- Arndt, Annabell-Eva - Marani
- Arzt, Hans-Christian - Das Geheimnis der Pyramide
- Chankov, Boris - Die letzte Kandidatin
- Frey, Andreas - Das Licht
- Hatfield, Kale - Die Fahrt
- Heck, Gaby - 2713–die Rückkehr
- Kampermann, Sabine - Pyramiden
- Keßler, Patricia - Viel vor
- Matthias Falke - Ein Störfall
- Meiswinkel, Beate - Die Blumenfrau
- Merkle, Boris - Aufstand
- Merkle, Boris - Das Ding in der Zelle
- Mummert , Claudia - Die Pyramide
- Ochs, Andrea - Tagebuch von Robert Miller
- Pukowski, Brigitte - ViVa
- Schlosser, Johannes - Patient 412
- Weiß, Arno - Penta
2713–die Rückkehr
Autor: Heck, Gaby
Sirrend schwebte die 20-jährige Rika mit ihrem Luftgleiter, einem so genannten Treptok, in einem weiten Bogen über die äußeren Türme ihrer Heimatstadt. Bewundernd seufzte sie beim Anblick der vielen Türme, die im Sonnenlicht in allen Farben schillerten und strich sich ihre blonden Locken hinter die Ohren. Früher hatten sich zwischen den Gebäuden unter ihr angeblich Straßen befunden und die Menschen und Fahrzeuge hatten sich dort nur auf der Erde bewegen können.„Da haben wir es heute aber viel einfacher“, sinnierte sie. „Wir brauchen den Platz unten nur als Parkdocks und können uns dreidimensional in jeder Höhe fortbewegen.“
Seit der Gründung der ehemaligen Stadt Karlsruhe mit der Grundsteinlegung des Schlosses am 17. Juni 1715 durch den Markgraf Karl-Wilhelm von Baden-Durlach sind fast 1000 Jahre vergangen und wir befinden uns jetzt im Jahr 2713.Zur großen Trauer der Bewahrer sind neben der Pyramide nur noch das Schloss und der umgebende Park erhalten geblieben.
Die früheren Gebäude in den ehemals strahlenförmigen Straßen waren im inneren Ring durch insgesamt 30 keilförmige, 80-geschossige Türme ersetzt worden. Diese erstreckten sich in immer breiterer Keilform in 20 Reihen bis zum äußerenStadtring. Die beiden neben dem Pyramiden-Grabmal des Gründers befindlichen silbernen Komplexe waren hingegen 200 Geschosse hoch und bedeckten als Riesenkeil die Fläche vom Innen- bis zum Außenring. Sie beherbergten die Zentrale – und somit auch den Arbeitsplatz aller Turm-Bewohner.Rika lebte – seit sie das Alter der Eigen-Verantwortlichkeit erreicht hatte – in einem der im Innenring liegenden so genannten Single-Türme, der lauter kleine Appartements für Einzelpersonen beinhaltete. Die jedem zu stehende Wohneinheit in diesen Türmen war 20 qm groß – und diejenigen, die das Glück oder die guten Beziehungen zur Obrigkeit hatten und eine außenliegende Wohneinheit zugeteilt bekamen, verfügten entsprechend der Keilform über größere Wohneinheiten.
Nach diesen Single-Türmen folgten zuerst jeweils die Paar- und zuletzt die Familientürme, die alle keine Größenbegrenzungen in ihren Wohneinheiten hatten, was Rika und ihre Freundinnen immer wieder erboste. Sie hatte schon gemeinsam mit Tinni, ihrer besten Freundin, überlegt, ob sie sich nicht als Paar ausgeben sollten, um in den Genuss einer größeren Wohnung zu kommen. Leider mussten sie sich jedoch eingestehen, dass sie damit nahezu ihren finanziellen Rahmen sprengen würden und zudem ihre Chancen bei den Männern rapide sänken.
Rika, die erschöpft von ihrem Job in der Zentrale heimkehrte, machte einen lässigen Schlenker in der Luft und landete mit ihrem eiförmigen fliegenden Treptok auf dem Dach ihres blauen Heimat-Turms auf Dock 87/315. Sobald die Halteklammern arretiert waren, begann ein Scanner ihren Treptok und sie selbst zu durchleuchten. Rika strahlte den Scannerschirm an und streckte ihm dann genüsslich die Zunge raus. Erst nachdem das Rasterbild eine 100-prozentige Übereinstimmung ergab, öffnete sich die Schleuse und ihr Gefährt wurde durch den Aufzugschacht in ihre Wohneinheit befördert.
Dadurch bekam sie allerdings weder die Nachbarn reihum noch die über und unter sich jemals zu Gesicht. Außer beim Starten und Landen oben auf dem Dach.
Sobald ihr Treptok im Appartement an der Ladestation angedockt hatte, drückte Rika auf einen gelben Knopf. Sirrend schwang das Dach nach oben weg und sie quälte sich aus ihrem Sitz heraus. Die gefilterte Raumluft duftete nach Wald und sie erinnerte sich, dass sie morgens die Meeresluft nicht mehr ertragen und kurzerhand ihren Luftfilter umprogrammiert hatte. Hungrig ging sie zur Küchenwand und ließ sich anzeigen, welche Gerichte noch bevorratet waren. Schnell entschied sie sich und nach entsprechendem Tastendruck aktivierte sich der Essens-Regenerator. Schon nach 20 Sekunden öffnete sich die Klappe und Rika schnappte sich den Teller. Während sie genüsslich schnupperte, schloss sich die Klappe selbsttätig. Rika schleuderte ihre Schuhe beim Laufen in die Ecke und tappte barfuß zu ihrer Couch, fläzte sich gemütlich in die rechte Ecke, deponierte ihre Füße auf dem Couchtisch und den Teller auf dem Bauch. In Windeseile war der Teller leer. „Ach, nee“, maulte Rika, „ich hab’ immer noch Hunger, ich glaub‘, ich mach‘ nach dieser kurzen Relaxpause noch einen kleinen Ausflug, um irgendwo in Gesellschaft anderer Menschen meinen restlichen Hunger zu stillen.“
Jetzt wesentlich besser gelaunt, tappte sie in die Waschzelle,riss sich ihre Klamotten vom Leib und stopfte sie in den Wäscheschacht. Die Wäsche landete im Keller, um dort gereinigt zu werden und rechtzeitig zum nächsten Morgen und leider auch nächsten Arbeitstag als Paket in ihrem Eingangsschacht wieder aufzutauchen.
„Wasser: 30°, Seife: Rosenduft“ forderte Rika und kaum ausgesprochen, fingen reihum die Wasserdüsen an, sie von Kopf bis Fuß zu besprühen. Für mindestens zehn Minuten genoss sie das Prasseln, bevor sie forderte: „Temperatur auf 25° und in 60 Sekunden beenden – dann Föhn.“ Rika reckte genüsslich die Arme nach oben und ließ sich ringsum von der sanften Warmluft trocknen.
„In den Freizeitklamotten fühlt man sich doch gleich viel besser“, dachte Rika und knallte das Dach ihres Treptoks zu. „O. k., trepi, alle Systeme starten – und - los geht’s!“, forderte sie fröhlich vor sich hin summend: Rasend schnell startete sie kurz danach draußen vom Dach und statt ihrem Bordsystem die Zielkoordinaten einzugeben, befahl sie: „System auf Freiflug umschalten – los!“ und zog den Gashebel hoch. In rasantem Tempo schoss sie hoch nach oben und manövrierte sich geschickt zwischen Dutzenden von in allen Höhen und Richtungen umherschwirrenden Flugobjekten hindurch. „Zum Glück gibt es seit rund 100 Jahren für jeden Flieger Schutzvorrichtungen, die jeglichen Zusammenprall verhindern, sonst wäre dieser grüne Mistflieger bestimmt in mich reingedonnert!“, murrte sie und zog den Steuerhebel herum, um gleich darauf wieder vor sich hinpfeifend weiterzusirren. Im gelben Turm, vorne in der Spitze, mitten im Stadtkern mit Blick auf den alten Schlosspark, war erst letzte Woche eine neue Kneipe aufgemacht worden. Das war ihr beim Duschen eingefallen, vielleicht hatte sie auch der Waldduft noch ein bisschen inspiriert. Sie veränderte ihre Flugbahn und begab sich gen Süden zum äußeren Ring, um zuerst noch einmal die Farbenpracht der schillernden Türme zu bewundern, bevor sie wieder Richtung Mitte schwenkte und in großen Schleifenüber der Stadt herumkurvte. So im spätnachmittäglichen Sonnenlicht sah die ganze Stadt von oben wunderschön aus. Besonders gefielen ihr immer die Farbschattierungen der einzelnen Turmreihen, die innen ganz hell waren und dann nach außen immer dunkler wurden. „Nur in das grüne Herz mit dem uralten Schloss dringen kaum noch Sonnenstrahlen vor“, bemerkte sie. „Ups, jetzt bin ich doch glatt schon am gelben Turm vorbei“, murmelte Rika vor sich hin und schwenkte den Lenkhebel schnell nach links unten und gleich wieder nach vorn, um zu den Spitzen der Türme zu gelangen. Langsam verringerte sie die Höhe und wollte in einem Halbkreis auf den gelben Turm zusteuern, als ihr siedendheiß einfiel, dass sich ja über dem Park eine riesige, kuppelförmige Schutzhüllebefand – und der würde sie jetzt gleich bedenklich nahe kommen. Kaum zu Ende gedacht, machte ihr kleiner Flieger einen Hüpfer, verlor ungewollt an Schubkraft, alle Anzeige-tafeln flackerten auf und waren schlagartig dunkel.
Rika hämmerte fluchend mit der linken Faust auf die Tastatur, während die rechte am Lenkknüppel herumriss. Es nützte alles nichts und bevor sie richtig merkte, was passierte, war das Treptok ganz sanft zwischen hohen Eichen auf grünem Gras gelandet.
„Na, jetzt bin ich aber mal gespannt, was das soll und wie ich hier wieder rauskomme!“, seufzte Rika und starrte auf die dunklen Anzeigetafeln, als sich mit einem leisen Schmatzen das Dach ihres Fliegers wie von Zauberhand öffnete.
„Willkommen, verehrte Domna Killana!“, sagte eine dunkle Stimme und Rika blickte verständnislos in ein hübsches Männergesicht mit dunklen Augen, umrahmt von schwarzen Locken, das sie anstrahlte.
„Wer, wie, was …“, stotterte sie und auch der junge Mann stockte plötzlich. „Verdammt, wer sind denn Sie?“, fragte er erschrocken. Sofort klappte er seine Visierklappe übers rechte Auge und rief: „Tonko – sofort den Schutzschild deaktivieren, hier ist ein falscher Flieger gelandet, die Dame Killana muss aber auch jeden Augenblick reinkommen. – Und Sie steigen bitte mal ganz langsam aus und erklären mir, warum Sie in unseren Luftraum eingedrungen sind!“
Inzwischen waren die beiden auch schon von mehreren anderen jungen Leuten umgeben und ein Scanner tastete Rika und ihr Treptok ab. „Alles o. k., sie hat keine Waffen an Bord“, meinte ein großgewachsener blonder Jüngling, dem ein Zopf über die linke Schulter bis fast zum Gürtel hinab fiel.
Wieder sirrte die Luft und einige Meter hinter ihnen landete erneut ein Flieger, wie Rika ihn noch nie gesehen hatte. Dieserbesaß eine lange, schmale Form, bot Platz für mindestens 10 bis 15 Passagiere und eine umgebungsreflektierende Außenhaut. Kaum waren die Motoren verstummt und das Fluggerät stand still, da verschmolz es nahezu mit der Umgebung, musste Rika verblüfft feststellen.
„Gott sei Dank, es ist die Domna Killana mit ihrem Gefolge, schließ‘ sofort den Schutzschirm!“, befahl der Blondschopf und stapfte mit einigen seiner Gefährten hinüber.
„Also, ich bin Bezumo – wer bist du? Und was willst du bei uns?“, fragte der Mann, der Rika begrüßt hatte und den sie kaum älter als sich selbst einschätzte.
„Ich heiße Rika und wohne dort drüben im ersten blauen Single-Turm.“ Verwirrt gestikulierte sie in Richtung der Türme, die hinter den hohen Bäumen nur verschwommen zu erkennen waren. „Eigentlich wollte ich mir die neue gelbe Kneipe mal anschauen, aber ich muss gestehen, ich bin vom Kurs abgekommen und als ich’s merkte, war’s schon zu spät“, bekannte sie seufzend und fuhr fort: „Ich wusste aber gar nicht, dass man hier herein kann und erst recht nicht, dass hier jemand lebt.“
„Wir sind die Bewahrer und leben seit 16 Generationen hier. Unsere Vorfahren haben sich geweigert, in die Türme zu ziehen und sich dem Kommando der Zentrale zu unterstellen. Sie errichteten den Schutzschirm und die Zentrale hat weder Kontrolle über uns noch kann jemand ungewollt eindringen – außer dir jetzt. Seit damals leben wir hier autark.
Es ist wirklich ein Jammer, dass ausgerechnet, als wir den Korridor für die Dame öffneten, du dein Fliege-Ei reinmurksen musstest. Was den alten Spruch – Frau am Steuer… – mal wieder bewahrheitet“, grinste Bezumo sie herausfordernd an.
Rika stampfte erbost mit dem Fuß auf und funkelte ihn mit ihren blauen Augen wütend an.
„Ich bin nur eine Klitzekleinigkeit abgedriftet und dann konnte ich gar nichts mehr machen – ihr habt mein trepi hermanövriert und nicht ich, schließlich wollte ich überhaupt nicht hierher, sondern nur in Ruhe ‘ne Kleinigkeit essen gehen. Und am besten ich steige gleich wieder ein und mache mich vom Acker!“
„Sachte, sachte, junge Dame, ich hab’s nicht böse gemeint“, versuchte Bezumo einzulenken. „Leider kannst du vorerst nicht raus. Du kannst erst abfliegen, wenn wir den Abflug-korridor für die Domna Killana öffnen.“ Er deutete mit dem Daumen nach hinten, wo sich eine immer größer werdende Menschenmenge um den anderen Flieger und die Gruppe der Ankömmlinge scharte.
„Und wann bitte wird das sein?“, erwiderte Rika herausfordernd und strich sich ihre zerzausten Locken zurück.
„Oh, ich weiß es nicht so genau, kommt drauf an wie viel es zu besprechen gibt – vielleicht eine oder zwei Wochen“, lautete die ungerührte Antwort.
Rika war kurz davor, vor lauter Wut zu platzen oder in ihr trepi zu beißen. Sie griff nach oben, um die an ihrer rechten Schläfe befindlichen Kommunikationsklappe vorzuschieben, doch Bezumo meinte: „Sorry, die funktionieren bei uns nicht.“
„Aber Blondzöpfchen hat doch auch eine benutzt.“
„Klar, wir haben im Prinzip fast die gleichen. Wir benutzen ebenfalls ein weltweites Strahlen-Kommunikations-Netz – aber wir kommunizieren nur auf der siebten Ebene – das schaffen eure nie. Ihr könnt euch nur auf den Ebenen 1 bis 5 tummeln. Die anderen Ebenen werden durch unsere Schutzräume abgeschirmt … Es tut mir leid, ich will dich nicht ärgern. Darf ich dir erstmal die anderen vorstellen und dir alles zeigen – und vielleicht kann ich dich im Kampf gegen den Hunger unterstützen?“, blitzte er sie mit seinen fast schwarzen Augen vergnügt funkelnd an.
„Na gut“, lenkte Rika ein und blickte neugierig zu den anderen, die in langer Reihe auf das im Sonnenlicht funkelnde Schlossportal zuwanderten. „Ist das schön“, seufzte sie ungewollt auf, „ich dachte gar nicht, dass die Sonne hierhervordringt.“
„Wenn wir nicht diesen besonderen Schutzschild hätten, der vom Sonnenauf- bis zum Sonnenuntergang die ganzen Sonnenstrahlen hereinreflektiert, würde hier kein Grashalm wachsen und die Baumriesen wären schon vor Jahrhunderten gestorben. Unsere Plantage hinterm Schloss könnte uns nicht mehr ernähren … – warte nur, bis ich dir alles gezeigt habe.“
Gleichzeitig wandten sie sich um und folgten den anderen hinein.
Im Foyer blickte sich Rika staunend um, solche altertümliche Pracht kannte sie bislang nur von Bildern, und sie fühlte sich Jahrhunderte in der Zeit zurückversetzt. „Wie mögen die Menschen damals wohl gelebt haben?“, sinnierte sie und folgte Bezumo in einen großen, festlich geschmückten Saal. An langen Tafeln, auf denen riesige Kerzenleuchter funkelten, die übervolle Essplatten beleuchteten und sich in Gläsern und Karaffen spiegelten, nahmen die ersten Menschen Platz. Der ganze Saal summte vor Stimmen, Gelächter und auf Parkettboden zurechtgerückten Stühlen. Ungerührt umfassteBezumo ihren Ellbogen und führte Rika zu einem an der rechten Saalseite befindlichen Tisch, an dem schon Blondzöpfchen und mehrere jüngere Männer und Frauen saßen. Bevor sie richtig erfassen konnte, wie ihr geschah, saß sie am Tisch. Gerade als Bezumo zum Sprechen ansetzte, erklangein hoher Gong, der alles übertönte, und schlagartig verstummten alle Geräusche. Gebannt starrte Rika auf einen hochgewachsenen alten Mann, der vorne in der Saalmitte auf einem breitgeschwungenen Podest stand. Seine weißen Haareund ein schlohweißer Bart reichten ihm bis über die Hälfte des Oberkörpers und leuchteten auf seinem bodenlangendunkelblauen Umhang. Bedächtig blickte er sich im Saal um. Rika fühlte sich, als seine stechend blauen Augen direkt in ihre Seele schauen könnten, doch weder konnte sie ihren Blick abwenden noch war sie zu irgendeiner anderen Be-wegung fähig. Der Kontakt konnte nur einen Sekundenbruchteil gedauert haben, bevor die Augen weiterwanderten, doch kam es ihr wie eine Ewigkeit vor. Seltsamerweise fühlte sie sich aber nach dem ersten Unbehagen jetzt willkommen geheißen und seltsam geborgen.
Seine tiefe, dröhnend klare Stimme drang bis in den letzten Winkel, als er die neben ihm stehende zarte Frau begrüßte, die in fremdartig wirkende, weich fallende seidige Schleiergehüllt war, die sie von den Schultern bis zu den Füßen umgaben. Ihre beiden Begleiterinnen, die versetzt hinter ihr standen, waren in ähnliche Gewänder gehüllt. Die drei ziemlich dunkelhäutigen Männer, die den Rest ihres Gefolges darstellten, glichen eher alten Stammeskriegern.
Graziös neigte die Domna Killana den Kopf, dankte dem alten Herrn und begrüßte mit heller, weittragender Stimme die Anwesenden.
„Ich grüße unseren obersten Bewahrer, den verehrten Domnus Mirrlu, und alle meine hier anwesenden Mitstreiter. Danke für den herzlichen Empfang. Jetzt möchte ich noch gar nicht auf die Mission eingehen, die meine Begleiter und mich herführt, sondern mit euch dieses vortreffliche Essen genießen. Wenn wir dann geruht haben, treffen wir uns nach Sonnenuntergang und wenden uns den anstehenden Themen zu. Buon appetito!“
Darauf neigte Mirrlu den Kopf und erwiderte: „Dann einen guten Appetit und greift zu.“
Zögernd nahm Rika ihr Besteck und beobachtete dabei mit gesenktem Kopf unter den langen Wimpern hindurch heimlich die anderen. Als Bezumo anfing zu sprechen, schrecktesie aus ihren Gedanken und Beobachtungen auf. „Also Leute, ich darf euch Rika, unsere gestrandete Besucherin, vorstellen. Sie lebt drüben im ersten blauen Keil und ich hoffe, dass sie nachher unsere Neugier auf das Leben dort befriedigen wird.“ Er nickte dem gegenübersitzenden Blondschopf zu: „Also das hier ist Marlo, den hast du schon bei deiner Ankunft gesehen. Er ist mit Tonko, der links daneben sitzt, für die Aufrechterhaltung des Schutzschirms verantwortlich. Dieses hübsche, rotgelockte, sanfte Feenwesen neben mir ist Marlos Lebensgefährtin Arla.“ Worauf besagte Dame ein wütendes Schnauben ertönen ließ und sowohl Bezumo als auch Rika einen bitterbösen Blick aus funkelnden grünen Augen ernteten.
Auch die anderen jungen Leute wurden Rika vorgestellt, doch konnte sie sich die vielen Namen und Erklärungen gar nicht merken und schon bald summte ihr der Kopf. Der Einzige, der noch ihre Aufmerksamkeit erregte, war ein junger Mann, der ziemlich am Ende des Tisches saß, denn er sah ganz genauso aus wie Blondzöpfchen, nur etwa ein bis zwei Jahre jünger. Er wurde ihr als Makon vorgestellt und grinstesie ziemlich unverschämt an. Mechanisch aß sie von den vielen guten Speisen, die ihr der aufmerksame Bezumo ständig schöpfte. Auch ihr Glas wurde ständig nachgefüllt und sie überlegte vorsichtig daran nippend, um welche Art Fruchtsaft es sich eigentlich handeln könnte, denn so etwas hatte sie noch nie getrunken.
„Traubensaft“ murmelte es neben ihr. Sie besann sich, dass der Jüngling neben ihr Hanno hieß, und staunend blickte sie ihn an. Hanno errötete bei ihrem Blick bis hinauf zu den kurzgeschorenen dunkelroten Haaren. Rika schätzte ihn auf allerhöchstens 16 bis 17 Jahre.
„Wir ziehen im hinteren Teil des Parks Weintrauben und machen daraus Saft und zum Teil auch Wein. Ich helfe meiner Schwester Arla bei der Pflege der Reben …“, erläuterte er mit leicht verlegenem Blick auf seine Tischnachbarin.
„Das schmeckt wirklich lecker, so was habe ich noch nie probiert“, meinte sie und fuhr fort: „So wie’s aussieht, darf ich ja ein paar Tage bei euch verbringen. Vielleicht kannst du mir diese Reben mal zeigen und erklären, wie das mit der Saftherstellung funktioniert?“
Daraufhin errötete der arme Junge noch viel mehr, nickte heftig mit dem Kopf und Bezumo klinkte sich wieder in das Gespräch ein. „Morgen, nach dem Frühmahl, könnt ihr euch im Park vergnügen. Jetzt bringe ich dich erstmal in unseren Flügel. Wir alle hier am Tisch wohnen unterm Dach und du bekommst unser bestes Besucherzimmer. Hanno und Arla sind noch zu jung und nehmen an den Gesprächen nicht teil. Wenn ihr wollt, könnt ihr euch nachher in unserem Gemeinschaftsraum treffen und gemeinsam den Abend verbringen.“
Rika bemerkte, dass sich der Saal schon ziemlich geleert hatte, und schob ihren Stuhl zurück.
Gemeinsam mit den anderen begaben sie sich zu einer seitlichen zimmerhohen wunderschönen alten Holztür.
Während sie einen langen, etwas düsteren Gang entlanggingen, trat ihnen plötzlich ein ernst aussehender Mann entgegen, hielt die Gruppe an und neigte leicht den Kopf vor Rika. „Darf ich Sie und Bezumo bitten, mir zu Domnus Mirrlu zu folgen?“, fragte er, wandte sich um und eilte einen links abzweigenden Gang entlang, bevor jemand Zeit für eine Erwiderung hatte.
Der Gang endete vor einer gangbreiten Holzwand, in die eine kleinere Tür eingelassen war.
Der Mann klopfte kurz an, öffnete sie und trat zurück, um die beiden vorbeizulassen. Kaum hatten sie den Raum betreten, schloss er leise die Tür hinter ihnen und blieb vermutlich draußen stehen. Rika sah sich dem imposanten alten Herrn gegenüber, der hinter einem gigantischen alten Holztisch thronte.
„Willkommen bei uns, junge Dame …, Bezumo …, “ nickte er. „Ich hätte gerne eine Erklärung, wie diese Situation zustande gekommen ist.“
Rika erläuterte ihr Missgeschick, während sie erneut von Mirrlus forschenden Augen gefangen war, die bis in ihre tiefste Seele zu blicken schienen. Nachdem sie geendet hatte, nickte der alte Herr ihr bedächtig zu und sagte mit sonorer Stimme: „Danke, mein Kind, für deine Ehrlichkeit. Du kannst dir deine Zweifel sparen, Bezumo, sie sagt die Wahrheit.“
„Ich sehe, du bist ziemlich verwirrt und noch nicht richtig über uns und unser Leben informiert worden, bis auf Bezumos kurzen Einblick“, fuhr er erläuternd fort. „Unsere Altvorderen prägten den Begriff Bewahrer für uns. Wir Bewahrer sind eine Gruppe von Menschen, die sich eurer Zivilisation entzieht und versucht, ihr Leben nach den alten Richtlinien und Traditionen zu führen. Zuallererst erhalten wir in unserem Fall das Karlsruher Schloss in seinem ursprünglichen Zustand und schützen es vor dem Verfall. Wir leben hier wie unter einer Schutzglocke mitten in der Stadt und auch in vielen ländlichen Gebieten, wie zum Beispiel dort drüben in den Bergen, dem Schwarzwald. Unser Besuch, die hochgeschätzte Domna Killana, ist die Bewahrerin der Pyramiden des alten Landes Ägypten. Sie ist unsere Oberste und vernetzt weltweit alle Bewahrer miteinander. Morgen wirst du sie kennen lernen, denn sie kann dir unsere Lebensweise viel besser als ich nahe bringen.“
Kurz darauf schnaufte Rika hinter Bezumo eine altertümliche Treppe in das oberste Stockwerk hinauf. Er deutete auf die Türen, an denen sie vorbeigingen, und erklärte ihr, um wessen Zimmer es sich dabei handelte. Dann blieb er stehen und zog einen riesigen Schlüssel aus einem Schloss, reichte ihn ihr und öffnete schwungvoll die Tür: „Allora, dein Zimmer. Die kleine Tür dort hinten links geht in das Badezimmer. Ich hoffe,du kommst zurecht. Wechsel- und Nachtwäsche müsste auch jemand für dich bereitgelegt haben. Falls du mich, Arla oder sonst jemanden sprechen möchtest, dann tipp einfach an deine Augenklappe und sage den Namen desjenigen, mit dem du Kontakt aufnehmen möchtest. Du bist jetzt auf unsere Ebene programmiert.“ Mit leisem Knarzen schloss er die Tür hinter sich und Rika war allein. Staunend ging sie im Zimmer herum und bewunderte die antiken Möbel. Im angrenzendenBad sah es genauso aus, wie sie es von früheren Bildern kannte. Sie stellte sich vor ein in Bauchhöhe befindliches Becken, starrte verwundert darauf und befahl: „Wasser an!“ – aber nichts passierte. Vorsichtig betastete sie die silbern schimmernden Armaturen, drehte sachte an dem seitlichen Hebel – und siehe da, es gab Wasser. „Mann-o-mann, ich glaub‘, ich bin in der Vergangenheit gelandet“, dachte sie. Sie ließ sich das kühle Wasser über die Hände laufen und benetzte auch ihr glühendes Gesicht.
Wieder zurück im Zimmer setzte sie sich auf das weich federnde Bett, wippte auf und ab und ließ sich genüsslich nach hinten fallen. Ganz kurz schloss sie die Augen und war schon eingeschlafen.
Sie erwachte, weil helles Sonnenlicht sie blendete und ungewohntes Vogelgezwitscher in ihr Bewusstsein drang. „Himmel, kneif mich – das war kein Traum, ich bin tatsächlich im alten Schloss!“, schoss es ihr durch den Kopf. Sie musste ewig lang geschlafen haben und war jetzt frisch, munter und voller Tatendrang. Sie fuhr sich durch die Haare, kam dabei an ihre Klappe und dachte: „ich muss Bezumo suchen – ob’s wohl irgendwo Frühstück gibt?“
Sie zuckte zusammen, als sie meinte, eine Stimme in ihrem Gehirn zu hören, die eindeutig Bezumo gehörte: „Na, gut geschlafen? Ich hole dich in fünf Minuten ab – bis gleich.“
Schnell sprang sie aus dem Bett und ging sich im Bad waschen und anziehen. Die besagten fünf Minuten konnten fast noch nicht vorbei sein, als schon ein energisches Klopfen an der Tür ertönte.
„Komm‘ rein, ich bin schon fertig!“, rief sie und marschierte ins Zimmer zurück, um ihre Schuhe unter dem Bett hervorzukramen.
Bezumo öffnete die Tür, blieb aber im offenen Türrahmen stehen, um auf sie zu warten. „Wir haben dir noch was zu essen aufgehoben. Am ersten Tag wollten wir dich aus-schlafen lassen. Alle anderen stehen eigentlich bei Sonnenaufgang auf, da wir darauf angewiesen sind, das Tageslicht bis zur letzten Minute auszunutzen.“
„Oh, na klasse!“, kam die ironische Antwort von Rika.
Wieder folgte Rika ihrem unaufhörlich erklärenden Begleiter durch verwirrend viele Gänge und Treppenhäuser bis hinab in den Keller. „Und hier ist unsere Küche!“, sagte Bezumo und öffnete schwungvoll eine weitere kunstvoll geschnitzte Holztür. Verwirrt blickte sich Rika in einem riesigen Raum um. Die hohe Decke befand sich mindestens fünf Meter über ihnen und entlang der Wand waren Schränke und Geschirrborde angebracht. Am anderen Ende waren über die ganze Zimmer-breite unterschiedliche, riesige Herde, an denen mehrere Leute standen und in Töpfen rührten oder an zischenden Pfannen irgendetwas gut Riechendes brutzelten.
Die andere Zimmerwand nahmen mehrere Stahltische ein, an denen einige junge schwatzende, lachende Mädchen irgendwelche bunten Gemüseteile aus darüber hängenden Körben in kleine Stücke schnippelten und in große Schüsseln beförderten.
In der Mitte stand ein riesiger Tisch mit vielen daruntergeschobenen Hockern. Bezumo führte die sprachlos staunende Rika zum Tisch, zog zwei Hocker hervor und drückte sie kurzerhand auf den einen. Schon kam eine ältere, mütterlich wirkende Frau und stellte vor den beiden ein Tablett, bestückt mit Schüsseln und einer großen dunkelblauen Kanne, ab. „Lasst‘s euch schmecken“, meinte sie und drehte sich zum Wandbord, um ihnen noch Teller und Becher zu reichen. Bezumo drehte den Deckel der Kanne auf und goss heißdampfenden Kaffee in beide Becher. „Brauchst du Milch oder Zucker für deinen Kaffee?“, fragte er. „Nein danke, ich trink’ ihn schwarz – wie meine Seele“, erwiderte sie grinsend.
Bei ihrem gemütlichen Frühstück plauderten die beiden fröhlich miteinander und Rika lernte Rührei mit Speck, frische Gemüsepfanne, noch warme gebackene Brötchen mit selbstgemachter Butter und Marmelade kennen. Sie gestand, dass sie nur gefrostete und wieder regenerierte Lebensmittel kannte. Kochen, wie sie es jetzt erlebte, gab es in ihrer Welt gar nicht mehr. Und so, wie sie die ungewohnte Umgebung bestaunte, so erstaunt war Bezumo über das Leben, das sie ihm schilderte.
Endlich gesättigt, machten sie sich auf den Weg nach draußen in den warmen Sonnenschein und liefen prompt dem höchst erfreuten Hanno über den Weg. Nach einigen kurzen Sätzen verabschiedete sich Bezumo und Rika ließ sich von Hanno durch die Gärten und Reben führen. Rika musste sich eingestehen, dass sie den Jungen unterschätzt hatte, denn er erwies sich als sehr kompetenter Führer mit einem enormen Fachwissen, das er äußerst amüsant vermittelte. Auch zu den vielen in dem riesigen Gelände verteilten Gebäuden, die er als Mühle, Kelter, Labor … vorstellte, konnte er jede Menge erklären. Die Stunden verflogen geradezu und alle versammelten sich wieder in dem großen Schloss-Saal, um gemeinsam zu Mittag zu essen.
Später brachte Bezumo sie in einen kleineren Raum und Rika sah sich einer rund 20-köpfigen Gruppe gegenüber, die aus Mirrlu und seinem Faktotum, Killana und ihren Begleitern sowie mehreren Frauen und Männern aller Altersgruppen bestand. Alle plauderten in kleineren Grüppchen miteinander, doch Mirrlu kam zu den beiden und erklärte Rika: „Ich stelle dich gleich einigen Leuten hier vor – sie würden dich gernekennen lernen und wir alle hoffen, dass du uns ein bisschen über deine Welt und deine Lebensweise erzählst, denn die Kontakte zwischen den Bewahrern und euch sind schon lange abgebrochen. Im Gegenzug lernst du uns und unsere Lebensphilosophie kennen.“
Ungezwungen ließen sich alle auf den in einem großen Kreis aufgestellten Couchen nieder und es entspann sich eine lockere Gesprächsrunde. Rika musste feststellen, dass ihr Wissen über die Vergangenheit sich erheblich von dem unterschied, was Killana beschrieb. Die Versandung, die unterhalb der Alpen im gesamten nördlichen Mittelmeerraum vor einigen Jahrhunderten stattgefunden hatte, war laut Killana keine Evolutionsentwicklung, sondern eine durch machtgierige Industriemagnaten und Politiker hervorge-rufene Umweltkatastrophe, die, einmal in Gang gesetzt, nicht mehr aufzuhalten gewesen war.
„Einst war auch mein Heimatland Ägypten nur ein kleiner Grünstreifen an einem Fluss, umgeben von Wüste“, erklärtedie Domna mit ihrer hellen, singenden Stimme, die Rika als sehr betörend empfand, und fuhr fort: „Doch unsere Bewahrer hatten schon viel früher gelernt zu kämpfen und zu beschützen und so ist es gelungen, unsere Wüstengebiete fruchtbar zu machen. Die gleiche Katastrophe der Versandung hatte zuvor auch zur Schmelze der Polarkappen geführt und wir konnten die Wassermassen in unsere Wüsten leiten und diese in Land umwandeln. Hunderttausende Menschen, die aus dem oberen Mittelmeerraum stammten, konnten sich damals bei uns im Südland ansiedeln.“
So erfuhr Rika, dass sich die Mächtigen weltweit nach dieser planetaren Katastrophe zusammengeschlossen und in allen Ländern ihre so genannten Zentralen gegründet hatten, die von einigen wenigen Eingeweihten gemanagt wurden. Zeitgleich wurden überall die Wohnräume in Türme umgewandelt und alles andere wurde einfach eingeebnet. So könne man jetzt weltweit in irgendeine Stadt kommen und jede sähe genauso aus wie die eigene. Die einzige Besonderheit war die Karlsruher Keilform der Gebäude. Auch die Menschen und ihre Lebensweise veränderten sich – zu der Lebensweise, mit der Rika bislang aufgewachsen war.
Zu ihrer Verwunderung erklärten ihr die anderen, dass es aber überall weiterhin kleinere und größere Menschengruppen gab, die es geschafft hatten, sich dieser Zentralisierung zu entziehen, und weiterhin ihr Leben in den alten Bahnen weiterführten. Dabei stellte die Karlsruher Gruppe eine der vielen kleineren dar. Ägypten hingegen verfügte über die größte Gruppierung mit rund 100.000 Menschen.
Genauso verblüfft lauschten später die Anwesenden, als Rika ihr häusliches Leben, ihren Umgang mit Freunden, Familie und ihren Arbeitsalltag beschrieb. Die Stunden vergingen wie im Flug und als die Turmuhr Mitternacht schlug, beendete Mirrlu kurzerhand die Zusammenkunft und schickte alle zu Bett.
Unsanft wurde Rika durch laute Stimmen und hastige Schritte aus ihren Träumen gerissen. Stöhnend öffnete sie die Augen und blickte aus dem Fenster. Just in diesem Moment berührten die ersten Sonnenstrahlen die Baumwipfel und blendeten sie. Das Geschrei und Gerenne hörte nicht auf. Deshalb quälte sie sich aus dem Bett und trat nach einem kurzen Abstecher ins Bad auf den Flur hinaus. Dort rannte Arla an ihr vorbei, ohne sie zu beachten. Unmittelbar danach kam Bezumo um die Ecke gerast, stoppte kurz, packte ihre Hand und schnaufte: „Los, komm mit, es ist ein Unglück passiert – wir müssen nach draußen!“ Verblüfft folgte sie ihm und konnte kaum Schritt halten. Vor dem Schlossportal wartete bereits Mirrlu und alle scharten sich um ihn.
Verstört lauschten sie seiner Mitteilung, dass Makon zu Tode gekommen sei, und seiner Bitte, dass der oder die dafür Verantwortliche sich freiwillig stellen solle. Jedoch starrten alle nur entsetzt auf Mirrlu oder zu Boden, es meldete sich niemand. Sobald der alte Herr sich zurückgezogen hatte, zerstreuten sich die Leute und jeder machte sich wieder an seine Arbeit.
Neben Rika und Bezumo stand Marlo, der mit geballten Fäusten wild um sich blickte und gleichzeitig versuchte, die Tränen über den Verlust seines kleinen Bruders zurückzuhalten.Seine Freundin Arla hielt seinen Arm umklammert. Sonst war nur noch Tonko bei ihnen geblieben. Erst stockend, nach und nach immer aufgeregter diskutierten die Freunde miteinander. Irgendwann rief Arla erschrocken: „Himmel, wo ist Hanno? Hat ihn einer von euch schon gesehen?“ Nein – keiner der Freunde war ihm an diesem Morgen begegnet.
Tonko zog einen breiten, silbern schillernden Ring vors Gesicht und sagte nach kurzer Zeit: „Ich kann ihn nicht finden.Er ist nirgends auf dem Gelände! – Ich muss die Suche ausweiten. Es kommt ein ganz schwaches Signal, aber er be-findet sich nicht in einem von uns domestizierten Bereich. Er ist dort“ Tonko zeigte in Richtung der Berge. Verblüfft fragtensich alle, wie er denn dahin gekommen sei und vor allemwarum! „Wir müssen hinterher!“, rief Marlo und rannte davon. Sofort sprinteten ihm alle nach, auch Rika, die von Bezumo einfach an der Hand gepackt und mitgezogen wurde. Verblüfft stellte sie fest, dass sie zu einem der kleineren Gebäude rannten und dort eine lange gewendelte Treppe hinabliefen. Unterwegs erklärte ihr Bezumo, dass sie hinunter in ein jahrtausendealtes Kanalisationsnetz müssten.
„Diese unterirdischen Gänge durchziehen den gesamten Stadtkern und reichen noch weit ins Umland hinaus. Alle Zugänge, die es einmal im Bereich eurer Türme gab, wurden jedoch versiegelt und man kommt dort nirgends hinauf oder von dort hinunter. Wir nutzen sie, um auf andere Weise ins Hinterland zu kommen. Den Luftraum können wir nicht allzu häufig überfliegen, obwohl unsere Gleiter im Gegensatz zu deinem Ei unsichtbar sind.“
Unten angekommen, hoben Marlo und Tonko bereits ein eigentümliches Gefährt aus einer Wandhalterung und kippten es seitlich, sodass es mit lautem Plopp auf vier Rädern landete.
Es war einfach ein rechteckiger Kasten, in den sie sich hineinstellten und sich an seitlichen Haltegriffen festhielten. Tonko stand vorne in der Mitte, klappte ein Bedienpult nach oben und bevor Rika klar wurde, was passierte, schossen sie auch schon die langen Tunnel entlang. „Endstation, ab hier geht`s zu Fuß weiter“, meinte Tonko und bremste. Sie kletterten diesmal auf einer Leiter einen dunklen Schacht nach oben und fanden sich auf einer kleinen Lichtung, umgeben von hohen alten Bäumen, wieder. Sie folgten Tonko, der schon einem alten ausgetretenen Pfad folgte, zuerst entlang einesBerges und dann immer weiter in die Höhe. Nach einer ganzen Weile hielten sie zu einer kurzen Verschnaufpause an und Rika konnte endlich durch die Bäume hindurch ins Tal und auf die Stadt im wabernden Sonnenlicht blicken. Staunend betrachtete sie die Umgebung, die schimmernden Türme und das weite grüne Land, das sich ringsum erstreckte, am Horizont durch ein blaues Band, den Fluss und gerade noch erkennbare graue Felsen begrenzt.
„Wieso habe ich das noch nie gesehen?“, fragte sie. „Ganz einfach“, erwiderte Bezumo trocken, „die Zentrale erzeugt rund um die Stadt ein Gitternetz. Deswegen seht ihr zwar die Sonne, aber sonst ist einfach alles nur ein graues Nichts. Und keiner bekommt Lust auf eine Entdecker-Tour.“
Arla zauberte aus ihrem Rucksack eine Flasche Wasser und reichte sie herum, während sie sich stöhnend wieder auf den Weg machten. An einer Wegbiegung stoppte Tonko und vorsichtig schlichen sie seitlich zwischen Sträuchern weiter zu einer kleinen Hütte. Bezumo bedeutete Rika, ihre Klappe anzutippen, und plötzlich konnte sie die Gedanken der anderen hören:
Tonko, der meinte, dass sich hier kein Lebewesen aufhalte, Arla, die trotzdem ein mulmiges Gefühl hatte, Marlo, der nur „warum, warum, warum nur???“ dachte und Bezumo, der vorschlug sich zur Fensteröffnung zu schleichen, um hineinzublicken, und dies auch tat. Es handelte sich um eine kleine Waldsiedlung, die jedoch vorübergehend nicht bewohnt wurde. Erst zur Herbstzeit würden die Siedler zurückkehren, erfuhr Rika.
Erneut folgten sie dem steilen Weg, der sich für Rika unerkennbar über schroffe Felsen und durch unwegsames Gestrüpp schlängelte. Abrupt blieb ihr Anführer stehen und verließ den Weg. Hinter einem hohen Felsbrocken fanden sie Hanno bewusstlos und mit einer blutenden Kopfwunde. Schon hatte Arla den Rucksack aufgerissen und die Wasser-flasche aufgedreht, kippte den Inhalt ihrem Bruder über den Kopf und betupfte mit einem kleinen Lappen die Wunde.
„Isis sei Dank! – Es ist nicht so schlimm – aber es kann nicht lange her sein – und wer sollte ihn niederschlagen?“, murmelte sie.
„Los Leute, wir suchen die Umgebung ab!“, forderte Bezumo seine Freunde auf.
Tonko, der die ganze Zeit an seinem Ring herumhantierte, flüsterte den anderen zu: „Ich kann im ganzen Umkreis kein Lebenszeichen finden. Kann das sein? – Rika und Marlo, bleibt ihr bei Arla und Hanno und achtet auf jedes Geräusch. Wir trennen uns und suchen in verschiedenen Richtungen.“
Vorsichtig schlich Bezumo zwischen den großen Felsbrocken weiter und Tonko wandte sich in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Plötzlich hörten sie einen erstickten Schrei und polternde Steine. Während Arla und Marlo noch verwirrt hochblickten, war Rika schon losgerannt und folgte Bezumos Ruf. Als sie um mehrere Felsen herumgeklettert war, sah sie Bezumo mit einem komisch gekleideten Mann ringen und im nächsten Moment stürzte Bezumo und kullerte einen Felshang hinunter. Der Mann drehte sich um und Rika erkannteeinen der dunkelhäutigen Begleiter. Heiße Wut strömte durch ihre Adern und ohne den Mann aus den Augen zu lassen, griff sie in ihre Jackentasche. Während der Mann drohend auf sie zukam, riss sie die Hand hoch und schleuderte einen kleinen Gegenstand nach ihm. Bevor der Mann überhaupt reagieren konnte, war er schon mitten im Gesicht getroffen und fiel wie mit der Axt gefällt zu Boden.
Bezumo, der die ganze Aktion beobachtet hatte, kletterte, so schnell es ging, den Abhang nach oben und kam gleichzeitig mit Tonko und Marlo bei den beiden an.
Unisono fragten die Freunde: „Wie hast du das denn gemacht?“ – „Oh, ganz einfach“, grinste Rika „ich habe ihn mit einem Zocko schlafen geschickt.“
„Zocko? Was ist das?“
Rika griff erneut in ihre Jacke und holte einen kleinen dreieckigen Gegenstand heraus. „Hier, es ist aus Klaton und an jeder Ecke sind kleine mit Nervengift gefüllte Spitzen. Beim Aufprall brechen sie ab und wen es trifft, der ist für eine gute halbe Stunde gelähmt. Bekommen bei uns alle jungen Frauen,um sich gegen Übergriffe zu schützen. Man muss nur lernen, sie zu werfen. Und ich war die Beste in unserem Verteidigungskurs.“
„Und was machen wir jetzt mit ihm? Wir können ihn doch nicht zurückschleppen und um Hanno müssen wir uns auch noch kümmern.“
Tonko überlegte und fragte dann Rika: „Was meinst du, sind seine Gedanken abfragbar oder ist auch das Hirn gelähmt?“
„Keine Ahnung“, schüttelte Rika den Kopf und fuhr fort: „Wir sollten ihn trotzdem auf jeden Fall irgendwie fesseln und vielleicht Hilfe holen.“
„Mirrlu ist der einzige, der uns helfen kann“, erwiderte Bezumo und griff sich an die Schläfen.
Es vergingen wenige Augenblicke und auf einem Felsbrocken in der Nähe erschien Mirrlu.
Er schien herabzuschweben und berührte mit dem Zeigefinger der linken Hand den reglosen, gefesselten Südländer. Die Luft um die beiden herum schien zu knistern und Mirrlus ohnehin immer undurchdringliche Miene wurde noch bedrohlicher. Dann seufzte er und wandte sich den inzwischen vollständig versammelten Freunden zu.
„Ich bringe euch und ihn zurück ins Ratszimmer. Ich verpflichte euch von dieser Sekunde an zu einem absoluten Schweigegebot. Es herrscht Redeverbot – bis der Rat vollzählig versammelt ist und ich das Verbot aufhebe.“ Er blickte ernst in die Runde und alle nickten, denn ihre Lippen schienen zusammenzukleben und kein Seufzer war ihnen mehr möglich.
Rika fühlte sich von einer Wolke umschwebt und als sie blinzelte, sah sie die Wände des Ratszimmers im Schloss. Alle setzten sich auf die Bänke und Rika holte eine flache blinkende Scheibe aus der Tasche. Sie deutete auf Bezumos verschrammte blutende Arme und Beine. Auf sein verständnisloses Schulterzucken hin beugte sie sich zu ihm und fuhr wenige Millimeter über der Haut langsam über die Wunden. Überrascht sahen die Freunde, wie sich die Haut wieder schloss und Bezumo gleich darauf aussah, als ob ihm nie etwas geschehen wäre. Dankbar grinsend drückte er sie fest an sich und küsste sie auf die Wange. Leicht errötend drehte sie sich weg, tippte kurz auf die Scheibe und ging hinüber zu Hanno, der sich erschöpft an Arla lehnte. Bei ihm presste sie die Scheibe auf die jetzt blutverkrustete Wunde und wartete,bis ein hoher Pfeifton erklang. Sie zog die Scheibe weg –auch Hannos Verletzung war verschwunden und er richtete sich voller Energie wieder auf.
Zwischenzeitlich hatte sich auch der Raum gefüllt und manch einer raunte bewundernd angesichts Rikas Heilmethoden.
Mit einem lauten Klappen schloss sich die Tür und das Faktotum zog einen Vorhang zur Seite. Dahinter kamen Mirrlu und der auf einer Pritsche liegende Südländer zum Vorschein. Er lag auf der Seite, Hände und Füße mit Stoffstreifen hinter dem Rücken gefesselt, und sah wie ein Paket aus. Schon sprangen die beiden anderen Südländer auf und ein Raunen ging durch die Anwesenden. Doch Mirrlu gebot ihnen mit kurzer Handbewegung Einhalt und begann:
„Schreckliches hat sich zugetragen und dieser Mann hat maßgeblich dazu beigetragen. Worte können die Taten nicht beschreiben, daher zeige ich sie euch.“ Wie einen Film verfolgten alle die auf eine jetzt weiße Wand projizierten Vorgänge.
Zuallererst sah man Makon mit einer Südländerin im mondbeschienenen Garten stehen und auf sie einreden, gefolgt von einer beginnenden Liebesszene. In diese platzte der Südländer hinein und es entstand ein heftiger Streit. Die aufgebrachte junge Dame gab jedem der anwesenden Herren eine schallende Ohrfeige und marschierte wutschnaubend von dannen.
Statt den Streit hiermit zu beenden, schrien die beiden Männer einander jetzt erst recht an und rangelten miteinander. Die Zuschauer konnten es kaum fassen, als Makon urplötzlich zusammenbrach und stöhnend am Boden lag. Der Südländer zog seinen Dolch wieder aus Makons Bauch heraus und fuhr ihm mit einer fließenden Bewegung kurz über den Hals.
Dann blickte er sich vorsichtig um, säuberte die Klinge an Makons Kleidung und hastete mit langen Schritten davon. Kaum war er hinter den Bäumen verschwunden, da tauchte Hanno auf, der dem Davoneilenden nachblickte, aber den am Boden liegenden Körper scheinbar noch nicht gesehen hatte. Man sah Hanno kopfschüttelnd weitergehen, dann stocken und zu seinem Freund hinstürzen. Aber er erkannte, dass für ihn jede Hilfe zu spät kam und seine ganze Körperhaltung strahlte eine unbändige Wut aus, als er dem Fremden mit holprigen Schritten hinterherstürmte. Die Jagd ging durch die Tunnel in den Wald und die Berge, wie die spätere Route der Freunde.
Das nächste Bild zeigte den inzwischen erschöpft humpelnden Hanno zwischen den Felsen und den flach darauf kauernden Fremdling, der auf Hanno heruntersprang, ihn zu Boden riss und seinen Kopf auf die Steine schlug. Dieser blieb bewusstlos liegen und lauschend erhob sich der Südländer und versteckte sich zwischen den Felsen.
Der Rest der Geschichte bis zu Mirrlus Ankunft war nur für die restlichen Anwesenden neu und rief laute Unmutsäußerungen und Zornausbrüche hervor.
Empört standen die Südländer auf und Killana fragte mit kalter Stimme: „Was hast du mit meinem Begleiter gemacht? Er untersteht meinem Kommando und unterliegt meiner Verantwortlichkeit.“
Mirrlu hob besänftigend die Hand und meinte: „Warte noch kurz, er wird bald wieder zu sich kommen. Aber die Gerichtbarkeit unterliegt allein mir. Vor mir muss er sein Tun rechtfertigen.“
Kaum hatte er geendet, da regte sich der Fremde, wand sich in seinen Fesseln und knurrte in unverständlicher Sprache.
Zuerst reagierte er weder auf Mirrlus drohende noch auf Killanas bittende Worte, doch dann schien er einzusehen, dass er sich zu seinen Taten äußern musste. Er begann stockend und finster auf Killana starrend: „Domna, ihr wisst, das Mädchen ist meinem Bruder versprochen und meine Familie war dagegen, sie hierher in die Fremde mitkommen zu lassen. Ich habe gut auf sie aufgepasst, aber in der letzten Nacht ist sie doch entwischt. Ich schlief in einer Nische auf ihrem Gang und bin aufgewacht, als die Treppentür klappte.Zuerst dachte ich mir nichts dabei, doch dann hatte ich ein komisches Gefühl und sah in ihrem Zimmer nach. Dann stürmte ich hinaus, suchte sie und fand sie in den Armen dieses Weißlings. Pfui Diabolo! Es tut mir nicht leid. Ich muss die Ehre meiner Familie und meines Volkes schützen.“
Killana nickte und wandte sich an Mirrlu: „Mir hingegen tut es um den Jungen, seine Familie und Freunde leid. Doch ich verstehe auch meinen Begleiter. Die Ehre wird bei uns hoch bewertet und die Handlungen des Mädchens sind für uns ebenso unverzeihlich. Ich bitte dich, uns sogleich abreisen zu lassen. Die beiden werden sich in meiner Heimat der Justizia zu verantworten haben. Seid gewiss, auch bei uns wird Mord streng bestraft.“
„Könnt ihr mir versichern, dass auch der Familie des Getöteten Gerechtigkeit widerfahren wird? Und ist euch bewusst, dass mit eurer Abreise zu diesem Zeitpunkt die Mission gestoppt ist?“, fragte Mirrlu.
„Leider kann ich nicht anders handeln. Nur eine sofortige Rückkehr garantiert, dass nicht noch mehr Blut vergossen wird“, kam leise Killanas Antwort.
Auf ein kurzes Nicken von Mirrlu hin wandten sich die Südländer um, nahmen den jetzt von seinen Fußfesseln Befreiten in ihre Mitte und verließen den Raum.
Kaum fiel die Tür ins Schloss, da erhob sich wieder ein Stimmengewirr und auch die wieder der Sprache mächtigen Freunde stritten heftig mit.
Mirrlu hörte sich eine ganze Weile die Proteste, Klagen und Vorwürfe an und hob dann Stille gebietend die Hand. Vor dem Fenster startete der Luftgleiter und verschwand.
Rika hatte das Gefühl, dass er nur zu ihr spräche, und lauschte.„Ihr seht, auch in heutiger Zeit, mit neuester Technologie und allem Guten müssen wir uns eingestehen, dass wir auch im Jahr 2713 der christlichen Zeitrechnung unsere Mission der Erhaltung und Bewahrung wie so oft in all den Jahrhunderten als gescheitert oder zumindest als zum Stillstand gekommen betrachten müssen. Zwischenmenschliche Streitigkeiten führten zum Tod eines jungen Mannes. Und die Frage der Ehre beendet unsere hoffnungsvolle Zusammenkunft, auf die wir lange hingearbeitet hatten und von der wir so viel erwarteten.“
Während das betroffene Schweigen anhielt, verließen nach und nach alle den Raum, bis nur noch Mirrlu, Bezumo und Rika übrig blieben. Mirrlu wandte sich an Rika und sagte: „Es tut mir leid, dass dein Aufenthalt hier von so vielen Problemen belastet ist. Für unsere Gemeinschaft wäre es eine Ehre, wenn du dich uns anschließen würdest. Ich bitte dich, in Ruhe darüber nachzudenken. Entscheidest du dich hingegen für die Rückkehr in deine Welt, dann veranlassen wir, sobald du es wünschst, einen sicheren Heimflug.“ Er nickte kurz und verließ das Zimmer, ohne auf eine Erwiderung zu warten.
Rika stand auf, ging zum Fenster und blickte hinüber zu ihrem zwischen den grünen Baumriesen hindurchschimmernden blauen Turm. Bezumo stellte sich neben sie, umfasste ihre Schultern und zog sie an sich. „Viel glücklicher als er wäre ich, wenn du bei uns bleibst. Leider gibt es keine Möglichkeit, zwischen hier und dort hin und her zu pendeln. Könntest du dich mit einem Leben bei uns anfreunden, das sich für dich wie eine Rückkehr in die Vergangenheit anfühlen muss?“
Lange schwiegen sie und blickten einander forschend an. „Ja, ich könnte auch in der Vergangenheit eine Zukunft finden“, grinste Rika dann und drehte den Türmen den Rücken zu.
