Die Blumenfrau

Exklusiv in der Online-AusgabeAutor: Meiswinkel, Beate

„Verfluchtes Miststück!“ Zornesröte entflammte das Antlitz des hoch gewachsenen jungen Mannes, der eben in das Büro seines Onkels stürmte. Die Tragflächen des Luftgleiters umwogten seine Schultern wie die Schwingen eines zürnenden Engels. Professor Guido van Dôn, Leiter der Firma XY-Z Genetik, öffnete die Augen und unterbrach sein Brainstorming. Tiefe Wärme durchströmte ihn beim Anblick seines Neffen. Lou van Dôn war mehr sein Kind als jedes andere seiner Geschöpfe, besonders, weil es ihn eigentlich gar nicht hätte geben dürfen - wäre es nach Ariane Roth gegangen. Aufgewühlt stieß Lou seinem Onkel die rechte Handfläche entgegen: „Dies hier wurde mir heute früh übertragen. Lies!“ Guido, ein stattlicher Mann, der sich die Extravaganz leistete zu altern, erhob sich aus seinem Stuhl. Sein mit unzähligen silbernen Lemniskaten bestickter weißer Labormantel umwogte ihn. Er war auf den Zentimeter so groß wie sein Schwestersohn, dem der Wind die sandfarbenen Locken zerzaust hatte. Lou trug einen aerodynamischen grauen Fluganzug. Selbst in Rage waren seine Züge einnehmend. Guido streckte die Rechte aus, um sie sanft auf die des Neffen zu legen und nahm die Übertragung entgegen. Er öffnete sich dem Datenstrom. Als er das Siegel des Oberlandesgerichts Karlsruhe erkannte, hob er die Augenbrauen. Mit einem Wimpernschlag speicherte er die Verfügung im Rechtsarchiv seines Gehirns. Er würde später Kopien an seine Anwälte senden, zunächst aber musste er sich um Lou kümmern. „Also ist es entschieden“, sagte er verbindlich lächelnd, „Du solltest dich beruhigen, mein Junge.“ „Beruhigen?“, schnappte Lou, „Sie hat mir die Reproduktion mit Human-DNS untersagen lassen!“ Sie, damit war Ariane Roth gemeint, Lous genetische Mutter, Inhaberin der marktführenden Firma für Humangenetik, die sich von dem Tage an geweigert hatte, ihren Sohn anzuerkennen, an dem sie von seiner Existenz erfahren hatte. „Wie gelassen du das aufnimmst! Ich bin dein Prototyp, verdammt!“ Guido legte begütigend die Hand auf Lous Unterarm: „Begleite mich nach nebenan, ja?“ Lou zuckte die Schultern: „Ich bin ohnehin nicht in der Stimmung, ins KIT zurückzufliegen, und Dylan hat mit dem Delfinprogramm genug zu tun.“ Lous Zwillingsbruder Dylan, ein Kommunikationsexperte für Wal-Idiome, sprach fließend Delphin, Cetacea und nun auch Inia-Boto, denn es war ihm gelungen, den Dialekt der Flussdelfine zu entschlüsseln. Die verbale Verständigung mit Tieren war längst eine Selbstverständlichkeit. Der Mensch hatte sich von der hochfahrenden Einstellung, die Krone der Schöpfung zu sein, nach den großen Umweltkatastrophen gelöst. Ein lebensbedrohlicher Klimawandel und Landmassen verschlingende Meere sind dazu geeignet, Demut zu fördern und Bescheidenheit zu lehren. Lou folgte seinem Onkel in dessen Appartement. Sein Blick schweifte aus dem Panoramafenster. Der ovale XY-Z Turm war eine beeindruckende Konstruktion aus Sonnenglas und weißem Stahl. Er lag südöstlich des Karlsruher Marktplatzes, nahe der ehemaligen Kriegsstraße, die zu einer der führenden Wasserstraßen der Forschungsstadt ausgebaut worden war. Seit weite Teile der Erdmasse in den Abgründen der hungrigen Ozeane versunken waren, hatte die schmerzlich geschrumpfte Menschheit sich nach Mitteleuropa zurückgezogen. In Karlsruhe hatte man durch ausgeklügelte Dammsysteme ein weites Netz von Kanälen angelegt, das man mit schwimmenden Omnibussen befuhr. Die künstliche Erdatmosphäre tauchte die Stadt in einen sanften Goldton. In der Ferne sah man die Ausläufer des Schwarzwaldes. Wie immer empfand Lou den Drang, ihnen zuzufliegen, fort von allem hier. Guido betrachtete den Neffen sorgenvoll. Er wusste um den Schmerz des jungen Mannes, den er liebte wie einen Sohn – denn nichts anderes war er. Lou war als Guidos biogenetischer Prototyp in vitro gezeugt und von einer Leihmutter zur Welt gebracht worden. Um seine Lebensfähigkeit zu beweisen, musste ein Prototyp auf natürliche Weise geboren werden. Nur dann erhielt er die Zulassung zur kommerziellen Verwertung seines Erbmaterials, mit dem die DNA gewöhnlicher Menschen veredelt werden konnte. Nachdem die Menschheit infolge massiver Umweltkatastrophen und weitflächig auftretender Seuchen so stark dezimiert worden war, dass ihr das Aussterben drohte, hatten Genetiker einen Weg gefunden, um das Überleben zu sichern. Sie hatten menschliches Erbgut gezüchtet, das optimal an die veränderten Lebensbedingungen angepasst war. Es war resistent gegen virale oder bakterielle Erkrankungen, Allergien und Krebs. Körperliche wie geistige Behinderungen gab es nicht mehr. Selbst die Lebenserwartung war drastisch gestiegen. Nach der Kindheit erreichte man eine Lebensphase, die einem früheren biologischen Alter von etwa 30 entsprach und in der man bis kurz vor dem Tode verweilte, der mit etwa 180 Jahren eintrat. In Karlsruhe hatten die Biogenetiker Mathieu van Dôn und Donna Roth seinerzeit die führende Produktionsfirma für humangenetisches Material in Europa gegründet. Ihre Prototypen Guido van Dôn und Ariane Roth wurden erfolgreich vom Markt aufgenommen. Ariane gründete in direkter Nachfolge die Firma DoppelheliXX, ein Unternehmen, das auf Qualität und Langlebigkeit seiner Produkte Wert legte. Guido van Dôn, von jeher Visionär, setzte mit XY-Z Genetik verstärkt auf Innovation. Schon mehrfach war er mit den Gesetzen in Konflikt geraten, hatte es aber stets verstanden, sich und die Firma im Fahrwasser der Legalität zu halten. Seine Produkte galten als mondän und elegant, leider waren sie hie und da ein wenig anfällig. Daher waren die kerngesunden DoppelheliXX-Kinder stärker gefragt. Eine Veredelung des eigenen Erbmaterials war eine teure Angelegenheit, so dass die meisten Paare mit Kinderwunsch lieber auf Sicherheit setzten. Guidos Vision war ein gemeinsamer Sohn mit Ariane Roth, ein Produkt basierend auf dem überragenden Know-how ihrer beider Firmen. Ariane aber wollte davon nichts wissen. Ihr eigener weiblicher Prototyp sollte ihre Erbin werden. Doch während sie sich dem Routineeingriff unterzog, der jeder Schwangerschaft vorausging, gelangten auf rätselhafte Weise zwei ihrer mit Guidos Erbgut befruchten Eizellen in ihren Uterus. Als Ariane feststellte, dass sie statt der gewünschten Tochter männliche Zwillinge erwartete, ließ sie die Schwangerschaft abbrechen. Die unerwünschten Föten aber gelangten auf geheimen Wegen in die XY-Z Labore, wo eine Leihmutter bald von zwei gesunden Buben entbunden wurde. Eines der Kinder beließ Guido in ihrer Obhut, und sie taufte es auf den Namen Dylan. Den kleinen Lou erzog Guido selbst, und im Sonnenschein der Liebe seines Vaters wuchs er zu einem vielversprechenden jungen Mann heran. Guido hatte darauf gesetzt, dass Ariane Roth den gemeinsamen Stammhalter mit der Zeit schon anerkennen werde. Doch die Schwester war über den Betrug so erbost, dass sie unverzüglich vor Gericht zog. Sein ganzes Leben lang tobte der Rechtsstreit zwischen Lous Eltern nun schon, ein Nerven zerfetzendes Ringen, das auf seinem Rücken ausgetragen wurde.

Der Professor nahm in einem seiner chamoisfarbenen Schwebesessel Platz, während der junge Mann mit verschränkten Armen aus dem Fenster starrte. „Möchtest du eine Erfrischung?“, fragte Guido. Widerstrebend wandte Lou sich dem Onkel zu. „Quellwasser wäre mir recht.“ Er setzte sich ebenfalls. Guido berührte mit den Fingern der rechten Hand den funkelnden Saphir an seinem Ohr. Kurz darauf trat ein hübscher Junge mit einem Tablett ein, der ihnen ihre Getränke servierte. Lou trank durstig. Das wohl temperierte Wasser mit seinem leisen mineralischen Aroma war belebend. Er betrachtete den Jungen nachdenklich. Borstiges Haar wuchs ihm bis tief in die Stirn, in seinem kecken Gesicht glitzerten mutwillige Knopfaugen, und aus seinen Mundwinkeln wölbten sich zierliche Hauer: eines von Guidos Tierkindern. Es war selbstverständlich illegal, eine solche Kreatur zu generieren. Guido aber hatte drei von ihnen, Kreuzungen von Mensch mit Wildschwein, Hirsch und Wolf. Gesetze waren seiner Meinung nach dazu da, um auf ihre Dehnbarkeit erprobt und auf ihre Tragfähigkeit gemessen zu werden. Dasselbe Rechtssystem, das die Existenz seiner Tiersöhne verbot, hielt gleichzeitig seine schützende Hand über sie, denn jedes geborene Leben musste bewahrt werden. Guido stellte sein Glas ab und wandte sich Lou zu, während der Junge hinaushuschte: „Ich weiß, wie du dich fühlst. Du bist mit der Ablehnung deiner Mutter aufgewachsen. Das ist meine Schuld, denn sie fühlt sich von mir betrogen und überträgt ihre Gefühle auf dich. Nun hat sie erreicht, dass ich dich nicht als Prototypen und Erben einsetzen kann. Sie hat dir die Möglichkeit genommen, mit einer Frau ein Kind zu zeugen.“ „Ja, das ist ein Schicksalsschlag, nicht?“ Lous Stimme war bitter. „Was für eine Enttäuschung muss ich, dein gestohlenes Kind, für dich sein.“ „Du bist das Teuerste auf der Welt für mich!“, rief Guido, „ Ich habe einen Weg gefunden, wie wir unsere Ziele doch verwirklichen können!“ Er berührte erneut den Transceiver. Eine junge Frau trat ein. „Ah, Blandine!“, Guido erhob sich, „ich glaube, du kennst meinen Neffen Lou noch nicht?“ „Nicht persönlich.“ Sie lächelte, „Ihre Arbeiten kenne ich natürlich. Sehr erfreut, Doktor.“ Lou schwieg, seine Augen ruhten auf Blandine. Sie war schön, aber das war keine Überraschung; Schönheit war eines der Privilegien des modernen Menschen. Jemanden wie sie aber hatte er noch nie gesehen. Ihr Haar schimmerte wie Calla-Lilien, ihre Augen waren dunkel und glänzend wie Tollkirschen. Ihr Duft erinnerte an Frühlingsblüten im Sonnenschein. „Blandine ist Biologin“, sagte Guido leutselig, Lous Verblüffung amüsierte ihn. „Sie arbeitet im Botanischen Garten.“ Lou blieb stumm. Er beobachtete, wie das Zauberwesen seinem Onkel einen antiken Folianten reichte, hörte, wie die beiden einige Worte wechselten, etwas von Tulpen des Markgrafen Karl Wilhelm. Es war nicht wichtig, denn jetzt wandte sie sich ihm zu, reichte ihm die Hand zum Abschied. Er nahm sie, nur um in der Köstlichkeit der kurzen Berührung fast zu vergehen. Sie gehen zu sehen, war unerträglich. „Ich sehe, deine Braut gefällt dir“, sagte Guido, und Lou kehrte in die Wirklichkeit zurück. „Meine was?“ „Ich hatte damit gerechnet, dass deine Mutter diese Verfügung erwirkt. Die Gesetze sehen vor, dass menschliches Erbgut kontrolliert hergestellt werden muss und nicht mit tierischer DNS veredelt werden darf. Aber es gibt eine Gesetzeslücke: es ist nicht untersagt, pflanzliche DNS zur Sublimierung zu verwenden.“ „Ja, weil es unmöglich ist“, entgegnete Lou. Guido packte ihn mit blitzenden Augen bei den Schultern. „Ich sage dir, es ist möglich! Den lebenden Beweis hast du gerade gesehen!“ Lou runzelte die Stirn: „Willst du damit sagen, diese Blandine...“ „Ja! Es ist mir gelungen, menschliche DNA mit pflanzlicher zu kreuzen!“, das Leuchten in Guidos Augen changierte ins Fanatische, „Gott erschuf Adam Kadmon aus Lehm. Ich machte eine Frau aus Blumen!“ Lou riss sich los: „Das widerspricht allen ethischen Grundsätzen! Eine solche Hybride wird niemals kommerziell zugelassen!“ „Doch, wenn das Ergebnis nur überzeugend genug ist!“, flammte Guido, „Einst hat man das beste humangenetische Material gezüchtet, um die menschliche Spezies zu retten, sie zu verbessern! Nun denke dir pflanzliche Eigenschaften hinzu, all die Möglichkeiten! Menschen, die sich durch Photosynthese ernähren oder mit Pheromonen kommunizieren könnten! Mit Blandine können wir eine völlig neue Serie von Erbmaterial anbieten, eine neue Nische auf dem genetischen Markt erschließen!“ „Schön und gut“, entgegnete Lou, „aber was sind die Risiken?“ „Ich bitte dich. Hast du etwa Angst vor Blumen?“
Die Hochzeit von Lou und Blandine fand wenige Monate später im historischen Zentrum für Kunst- und Medientechnologie satt und bildete den Höhepunkt der gesellschaftlichen Ereignisse des Jahres 2713. Guido nutzte die Gelegenheit, um Blandine als neues Produkt – die Blumenfrau – öffentlich vorzustellen. Dass Ariane Roth seiner Einladung gefolgt war, war eine Sensation. Guido führte die Schwester auf die Tanzfläche, nachdem das Brautpaar den Ball eröffnet hatte. Später bot er ihr galant den Arm und geleitete sie auf die Terrasse. Eine Weile standen sie dort in seltenem Einvernehmen. Dann überfiel Guido der alte Groll. „Warum musstest du all das nötig machen?“, rief er bitter, „Warum konntest du nicht verzeihen, was ich tat? Heiligt nicht manchmal der Zweck die Mittel? Jede andere Frau wäre stolz auf einen Sohn wie Lou!“ „Wie kann ich stolz sein auf etwas, das mir nie gehörte?“, entgegnete sie, „Du hast versucht, mir einen gemeinsamen Prototypen unterzuschieben!“ Er ballte die Fäuste: „Sind wir es den Menschen nicht schuldig, ihnen das bestmögliche Erbgut zur Verfügung zu stellen? Fürwahr, es sind wenig genug übrig geblieben!“ „Nun, für die Güte meines Erbmaterials kann ich bürgen“, fauchte sie, „für die des deinen wage ich nicht zu sprechen! Nun hast du sogar eine Frau mit Pflanzen-DNS erschaffen!“ „Da du unserem Sohn nicht helfen willst, habe ich eine Alternative gefunden.“ Er lachte leise. „Blandine ist sein Weg in die Zukunft!“ Mit einer knappen Verbeugung verabschiedete er sich. Ariane aber blieb nachdenklich zurück und fragte sich, ob die Blumenfrau ihres Sohnes Zukunft war - oder sein Verderben. Dabei blickte sie auf ihre Hand, die sie der Braut beim Empfang gereicht hatte; sie schmerzte, als habe sie sich an Brennnesseln verbrannt.

Das junge Paar bezog ein Haus am Zirkelkanal beim Schloss. Blandine fand, dass sie sich glücklich schätzen konnte. Sie mochte ihren Mann, ihre Forschungsarbeit machte ihr Freude. Sie war sehr behütet aufgewachsen und liebevoll umsorgt worden, weil sie etwas Besonderes war, nicht ganz menschlich. Das öffentliche Interesse, das sie auf einmal erregte, befremdete Blandine. Am glücklichsten war sie mit ihren Pflanzen, die ihr näher standen als jeder Mensch. Bei ihnen empfand sie sich als Teil eines Wurzelwerks, das sich über die gesamte Erde erstreckte.

Eines Vormittags kam der Chefgärtner Carlos mit einem jungen Mann in die Baumschule. „Guten Morgen, hier bringe ich Ihnen Gordon, Ihren neuen Assistenten.“ Blandine, die gerade das Wachstum der Ginkgo-Schösslinge überprüfte, zog die Finger aus der Erde, wischte sie flüchtig sauber und reichte dem Neuankömmling die Hand. Der Junge blickte finster und schob die Hände in die Hosentaschen. Sie unerdrückte einen Seufzer; er war nicht der erste, der ihr mit Ablehnung begegnete. „Verstehst du etwas von Nadelbäumen?“, fragte sie, „Dann sieh dir die jungen Fichten dort drüben an. Sag mir, was du von ihnen hältst.“ Gordon stapfte lustlos davon. Carlos neigte Blandine den Kopf zu: „Er stammt aus den Slums hinter dem Raumhafen“, zischte er, „ein waschechter Wildfang, natürlich geboren, keine kontrollierte Erbmasse. Ist schon eine Weile hier. Sehen Sie sich vor, er ist ein wenig ungehobelt.“ Väterlich tätschelte er ihre Schulter. „Bis dann, Gordon“, rief er, „mach mir keine Schande!“ Der Junge blickte böse herüber, seine zornigen Augen verweilten bei Blandine. Offenbar war es für heute mit ihrer Ruhe vorbei; also schlenderte sie zu ihm hinüber. „Sie sind diese Blumenfrau!“, raunzte Gordon. Blandine lächelte schmerzlich und schwieg. „Mir können Sie nichts vormachen“, fuhr er fort, „sie sind so fremd in dieser Welt wie ich. Wir sind nicht zivilisiert und gezähmt. Für uns gelten andere Regeln!“ Seine Worte gefielen ihr nicht. „Kannst du mir nun sagen, was meinen Bäumchen fehlt?“, fragte sie. Da hielt er ihr einen zappelnden Käfer entgegen. Beinahe genüsslich zerquetschte er ihn zwischen seinen Fingern. Blandine sog scharf die Luft ein; ein Lebewesen, selbst einen Schädling wie diesen zu töten, war ungehörig. Sie schalt ihn und hieß ihn, die Käfer einzusammeln und an den Zoo zu schicken. Auf ihre Arbeit konnte sie sich danach nicht mehr konzentrieren. Immer wieder stand ihr das Bild seiner barbarischen tötenden Finger vor Augen, und die Wahrhaftigkeit dieser Grausamkeit erregte sie. Es stieß sie ab, doch er zog sie an. So geschah es, dass zwischen der Blumenfrau und dem Wildfang eine wilde verbotene Liebe entbrannte. „Ich kann nicht ohne dich leben“, schluchzte sie in seinen Armen, „Was sollen wir tun?“ Er flehte, sie möge aufhören zu weinen: „Auf einigen der äußeren Planeten werden neue Siedlungen gebaut“, sagte er, „Dorthin könnten wir gehen!“ „Aber ich habe nicht viel Geld, und du besitzt nichts“, jammerte sie. „Hör auf zu heulen.“ Er stieß sie fort, „Dein Mann hat Geld genug. Lass es uns nehmen und fliehen!“

Als Lou seine Frau am folgenden Tag im Botanischen Garten abholen kam, fand er sie blass und einsilbig vor. „Was fehlt dir, Liebes?“ fragte er. Sie hielt ihm schweigend ihren verwelkten Brautstrauß entgegen. „Das ist schade“, sagte Lou. „Alles ist vergänglich. Sei nicht traurig, unsere Liebe ist doch erst erblüht!“ Sie warf die Blumen fort und wandte sich ab. Bestürzt legte er die Arme um sie: „Liebling, was ist denn?“ „Ich mache mir Sorgen, dass dir etwas zustößt!“ Da lachte er: „Keine Angst. Ich werde noch lange leben!“ Sie entwand sich ihm: „Aber wenn dir jemand etwas antut?“ Wieder lachte er, gerührt über ihre Besorgnis: „Kein zivilisierter veredelter Mensch wird mir etwas zu Leide tun!“ „Kein zivilisierter Mensch…“ sinnierte Blandine tonlos. „Ganz recht. Komm, küss mich!“ Doch Blandine lauschte dem Echo einer Erinnerung nach: Wir sind nicht zivilisiert und gezähmt. Für uns gelten andere Regeln. „Richtig“, flüsterte sie. Lou, dies als Einsicht und Zustimmung wertend, zog sie an sich. Blandine erwiderte seinen Kuss innig. Sie liebte ihn dafür, dass er ihr den Weg gezeigt hatte, und während ihr Kuss sich vertiefte, spürte sie das Wurzelwerk, mit dem sie verbunden war. Sie rief die stärksten Pflanzenkräfte, die sie kannte. Das Netz reagierte auf ihre Impulse. Sie beschwor die Namen ihrer Geschwister, und aus den Tiefen ihres Seins quollen ihre Essenzen hervor: Mandragora, Belladonna, Aconitum. Datura, Convallaria, Oleander. Conium, Papaver, Digitalis. Sie spürte sein Erschauern. Keuchend griff er sich an die Kehle und wankte zurück, aschfahl. Die Gifte tobten in seinem Körper. Gift troff auch von Blandines Lippen, sie wischt es fort, während sie beobachtete, wie er in die Knie brach und starb. Sie streckte die Hand aus, um die des Geliebten zu ergreifen, der in den Schatten wartete.

Gegen Mitternacht schreckte Guido van Dôn aus dem Schlaf. Seine Gedanken griffen aus, suchten nach seinem Sohn. Als er das vertraute Echo nicht spürte, sprang er aus dem Bett. Er eilte zu den Aufzügen, warf sich in eine der gläsernen Kabinen und dachte den Code für sein Laboratorium. Unten erwartete ihn ein massiger dunkler Mann, der ehrerbietig das Knie beugte. Guido zeichnete die gesenkte Stirn mit einem Symbol. „Geh ihn suchen“, befahl er, und der Golem erhob sich. Der Professor musste nicht lange warten, bis er zurückkehrte, über der Schulter ein formloses Bündel. Er zerrte eine bleiche Frau hinter sich her, der ein sanfter Blütenduft entströmte. Der stumme Diener legte Guido seine Last zu Füßen - zwei leblose menschliche Körper. Guido drehte die größere der beiden Leichen um. Lous gebrochenen Augen starrten an ihm vorbei zur Decke, als suchten sie noch immer den freien Himmel. Er hob den geliebten Toten auf und trug ihn in das Labor nebenan. Hinter sich hörte er ersticktes Schluchzen. Er musste sich nicht umsehen, um zu wissen, dass Blandine sich losgerissen und über den anderen Toten geworfen hatte. Guido verschloss sich gegen den Wahnsinn ihrer Trauer; er hatte genug mit seiner eigenen zu schaffen. Behutsam bettete er den Sohn auf eine Bahre, entkleidete ihn und schob ihn in einen der Transformatoren. Das blaue Licht der Metamorphosenlampen zuckte über das schrecklich starre Gesicht. Guido verließ die Kammer, schloss die Tür und beugte sich über die Gedankensteuerung. „Ich kann dich nicht wieder lebendig machen“, murmelte er, „doch einen Teil von dir kann ich wandeln und bewahren, und dann sollst du so frei sein, wie du immer wolltest.“ Mit einem Seufzer löste er den Prozess aus. Die Metamorphose geschah vollkommen lautlos. Als der Kammerdruck zischend abfiel, öffnete Guido die Tür und trat ein. Auf der Bahre saß ein lebendiger Adler. Guido streckte den Arm aus, nach kurzem Zögern sprang der Vogel auf. Der Professor trat zu seinem Diener und trug ihm auf, den Adler fortzubringen. Nun musste er sich um die närrische Verräterin kümmern, die all seine Pläne durchkreuzt hatte. Sie kniete noch immer über dem Leichnam des Wildfangs, den der Golem erschlagen hatte. Grob riss er sie hoch. Eine zeitlang maßen sie einander mit Blicken, der Schöpfer und seine Kreatur, und schließlich war es Guido, der das stumme Duell verloren gab. Im Spiegel ihrer Augen sah er sich selbst und die eigene Verantwortung in diesem Spiel. Er stieß sie in den Nebenraum und schleuderte sie in die Transformatorenkammer. „Ich werde mir nicht noch die Schuld deines Todes aufbürden“, knurrte er, während er sich ein zweites Mal über das Bedienungselement neigte und die Metamorphose freigab, „dein Wesen aber werde ich auslöschen. Und während er bei Tage fliegt, sollst du in den Schatten der Nacht verbannt sein!“

Am nächsten Morgen stand Professor Guido van Dôn an seinem weit geöffneten Panoramafenster, den Adler, der Lou van Dôn gewesen war, auf dem Unterarm. Er hob den Arm, bedeutete dem Vogel zu fliegen. Der Adler wandte dem Mann den Kopf zu. Als er die Ermunterung in seinem Blick sah, duckte er sich und warf sich den indigoblauen Ausläufern des Schwarzwaldes entgegen. Sein heller Schrei schien das Leben selbst zu umarmen.

Am Nachmittag wurde im Zoo ein verhüllter Käfig abgegeben. Eine Tierpflegerin nahm die unerwartete Spende der Firma XY-Z Genetik erfreut entgegen. Behutsam enthüllte sie die Voliere, in der eine hübsche Schleiereule saß. Die Augen des Vogels waren dunkel und glänzend wie Tollkirschen.