Das Ding in der Zelle

Exklusiv in der Online-AusgabeAutor: Merkle, Boris

Es gibt nur zwei Momente in meinem Leben, in denen ich mehr um meinen Verstand, als um mein Leben fürchtete. Beide Male geschah dies in völliger Dunkelheit. Deswegen meide ich Karlsruhes Straßen bei Nacht. Und ich bereite mich auf eine Schlacht vor. Viele halten mich für einen Fanatiker. Doch mir wurden die Augen für Dinge geöffnet, die jenseits der menschlichen Erfahrung, Wissenschaft oder Vernunft liegen.

Ich lernte Emil Hertz während meines Studiums an der Universität Heidelberg kennen. Damals, kurz nach dem großen Krieg, trafen sich viele Studenten zu abendlichen Soireen. Bei Wein und Zigarren verbrachten wir viel Zeit damit, theoretische Konstrukte zu erörtern, in denen das Leben eines Menschen verlängert werden könne, indem man seinen Geist in einen anderen, künstlich hergestellten Körper transferiert.
Tatsächlich hatte uns unsere Freizeitlektüre auf diese Gedanken gebracht; besonders hatte Hertz es ein Foliant im gesonderten Bereich der Universitätsbibliothek angetan, eine Ausgabe einer verbotenen lateinischen Übersetzung eines inzwischen verschollenen arabischen Werkes.
Darin wurde von Lebewesen berichtet, die lange vor dem Menschen die Erde bewohnten, und wie sie Vorkehrungen trafen, um ihre Rückkehr und den Wiederaufbau ihres Imperiums zu sichern. Offenbar hatten diese Wesen ohne Sprache kommuniziert und konnten sogar ihren Geist in niedere Tiere transferieren.
Ein weiterer Absatz sprach davon, dass das Wissen über diese Wesen durch viele Träume von vielen Menschen zusammengetragen wurde. Die Wesen hatten über die Träume zu ihnen gesprochen, hatten ihnen im Traume Eingebungen und Ideen gegeben.
Nach dem Studium verloren wir uns aus den Augen. Ich ging zurück in meine Heimat und Hertz begann ein umfassendes Forschungsprojekt in Karlsruhe.

Als ich Jahre später wegen des schwarzen Freitags meine Arbeit
verlor, bot Hertz mir eine Anstellung als sein Sekretär und persönlicher Assistent an. Ich willigte ein und zog kurze Zeit später, im November 1929, in sein Haus in der Nähe der Oberpostdirektion in Karlsruhe.
Hertz hatte sich ein Laboratorium im Keller eingerichtet. Ich hatte in den restlichen Stockwerken für Ordnung zu sorgen, Mahlzeiten für uns beide zuzubereiten und in jeder sonstigen freien Minute seine handschriftlichen Notizen per Schreibmaschine zu übertragen. Während dieser Zeit hörte ich auch den Mythos über die Entstehung Karlsruhes:
Es wird erzählt, dass Markgraf Karl Willhelm von Baden-Durlach während eines Ausfluges unter einem Baum eingeschlafen sei und von einer Stadt geträumt habe. In ihrem Mittelpunkt erhob sich ein Schloss, von dem aus sich die Straßen wie die Strahlen der Sonne nach allen Seiten hin ausbreiteten.
Die Stadt wurde geplant und 1715 wurde der Grundstein des Schlosses gelegt. Der strukturierte Grundriss ist bis zum heutigen Tage erhalten geblieben und hat der Stadt den Kosenamen ‚Fächerstadt‘ eingebracht.
Später sollte eine von Hertz‘ Notizen ein anderes Licht auf die Stadtgründung werfen, doch ich will der Reihe nach vorgehen. Nachdem ich die Unmengen verschiedener Zettel mit der geschwungenen Beschriftung meines Arbeitgebers in eine einigermaßen chronologische Reihenfolge gebracht hatte, setzte ich mich an die Schreibmaschine:

Erfolg! Habe über Nacht in der im Buch beschriebenen Weise Beschwörungsformeln gesprochen. Die Wesen offenbarten sich mir. Ich bleibe von jetzt an hier in Karlsruhe. Sobald ich ein Haus gekauft habe, lasse ich meine übrige Habe nachsenden. Ein bisher ungelöstes Problem: Mit dem Wegzug aus Heidelberg verliere ich meinen Zugang zum Buch. Muss mir dringend Ersatz beschaffen.

Die Wochen vergingen, und Hertz verbrachte immer längere Zeit in seinem Labor. Schließlich übernachtete er sogar im Keller des Hauses. Ich brachte ihm jeweils die Mahlzeiten auf einem Tablett an die Tür, stellte das Tablett auf dem Boden ab und holte das gebrauchte Geschirr von derselben Stelle wieder ab. Dann kamen die Arbeiter.

Eines Morgens fuhren zwei Laster in den Innenhof des Hauses, von dem aus ein zweiter Zugang in den Keller führte. Vierzehn Männer sprangen von der Ladefläche oder stiegen aus den Fahrerkabinen und begannen, Grabewerkzeuge und zwei dieselgetriebene Generatoren für elektrischen Strom abzuladen. Ich ging verwundert hinaus, als Hertz die Kellertüren zur Seite stieß und die Arbeiter willkommen hieß. Die Männer schafften auf seine Anweisungen hin ihr Arbeitsgerät nach unten.
Erst zu diesem Zeitpunkt fiel mir die Veränderung auf, die mein Studienfreund in der letzten Zeit durchlaufen hatte. Er war blass und hager geworden, seine Bewegungen erschienen unbeholfen und fahrig. Allmählich glaubte ich, dass die ständige Arbeit und Isolation an seiner geistigen Gesundheit nagte. Bestärkt wurde meine Vermutung durch die Aufzeichnungen, die ich in diesem Winter übertrug.

Erhielt Kontakt mit einer Wesenheit namens D’winichth. Seit dem Niedergang seiner Kultur nennt sich sein Volk ‚Die Schlafenden‘.
Er erzählte mir, wie sie vor Äonen von fernen Welten auf die Erde gekommen waren.
Die Schlafenden hatten große Städte gebaut, in denen ihre Weltraumschiffe als Tempel das Zentrum bildeten, von denen sich die Wege strahlenförmig ausbreiteten.
Kein Zweifel: Die Vision von den Städten der Schlafenden haben Karl Willhelm zur Planung von Karlsruhe inspiriert.
Durch eine Katastrophe sahen sich die Schlafenden gezwungen, große Erdmassen als Schutz über sich aufzuschichten und in einer Art Winterschlaf abzuwarten. Um wieder physisch auf Erden zu wandeln, brauchen sie meine Hilfe. Ich soll ihnen neue Körper bauen.

Nach D’winichths Anweisung in den entsprechenden Kapiteln des Buches nachgeschlagen. Es gibt Methoden zur Konservierung organischer Materie. Halte eine Kombination von menschlichem Gewebe und mechanischen Komponenten für angebracht.

Meine Beziehungen haben mir ein paar relativ frische Exemplare verschafft. Injizierte sofort die Konservierungsflüssigkeit in die Leichen. Hoffe insgeheim, die Teile reichen aus um einen kompletten Körper zusammenzunähen.
D’winichth demonstrierte mir seine Fähigkeiten der Geistübertragung, indem er kurzzeitig meinen Körper übernahm. So, erklärte er mir, werde er auch den leeren Körper übernehmen, den ich gerade für ihn baue.

Heureka! Erweckte den Körper heute zum Leben! Es ist bedauerlich, dass ich darüber noch Stillschweigen bewahren muss, doch irgendwann wird mir diese Tat den Nobelpreis einbringen. Habe D’winichth erklärt, dass das Gefäß für seinen Geist bereit ist.

Es war die letzte Notiz, die Hertz gemacht hatte. Ein kaltes Gefühl kroch durch meine Innereien, als ich dies las. War er wirklich erfolgreich gewesen? Laut dieser Aufzeichnungen schien es eher so, als ob er durch ständige okkultistische Séancen seinen Verstand gegen vehemente Halluzinationen eingetauscht hatte.
Ich war versucht Hertz in eine Nervenheilanstalt zu überstellen, doch wer war ich schon, aufgrund eines bloßen Verdachtes hin seinen Ruf in der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu diskreditieren? Nein, ich musste mich erst vergewissern.
Bis ins Frühjahr 1930 waren im Keller Grabarbeiten durchgeführt worden und beträchtliche Mengen Erde und Schutt hatten über die Lastwagen den Innenhof verlassen. Dann, von einem Tag auf den anderen, waren sowohl die Laster als auch die Arbeiter verschwunden.
Zu dieser Zeit fasste ich den Entschluss, das Labor zu durchsuchen. Ich bereitete Hertz das Mittagessen zu, richtete es auf einem Tablett an und arbeitete an meiner Argumentation, um mir Einlass ins Labor zu verschaffen.
Doch als ich hinunter ging, stand das Frühstück noch unberührt vor der Kellertür. Das war noch nie passiert. Ich stellte das Mittagessen ab und nahm das Frühstück mit nach oben. Als ich beim Bringen des Abendessens auch das Mittagessen unangetastet vorfand, ergriff ich die Initiative. Doch weder auf mein Klopfen, noch auf meine Rufe erfolgte eine Reaktion.
Die Tür war verschlossen, doch ich schaffte es, die Türangeln mit einem Schraubenzieher auszuhebeln. Ich stemmte mich dagegen und ließ das Hindernis mit einem Poltern nach innen stürzen.

Das war es also. Das Laboratorium. Zwei elektrische Glühbirnen beleuchteten flackernd die Betonwände. Regale aus Sperrholz und eine metallisch glänzende Arbeitsplatte nahmen das hintere Ende des Raums ein. Nach rechts verliefen die Stufen, die in den Innenhof führten. Ich überspielte meine Abscheu vor Kellern, stieg hinab und sah mich um.
Hertz war nicht da. Hatte er das Haus verlassen? Ich ging zu den Regalen. Verschiedene Behältnisse mit chemischen Substanzen, ein Koffer mit medizinischen Instrumenten und medizinische Fachbücher.
Dann durchfuhr mich ein Schauer. Hatte ich diesen Buchrücken nicht schon einmal gesehen? Ich zog den schweren Wälzer heraus, wuchtete ihn auf die Arbeitsplatte und schlug ihn auf. Es war das Buch, das wir damals heimlich betrachtet hatten – er hatte es gestohlen.
Ich schlug den Folianten wieder zu, als meine Aufmerksamkeit auf die Arbeitsfläche gezogen wurde. Es war ein Seziertisch. Ich dachte an die Notizen.

Hoffe insgeheim, die Teile reichen aus, um einen kompletten Körper zusammenzunähen.

Ich taumelte rückwärts und stieß gegen das Regal. Ich arbeitete für einen Erben Frankensteins! Und sofern nicht alle Bemerkungen aus seinen Aufzeichnungen Wahnvorstellungen gewesen waren ...
Mein Ärmel stieß einen Stapel Papiere zu Boden. Versonnen bückte ich mich danach und raffte die Blätter hastig zusammen.
Eine leichte Panik hatte mich erfasst, und unterbewusst meinte ich zu diesem Zeitpunkt wohl schon, meine Anwesenheit verbergen zu müssen. Dann jedoch fiel mein Blick auf die geschwungene Schrift meines Arbeitgebers. In meinen Händen befand sich die Fortführung seiner Notizen. Ich fing an zu lesen.

D’winichth zeigte sich einigermaßen zufrieden bezüglich seines neuen Körpers. Dass ich ihm keine Sprechorgane verliehen habe, schien er sogar zu begrüßen. Er kommuniziert wie bisher nur über Telepathie mit mir.

Haben erneut einen Körpertausch versucht. Diesmal landete ich in dem Körper, den ich zusammengesetzt und reanimiert hatte. Der Schlafende schritt in meinem Körper vor mir her und demonstrierte mir, wie gut er meine Haltung, Mimik und Gestik imitieren konnte. Er begrüßte sogar persönlich den Arbeitstrupp, der die Ausgrabungen macht.

Endlich der Durchbruch. Allein die Vorkammer zur Stadt der Schlafenden ist gewaltig! Kann es kaum erwarten, ihre Wunder zu schauen.

Alles hat sich zum Schlechten gewendet! Heute verlangte D’winichth Unsägliches von mir. Sein Volk braucht Körper, und mein Versprechen, so schnell wie möglich neue Leichen anzufordern, schien ihn nicht zufrieden zu stellen.
Er verlangte von mir, die Arbeiter zu vergiften, aber ich weigerte mich vehement. Auf einmal fand ich mich in seinem Körper wieder. Bis ich den Schock überwunden hatte, hatte der Schlafende mich überwältigt. Und dann war es zu spät.
D’winichth hatte die Arbeiter ermordet und nach unten geschafft. Der Schlafende zeigte nun sein wahres Gesicht. Er drohte mir, meinen jämmerlichen Körper für immer zu übernehmen, falls ich nicht genau seine Befehle befolgen würde. Wir stritten uns furchtbar, doch schließlich hatte ich keine andere Wahl, als diese armen Teufel auseinanderzuschneiden und neu zusammenzusetzen. Die, die ich nicht verwenden konnte, hat dieses Monster höchstpersönlich für eine weitere Verwendung konserviert. Gott vergebe mir!

D’winichth hat mir nun, da ich kein Hindernis mehr darstelle, den vollständigen Plan seines Volkes enthüllt. Er beinhaltet drei Phasen, durch die die Menschheit verwirrt und geschwächt werden soll, auf das die Schlafenden mit geringem Widerstand wieder ihre Stellung als dominante Lebensform auf diesem Planeten einnehmen können. Drei Phasen, dargestellt durch drei verheerende Kriege, die nacheinander durch die folgenden Ursachen würden ausgelöst werden:
1. Der Tod eines Thronfolgers
2. Die Herrschaft des Abschaums
3. Die brennenden Türme
Mit dem ersten konnte er wohl nur das Attentat auf den Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich gemeint haben, also befinden wir uns wohl jetzt in der ersten Phase. Allein das Wissen, dass diese Lebewesen noch zweimal solch schreckliche Kriege hervorrufen wollen, zeigt, wie niederträchtig und lebensverachtend die Schlafenden sind.
Die Schuld jedoch trifft mich. Mein Größenwahn, meine Sucht nach Ruhm und Erfolg hat dieses Übel in unsere Welt geboren.

Ein taubes, kribbelndes Gefühl breitete sich in mir aus. Ich schob die Zettel in irgendein Regalfach und stützte mich auf den Seziertisch. Es gab ein lautes metallisches Schnappen, das mich vor Schreck zusammenfahren ließ.
Die Edelstahlfläche unter meiner Hand wackelte. Der schwere Metalltisch kippte mit Leichtigkeit nach hinten – ich vermutete irgendeinen Mechanismus mit Gegengewicht – und gab eine betonierte Wendeltreppe nach unten frei. Wie hypnotisiert tappte ich auf den dunklen Schlund zu und stieg hinab.
Ich wunderte mich, dass so wenige Arbeiter so tief gegraben haben sollen. Wenn ich hätte schätzen müssen, hätte ich auf fünfzehn bis zwanzig Stockwerke getippt, die ich nach unten stieg.
Dann langte ich unten an und meine Zuversicht, Hertz sei dem Wahnsinn verfallen, begann zu bröckeln. Mein Atem stockte. Ich betrat eine riesige Kaverne, die nur dürftig von wenigen Glühbirnen ausgeleuchtet wurde. Dicke Felssäulen streckten sich in die Dunkelheit, die die Decke beheimatete. Vorsichtigen Schrittes bewegte ich mich voran. Plötzlich, ein Schnauben. Ich presste mich flink an eine Säule und wartete ab. Es war wieder ruhig, nur ab und zu schien ich ein weit entferntes Stapfen zu hören. Vorsichtig stieß ich mich vom kalten Stein ab.
Da sah ich, dass sich hinter den Säulen schwere Metalltüren befanden. Alle waren verriegelt. Ich ging näher an eine heran. Die Türen waren konstruiert, als wären sie für Zellen bestimmt, allerdings waren sie für Menschen übergroß proportioniert. Es gab auch einen Schieber für ein Sichtfenster, durch das ein imaginärer Wärter den Gefangenen betrachten konnte.
Leise schob ich das Sichtfenster auf und musste mich stark anstrengen, um hindurch zu sehen. Schließlich erkannte ich, was ich mir betrachtete.
Ich fiel zu Boden, kauerte, zitterte. Ich weiß heute noch nicht, ob ich vielleicht auch geschrien habe, aber ich war nicht bemerkt worden.
Was mir aus der Zelle entgegen glitzerte, waren die Augen der in Leichenstarre gefangenen und mit Chemikalien konservierten Arbeiter. Unmengen von ihnen.
Es hatten mehr als vierzehn Mann an den Ausgrabungen mitgearbeitet. Wie Frederic es bewerkstelligt hatte – ich wusste es nicht. Aber er hatte wohl jede Woche frische Arbeiter kommen lassen, während diejenigen der vorigen Woche sich in den Zellen stapelten. Ich richtete mich auf und schleppte mich tiefer in die Höhle. Meine Sorge um Hertz war gewichen.
Ob wahnsinnig oder nicht, ich würde ihm den Schädel einschlagen! Inzwischen hatte ich auch so eine Ahnung, wo er war. Vor mir hörte ich das sonore Tuckern von Dieselmotoren. Die Generatoren, die die Lampen versorgten.

Steinerne Treppen mit übergroßen Stufen führten mich tiefer hinab. Ich folgte dem Verlauf der Kabel. Doch wieder sollte sich einer von den Einträgen meines Arbeitgebers bestätigen.

Allein die Vorkammer zur Stadt der Schlafenden ist gewaltig!

Ja, die gewaltige Höhle, die ich durchquert hatte, war nur die Vorhalle gewesen. Jede Vermutung über die Abmessungen der eigentlichen Stadt der Schlafenden wird wohl jederzeit von ihrer tatsächlichen Ausdehnung übertroffen. Die Lampen waren nur in wenigen Straßen verlegt worden, doch der Verlauf zum Zentrum hin war die eindeutige Entsprechung des Pendants an der Erdoberfläche.
Und in der Mitte, gewaltig wie ein Zeppelin, nur scheibenförmig, thronte der Tempel, das Weltraumschiff, das die Schlafenden auf unsere Erde gebracht hatte. Wie im Traum ging ich durch die Straßen, bis ich zu einem der Dieselgeneratoren gelangte.
Ich wurde langsamer und blieb schließlich neben dem lärmenden und stinkenden Motor stehen. Und von dort sah ich - das Wesen! Vor der Kuppel des Tempels standen Hertz und eine grotesk verzerrte Parodie eines zweieinhalb Meter großen Menschen. Das Ding war – um es noch abscheulicher zu machen – in Menschenkleidung, die an bestimmten Stellen zerrissen oder zerschnitten war, um Raum für die falschen Proportionen zu machen.
Ich drückte mich an die Wand eines Gebäudes in der Hoffnung, die Schatten würden mich verbergen. Hertz unterhielt sich mit dem Fremdling. Ich konnte nicht verstehen, worum es ging, also konzentrierte ich mich auf das, was ich sah. Das Ding war haarlos, strähnige Muskeln und hervortretende Sehnen verliefen unter der zernarbten und verschieden pigmentierten Haut. Besonders an den dreigelenkigen Beinen schienen zusätzlich hervortretende Metallteile das Gewicht zu stützen.
Plötzlich blickte Hertz auf. Unsere Blicke kreuzten sich. Er riss seinen Arm hoch, zeigte auf mich und schrie. Er und der Schlafende rannten auf mich zu.
Mir wurde sofort klar, dass ich nur eine Chance hatte, um zu entkommen. Ich rannte zum Stromgenerator und riss die Treibstoffleitung heraus. Der Motor fing an zu stottern und verstummte. Schwärze umfing uns drei, und ich begann zu rennen.

Der große Krieg lag in den letzten Zügen, als eine Granate den Unterschlupf meines Zuges traf. Der Bunker brach zusammen, alle meine Kameraden starben und ich wurde unter Erdreich und Holzbalken verschüttet.
Niemand kam. Die Welt hatte mich vergessen und begraben. Kein Wasser, keine Nahrung, kaum Luft. Die Zeit wurde zur Ewigkeit. Ich weinte. Ich schrie um Hilfe. Ich resignierte.
Dann hörte ich ein Kratzen. Zuerst fasste ich wieder Hoffnung. Sie gruben nach Verschütteten! Doch zu dem Kratzen gesellte sich ein Trippeln und Quieken. Die Ratten! Sie fraßen meine Kameraden. Und bei mir müssten sie nicht einmal warten, bis ich tot war.
Meine wahnsinnigen Schreie der Verzweiflung waren meine Rettung.
Die Retter hörten meine Schreie und befreiten mich aus meinem Grabmal.

Nun war ich wieder von der Dunkelheit verschlungen worden, und unsichtbare Feinde trachteten nach meinem Leben. Irgendwie hatte ich es geschafft, mich die endlose Treppe in die Vorhalle hinaufzutasten. Nun kauerte ich still hinter einer Säule, während mir mein Herz im Brustkorb trommelte. Dann kamen die Schritte hallend näher. Die einen waren normal, doch die anderen waren staksend und irgendwie metallisch schnarrend. Keuchen und ein abscheulich heiseres Schnauben.
Hertz‘ Stimme begann: „ Er kann uns unmöglich so weit voraus sein. Wir müssten ihn zumindest noch auf der Wendeltreppe hören.“
Die zweite Stimme, unendlich tief dröhnend, wie ein Kontrabass aus dem innersten Kreis der Hölle: „Er wird noch unten in der Stadt herumirren. Hol‘ von oben Taschenlampen, ich blockiere die Treppe. Dann suchen wir von hier nach unten alles ab. Die anderen wissen schon Bescheid.“
Die Schritte trennten sich; die normalen führten nach oben, die anderen staksten in Richtung der Stadt.
Ich wog meine Möglichkeiten ab. Wenn sie auf Nummer sicher gingen und hier alles ableuchteten, würden sie mich unweigerlich entdecken. Ich würde wohl den toten Arbeitern eine Weile Gesellschaft leisten müssen. Behutsam schob ich mich an die Wand und tastete mich daran entlang, bis ich an eine der Zellentüren gelangte. Ich schlüpfte in die Zelle, zog die Tür hinter mir zu und wartete.
Lange passierte nichts, dann wieder hektische Schritte und eine neuerliche Absprache meiner Verfolger. Endlich hörte ich, wie sie die Treppe zur Stadt hinabstiegen und schließlich außer Hörweite waren. Ich zog die Tür sacht wieder auf. Tatsächlich war nichts mehr zu hören. Und langsam hellten sich auch wieder die Lampen auf.
Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Im selben Moment ertönte hinter mir eine Antwort.
Ein röchelndes Keuchen. Ich versteinerte vor Angst. Ketten rasselten sacht, dann kamen die staksenden Schritte auf mich zu. Langsam drehte ich mich um. Durch den Spalt der geöffneten Tür fiel ein fahler Lichtstreifen auf mich und meinen Zellengenossen. Es war ein weiterer Schlafender. Ich sah den langgezogenen Körper, der sich vor mir erhob. Nur eine göttliche Gnade bedeckte das Gesicht mit Schatten. Einen Meter vor mir blieb das Ding stehen, sah mich stumm an. Ich konnte nur leise wimmern, starrte auf den zernarbten Flickenteppich seiner Haut und wie Metallstangen mit Federn daraus herausführten.
Das Ding hob seine dreifingrigen Hände. Nun sah ich, dass es an seinen Handgelenken mit Ketten an die Wand gekettet war. Es ging zurück, hob etwas raschelnd vom Boden auf und trat ans Licht. Mehrere Minuten lang hörte ich ein Kratzen, dann drehte sich das Wesen wieder um und reichte mir ein eng beschriebenes Blatt Papier. Ich brauchte nur einen Blick, um die Schrift und ihre geschwungenen Buchstaben wiederzuerkennen.
„Emil?“ flüsterte ich heiser.
Der schattenhafte Schädel nickte.
Alles, was ich bisher gelesen hatte, stimmte. Und nun war mein früherer Studienfreund eingekerkert – in einer Zelle und einem fremden, abscheulichen Körper.
Ich ging nach draußen, den Blick immer noch auf dieses Ding geheftet, das mir nun zum Abschied zuwinkte.
„Egal, wie lange es dauert, Emil. Ich verspreche dir, dass ich zurückkomme. Ich lasse dich hier nicht im Stich.“
Ich flüchtete aus dem Haus. Ein endloser Treppenanstieg, ein wildes Taumeln durch das nächtliche Karlsruhe und schließlich die Erlösung durch die aufgehende Sonne am nächsten Morgen.
Ich hätte die Erlebnisse dieser Nacht selbst gerne als Halluzinationen abgetan. Doch leider gibt es da diesen eng beschriebenen Zettel, den ich auch am folgenden Morgen noch umklammert hielt:

Lieber Albert,
ich hoffe, du hast meine Aufzeichnungen im Labor gelesen. Ich bin das, was von deinem früheren Freund Emil Hertz noch übriggeblieben ist. Hab kein Mitleid! Ich habe mich gegen die Naturgesetze, die Wissenschaft versündigt. Dies ist meine Strafe. D’winichth wird mir meinen Körper nicht zurückgeben. Die künstlich animierten Körper waren hauptsächlich als Notlösung für die ersten Schlafenden und als Köder für meinen Ehrgeiz gedacht. Sie wollen unsere Körper! Aber dazu müssen sie unsere Konstitution und unsere Solidarität untergraben. Lies meine Aufzeichnungen im Labor! Warne die Menschheit! Für mich ist es schon zu spät. Alles, worauf ich jetzt noch hoffen kann, ist der gnädige Tod. Doch selbst diesen verwehren mir diese Monster. Bis die Menschheit genügend geschwächt ist, soll ich ihnen noch viele Körper bauen.
Leb wohl, mein Freund!

Seit dieser Nacht sind inzwischen vier Jahre vergangen. Die Schlafenden nehmen wohl an, ich sei Hals über Kopf aus der Stadt geflüchtet, aber das ist nicht wahr. Die zweite Phase ist schon eingetreten, letztes Jahr begann die Herrschaft des Abschaums. Der neue große Krieg kann wohl nicht mehr verhindert werden, aber ich habe dennoch vor, die Außerweltlichen aufzuhalten.
Seit damals habe ich einen Geheimbund in Karlsruhe aufgebaut. Wir haben Waffen und Sprengstoff gehortet, und der Zugang zu dieser verteufelten Unterwelt ist immer noch im Keller von Hertz‘ Haus. Wenn es uns gelingt, wird es niemals den Krieg der brennenden Türme geben.
Ich hätte auch gerne die Behörden um Hilfe gebeten, doch selbst wenn man mich nicht ins Irrenhaus stecken würde, befürchte ich, dass dieses großmannsüchtige österreichische Rumpelstilzchen in Berlin versuchen könnte, einen Pakt mit diesen Monstren zu schließen. Dieses Risiko kann ich nicht eingehen.
Sei‘s drum, in der morgigen Nacht werde ich den Angriff anführen. Ich bin zwar nicht mehr der junge Soldat, der ich im Krieg war, aber ich habe meinen Körper durch Fitnessübungen gestählt und bin bereit, diese Höllenbrut ein für alle mal aus unserer Welt zu brennen.
Zudem habe ich dem Ding in der Zelle ein Versprechen gegeben.
Und ich pflege meine Versprechen zu halten.