- Arndt, Annabell-Eva - Marani
- Arzt, Hans-Christian - Das Geheimnis der Pyramide
- Chankov, Boris - Die letzte Kandidatin
- Frey, Andreas - Das Licht
- Hatfield, Kale - Die Fahrt
- Heck, Gaby - 2713–die Rückkehr
- Kampermann, Sabine - Pyramiden
- Keßler, Patricia - Viel vor
- Matthias Falke - Ein Störfall
- Meiswinkel, Beate - Die Blumenfrau
- Merkle, Boris - Aufstand
- Merkle, Boris - Das Ding in der Zelle
- Mummert , Claudia - Die Pyramide
- Ochs, Andrea - Tagebuch von Robert Miller
- Pukowski, Brigitte - ViVa
- Schlosser, Johannes - Patient 412
- Weiß, Arno - Penta
ViVa
Autor: Pukowski, Brigitte
Nein, es war wirklich nicht gerade der glorreichste Job, als Riesenkarotte für ein vegetarisches Restaurant auf der Kaiserstraße Reklame zu laufen und Flyer an die Passanten zu verteilen.
Reich wurde man auch nicht dabei, aber Roger Möhres Ansprüche waren recht bescheiden.
Zudem war er froh, überhaupt einen Job gefunden zu haben, schließlich hatte er weder einen Schulabschluss, noch eine Berufsausbildung vorzuweisen. Doch sein angeborenes Talent, eine Karotte glaubhaft darstellen zu können, hatte den Personalchef des Restaurants sofort überzeugt. Na ja, vielleicht kam auch Rogers persönliches Engagement (Möhre erschien zum Einstellungsgespräch im eigenen Kostüm, das er kostenfrei zur Verfügung stellen wollte) dessen wirtschaftlicher Denkweise entgegen, denn ein Mitarbeiter, der keine zusätzlichen Auslagen verursacht, ist ein guter Mitarbeiter.
Und ein guter Mitarbeiter zu sein, wiederum war der erste Schritt auf Möhres Ziel ein guter Karlsruher zu werden, denn er liebt die Fächerstadt mit ihrer Pyramide und dem herrlichen Schlossgarten. So trug es Roger Möhre mit Fassung, als er sich zu Beginn seiner Kariere auf seiner Tour durch die Einkaufsmeile dumme Sprüche anhören oder die schönen Flyer einfach zu Boden geworfen wurden. Die meisten Karlsruher jedoch reagierten positiv auf ihn, nahmen seine Prospekte dankbar entgegen, manche blieben sogar für ein kurzes Gespräch stehen und sinnierten mit ihm über den gesundheitlichen Nutzen vegetarischer Kost.
In diesen Momenten bereute Roger Möhre nicht, seinem trostlosen Landleben entflohen und hierher gekommen zu sein. Die Fächerstadt bot soviel mehr für einen Typen wie ihn. Die Karlsruher waren tolerant und offen. Keiner mokierte sich über einen Zweimeterburschen im Karottenkostüm, der durchs Kaufhaus lief oder in der Straba neben ihnen saß. Selbst Möhres Nachbarn in dem Wohnblock am Stadtrand wo er eine günstige Bleibe gefunden hatte, störten sich nicht daran, dass man ihn nie ohne sein Kostüm sah. Obwohl er wusste, dass einige hinter seinem Rücken über „seine Marotte mit der Karotte“ witzelten, direkt angesprochen hatte ihn deswegen niemand.
Mittlerweile hatte Roger Möhre sogar einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Er durfte beim traditionellen Umzug am Faschingsdienstag die Parade des Schrebergärtnervereines anführen, japanische Touristen ließen sich mit ihm vor den Sehenswürdigkeiten der Stadt knipsen und vorrüberziehende Kinderschülergruppen knuddelten ihn ungeniert auf offener Straße. Doch manchmal, wenn eine junge, knackige Karlsruherin ihn „süüüüß“ fand und einen Schmatzer aufdrückte, spürte er, wie seine Triebe zu sprießen begannen und sein ohnehin schon roter Kopf noch röter anlief.
Tja, damals, als er bei Rheinstetten auf dem Versuchsgut gelebt hatte, war sein Leben weniger erfreulich gewesen. Testrübe 007 nannten ihn seine Erzeuger, beobachteten oder untersuchten ihn pausenlos, obwohl er sich ganz und gar nicht krank fühlte. Er war das blühende Leben und außerdem gerade gewachsen, warum nur machten die Herren im weißen Kittel alle so ein Gedünse um ihn?
Doch je mehr 007 versuchte „normal“ zu sein, desto argwöhnischer verhielt man sich ihm gegenüber. Auch nachdem er die lächerlichen Aufgaben, die sie ihm stellten, fehlerfrei absolvierte (geometrische Formen zuordnen beherrschten ja sogar die Affen im Zoo) und seine Intelligenz unter Beweist stellte, in dem er sich selbst das Lesen und Schreiben beibrachte, konnte er sie nicht davon überzeugen, ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein. Als er immer größer wurde, sperrten sie ihn sogar in einem der Labore ein, als wollten sie seine Existenz vor der Außenwelt vertuschen. Lange Zeit wurmte ihn das sehr, denn er wollte endlich hinaus in die weite Welt und begann regelrecht vor sich hin zu welken.
Bis eines Nachts Gen-Gegner im angrenzenden Maisfeld ein Feuer legten.
007 nütze die Gunst der Stunde, besser gesagt die in der allgemeinen Hektik offen gelassene Labortüre, um zu fliehen. Er schlug sich in den Hardtwald durch und es gelang ihm sich der Gruppe der Umweltaktivisten anzuschließen. Auf Grund seiner „Tarnung“ hielten sie ihn für einen der Ihren und boten ihm Unterschlupf an. Dank ihrer Unterstützung schaffte er es, sich eine neue Existenz aufzubauen und den perfekten Job zu finden, um den Typen vom Versuchgut nicht einmal mehr aufzufallen, wenn sie ihm auf der Kaiserstraße begegnen sollten.
So kam es, dass Testrübe 007, alias Roger Möhre, eines schönen Frühlingtages in seinem geliebten Schlosspark saß, die Sonne warm auf seiner roten Haut fühlte, die Füße genüsslich in die Erde grub und beschloss nun endgültig seine Wurzeln in der Fächerstadt zu schlagen.
Er schüttelte sein grünes Krauthaar, das er zu einem Zopf gebunden hatte, aus und beobachtete mit einem zufriedenen Lächeln, wie tausende kleine Samen vom Wind davon getragen wurden.

