute als Leben bezeichnen.“ „Und was ist mit der Gewalt, die damals überall herrschte?“ Sandrine zog die Augenbrauen nach oben. Eine Idee war ihr in den Sinn gekommen. Sie umarmte Alora stürmisch und antwortete lachend: „Gewalt. Das ist es. Alora, Du bist meine Freundin. Jetzt weiß ich, wie ich es schaffen kann. Komm mit.“ Sandrine wusste nun genau, was zu tun war. Sie eilte zurück in ihr Büro, gefolgt von Alora, die ungläubig zusah, wie Sandrine einige Tastenkombinationen auf ihrem Terminal eingab. „Du wirst doch nicht“, begann Alora, wurde jedoch von Sandrine durch ein ungeduldiges Winken zum Schweigen gebracht. „Alora, gib’ mir zehn Minuten. Du kannst von hier aus alles beobachten. Bitte.“ Sandrine sah ihre Freundin mit flehendem Blick an. „Bist du dir ganz sicher?“ fragte Alora leise. Die Antwort konnte sie in Sandrines Augen ablesen.

Sandrine umarmte Alora noch einmal und stürmte aus dem Büro. Alora setzte sich kopfschüttelnd vor das Terminal und schaltete das Bild der Pyramide ein. Sie konnte bereits Sandrine
sehen, wie sie über den Ruinenplatz rannte, sich gegen die Pyramide lehnte und mit geschlossenen Augen das Gesicht dem Himmel zuwandte. Alora fühlte sich schlecht. War es richtig, was sie hier taten? Wenn es nun schief ging? Wenn Sandrine sich geirrt hatte? Alora sah mit Schrecken zwei Regenmänner aus dem Tunnelsystem kriechen. Sie gingen
zielstrebig auf Sandrine zu. Schon packte der eine ihre Freundin an der Schulter und riss sie zu sich herum. Alora hielt den Finger über der Taste, die den Sicherheitsmechanismus wieder einschalten würde. Sie sah in Sandrines Gesicht, das keinerlei Angst zeigte, und zog den Finger wieder ein Stückchen zurück. Noch war nichts Schlimmes geschehen. Doch jetzt stand auch der zweite Regenmann bei Sandrine und zerrte an ihrem Arm. Aloras Herz klopfte bis zum Hals. Ihr Blick fiel auf die Uhr. Noch eine Minute. Dieses Zeitlimit hatte sie Sandrine versprochen. Alora holte das Bild näher. Noch immer war keine Spur von Angst in Sandrines Gesicht auszumachen. Plötzlich ging ein Rucken durch das Bild. Alora sah mit weit aufgerissenen Augen zu, wie sich ein Lichtstrahl neben der Inschriftentafel aus der Pyramide zwängte, immer breiter wurde, um dann Sandrine vollständig zu überdecken. Alora beobachtete, wie die beiden Regenmänner mit entsetzten Gesichtern davonrannten. Der Lichtschein verharrte noch einen Moment, dann verschwand er auf dieselbe Weise, wie er gekommen war. Alora beugte ungläubig den Kopf nach vorne, um näher an dem Bildschirm zu sein. Der Platz war leer. Sandrine war verschwunden. Alora lehnte sich zurück und sagte laut: „Sandrine, du Verrückte. Du hast es tatsächlich geschafft. Ich wünsche Dir viel Glück in deinem neuen Leben. Vergiss mich nicht.“ Eine Träne lief über ihre Wange, während sie mit der Taste die Sicherheitseinstellung wieder aktivierte.