Marani

Exklusiv in der Online-AusgabeAutor: Arndt, Annabell-Eva

„Au … Ah … Au … Ah“! Die Schreie gingen allen durch Mark und Bein. „Siehst du was? Lass mich mal schauen“, flüsterte Selena, eine der Dienerinnen von Hexe Marani.
„Du kannst auch nicht mehr sehen, als ich“, wisperte Kiryl, die weitaus ältere Dienerin. Es war an ihren bereits grauen Haaren, die unter der weißen Haube hervorlugten, auf Anhieb zu erkennen. Kiryl diente schon seit ihrer frühen Jugend den Herrinnen auf Schloss Totenfels. Schloss Totenfels war ein kleines Freizeit- und Lustschlösschen mitten im Herzen von Baden gewesen, in das der frühere Markgraf von Baden, Ludwig Georg von Baden, der auch Jägerlouis genannt wurde, im Sommer fuhr und seine Gesellschaften abhielt. Dann geriet das alte Schloss in einen verwahrlosten Zustand und wurde erst wieder Ende des 21. Jahrhunderts von Inaram, einer weitläufig in einer langen Generationsreihe stehenden Verwandten der zweiten Frau des Markgrafen Luise Karoline Freiin Geyer von Geyersberg, übernommen und renoviert. Inaram war eine wunderschöne blonde Frau, die es mit sich und der Welt gut meinte. Sie unterstützte alle und jeden in ihrem Hofstaat. Zuerst diente Kiryl Inaram. Eines Tages tauchte an der Schlosspforte eine Frau auf. Sie war schwarz gewandet und alle Mitarbeiter spürten, dass von der darkfashioned Lady nichts Gutes ausging. Inaram ließ ein wunderbares Menü zubereiten und Marani durfte ihr Gast sein. Am nächsten Tag war Inaram spurlos verschwunden und alle Recherchen, durch die örtliche Polizei Inaram wieder zu finden, waren gescheitert. Die Bediensteten auf Schloss Totenfels nahmen es hin und Marani ergriff die Regentschaft. Kurz nachdem sie die Macht übernommen hatte, ließ sie Aidos, den Hausmeister, eine weiße Skulptur aus Gips unter einer Weide an der Toreinfahrt aufstellen. Es war eine Bildhauerarbeit, die eine Frau zeigte, deren beide Arme hinter dem Rücken verbunden waren und die eine Binde über den Augen trug. Bald schon mussten alle Bewohner von Schloss Totenfels erkennen, dass mit Marani nicht zu spaßen war. Jeder, der es wagte, sich ihren Anweisungen zu widersetzen, verschwand auf mysteriöse Weise und keiner wagte es, nachzufragen wohin oder warum die Person verschwunden war. Die Polizei kam und ging regelmäßig unverrichteter Dinge wieder fort. Kiryl war schlau, sie erkannte, dass Widerworte sinnlos waren und versuchte als erste Dienerin Maranis loyal zu wirken. Immer wenn die Herrin ausflog, ging sie ins Turmzimmer. Auf dem alten Sekretär lag ein in schwarzen Samt eingebundenes Buch. Auf dem Bucheinband war ein Totenkopf zu sehen und es stand in archaischen Lettern geschrieben: „Beim Anfassen des Buches wird dich ein Fluch ereilen!“ Kiryl war furchtlos und ließ sich durch nichts abschrecken.
Sie hatte längst erkannt, dass Marani eine böse Hexe war. Sie kopierte einzelne Passagen aus dem Hexenbuch und versuchte ein paar Zaubertricks nachzuvollziehen, die ihr ganz gut gelangen. Eines Tages, als abzusehen war, dass sich Marani einige Zeit außerhalb von Schloss Totenfels aufhalten würde, gelang es ihr, einen Frosch in einen früheren Diener zurückzuverwandeln. Der junge Diener war einst in einen Frosch verhext worden, weil er es gewagt hatte „Nein“ zu sagen.
Kiryl und Selena standen eine Weile im Zuschauen versunken als Selena schließlich zu Kiryl gewandt flüsterte:
„Meinst du, der schwarze Magier ist bei ihr!“ „Ach was, da tönt es anders aus dem Turmzimmer, du Dummerle!“
Selena war fast beleidigt ob der Worte ihrer Kollegin, aber plötzlich gab Kiryl Selena ein Zeichen und bedeutete ihr, mit ausgestrecktem Zeigefinger still zu sein. „Ich sehe was“, hörte Kiryl sich zu Selena sagen. „Es ist nicht zu fassen, kaum zu glauben ist es.“ „Nun sag schon!“ „Die Hexe steht im Unterhemd und ihren weiten Beinkleidern am Sekretär und schlägt sich mit dem eigenen Besen auf den Rücken. Ach Gott, wie die aussieht. Knallrot ist sie schon und im Gesicht ist unsere sonst so auf ihre Schönheit bedachte Marani auch ganz verschwitzt und außer sich.“ „Warum bestraft sie sich denn selbst?“, fragte Selena, aber Kiryl gab ihr in diesem Moment das Zeichen, den lauschigen Platz sofort zu verlassen.
Sie schwirrten an ihre Aufgaben und gaben sich geschäftig, als Marani nach ein paar lang dauernden Minuten endlich zur Türe herauskam. Sie betätigte eine große Glocke und alle ihre Bediensteten wussten, dass Sie nun sofort und ohne jeglichen Aufschub zu einer Besprechung kommen mussten. Sie fand wie immer im offenen Besprechungszimmer statt. Als erste kam Kiryl, machte vor Marani einen Knicks und die Oberhexe bedeutet ihr, Platz zu nehmen. Marani saß auf ihrem angestammten Platz direkt unter ihrem Portraitbild, das einst ein junger Maler von ihr hatte anfertigen müssen. Kaum war er mit seiner Arbeit fertig, da verschwand er spurlos.
Hin und wieder kam es vor, dass jemand die schwarze Dornenhecke durchbrach und dann freundlich von Marani empfangen wurde. Sie legte dann ihr allerliebstes Schildkrötenlächeln auf und kniff ihre schmalen Lippen zusammen, so fest sie konnte. Alle ihre Gäste ließ sie aufs Feinste bewirten. Die Küche und das Personal waren immer in vollem Einsatz. Den Gästen fehlte es an nichts. Marani ließ ihre Hofnarren kommen, damit sie auftraten und hielt die Gäste bis Mitternacht fest. Es war immer dasselbe Ritual. Sie bezirzte, kokettierte, lachte laut, falsch und schrill und nach einiger Zeit war sie den Neuankömmlingen überdrüssig. Alle waren sie stets am nächsten Tag verschwunden und tauchten nie wieder auf.
In der Zwischenzeit waren alle Bediensteten erschienen und hatten Platz genommen an der schweren braunen Tafel.
Kiryl wurde aus ihren Gedanken gerissen. Marani begann die Rede mit „Aidos“, sagte sie zum Hausmeister. „Du musst die weiße Skulptur unter der Trauerweide entfernen, und zwar sofort. Die Skulptur ist eine Schande für jeden anständigen Hexengarten. Ihr Allerwertester ist im Lauf der langen Zeit abgebröselt und keine Zierde mehr für uns. Außerdem habe ich hundert Buchsbäume beim Gärtner gekauft. Diese kannst du sofort einpflanzen, damit die Auffahrt zu Schloss Totenfels einem zweiten Versailles gleichkommt! Los, los, ans Werk, worauf wartest du noch Aidos! Du musst die Skulptur zersägen und dann mit dem Betonschredder zermalmen. Hast du mich verstanden?“ Der Hausmeister wusste wie alle anderen auch, dass ein einziges Widerwort tödlich sein würde, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Schlossbediensteten waren Befehlsrezipienten allererster Garnison und das Denken begann für alle erst nachdem sie irgendwann einmal Feierabend hatten. Der Hausmeister machte sich eilig ans Werk. Er verschwand in der Remise, die seine Werkstatt geworden war und erhielt nach einiger Zeit einen Anruf aus dem Haupthaus des Schlosses.
Man sah ihn nach geraumer Zeit mit dem Eimer, der einen Deckel trug, in den Keller des Schlosses gehen.
Kiryl betrachtete das Portrait von Marani. Es zeigte sie in jungen Jahren. Hexen altern nicht und doch war etwas anders geworden im Vergleich zu ihrem Antlitz heute. Das Boshafte in ihren Gesichtszügen hatte zugenommen. Die Augenbrauen waren nicht mehr von jener sanften Modellage und auch der Schildkrötenmund schien noch verkniffener und schmaler geworden zu sein. Ja, sie war eine Hexe aus Fleisch und Blut.

Es roch nach Weihrauch und Myrrhe im Hexenschloss. Die Flagge mit dem Bildnis von Marani wehte auf Halbmast und an der Pforte waren die Monitore der Überwachungskameras im Einsatz. Marani liebte die neueste Technik und kombinierte sie mit ihren traditionellen Hexenkünsten. Es hatte fast noch nie ein Eindringling geschafft, ungesehen ins Schloss zu kommen. Die schwarzen Dornenhecken gaben bei einer minimalen Verletzung ein narkotisierendes Gift ab und die Überwachungskameras taten den Rest. Es gab im Zwinger noch zwei schwarze Dobermänner mit einem traurigen Blick. Marani hatte sich die beiden Dobermänner kurz nachdem zwei Postboten spurlos verschwunden waren angeeignet. Seitdem musste Briefe im Postfach der Karlsruher Hauptpost abgeholt werden, weil sich die Post weigerte, nach den Vorkommnissen im Schloss, die Post direkt abzugeben.
Marani hatte sich einst als junge Hexe in den amtierenden Forschungsminister des Landes verliebt. Sie hatte ihn auf einem Hightechkongress kennen gelernt. Er hatte ihr Herz entflammt und ihr mächtig imponiert. Er arbeitete gerade mit einem Stab von Mitarbeitern an der Entwicklung des gläsernen Menschen. Dieses Forschungsprojekt sollte Ende des 21. Jahrhunderts abgeschlossen sein. Marani umschwärmte diesen Mann in jeder Form. Sie machte sich unsichtbar und beschattete ihn, wann immer es ihr möglich war. Es gelang ihr sogar in den Hochsicherheitstrakt einzudringen und die Forschungsergebnisse des Ministers für sich zu dokumentieren. Täglich wartete sie auf Post, aber das Warten war vergeblich geblieben. Marani hatte daraufhin der Liebe für immer abgeschworen. Alles was mit Liebe zu tun hatte war der Hexe von diesem Moment an verhasst und die Männer benutzte sie gerade so, wie sie es brauchte. Alles, was in ihrem Herzen zurückblieb war Hass und krankhafter Ehrgeiz. Marani gab in ihrer Besprechung Befehle. „Bitte Kiryl achte darauf, dass du mir viel Fleisch mit brauner Soße zubereitest. Ich will mein Fleisch in Soße baden und die Kartoffeln darin zerdrücken, als wären es diese kleinen lästigen Marienkäfer, die ich immer wieder in meinem Schlosszimmer habe, weil du nicht sauber genug putzt.“ Das war ein Verweis gewesen und Kiryl wusste, dass Sie sich in allzu naher Zukunft nichts mehr zu Schulden kommen lassen durfte. Sie knickste und ging ans Werk. Marani litt an Gicht und gelegentlich fiel ihr der Zauberstab sogar aus der Hand, weil ihr die Gicht die Beweglichkeit ihrer Finger nahm. Dr. Algrados hatte ihr eine fleischlose Diät verordnet. Die Diät bestand aus Astronautennahrung und Wasser. Nach einiger Zeit verschwand auch Dr. Algrados spurlos. Das Einzige was zurückblieb, war sein brauner lederner Doktorkoffer, ein Relikt seines Urururgroßvaters.
Inzwischen wuchs Maranis Tiersammlung im Schlosszimmer zu einer stattlichen Sammlung heran. Es gab allerlei exotische Tiere wie zum Beispiel eine schwarze Mamba, einen Affen, Kröten und Echsen. Die Tiere fütterte Marani selbst und nur wenn sie ausging, musste Kiryl nach Anweisung die Haustiere füttern. Die Tiere durften niemals aus ihren Käfigen herausgelassen werden, die einzige Ausnahme bildete Rapto, der Affe.
„Selena, achte bitte darauf, dass du meine schönen Stradaschuhe sorgfältig mit Eidechsengalle polierst. Ich möchte keine Flecken mehr auf meinen Schuhen sehen. An ihnen erkennst du den Charakter der Menschen. Nur diejenigen, die hohe Schuhe tragen und dabei irgendwann keinen Schmerz mehr empfinden, sind die starken Menschen. Ich hasse Nachlässigkeiten aller Art und am schlimmsten sind ungeputzte schmutzige Schuhe!“ Selena knickste devot und ging ab. Hexe Marani stand auf, betrachtete sich in großer Selbstgefälligkeit auf dem Portrait und wischte zärtlich über ihr Ebenbild. Sie ging auf ihren hohen schwarzen Stradaschuhen davon. Sie brachte diese immer von den Streifzügen nach Como mit, wo eine alte italienische Hexenschule diese einem griechischen Kothurn ähnelnden Schuhe in viel Liebe und Handarbeit herstellte. Marani liebte schöne Kleidung und im Gegensatz zu anderen Hexen war sie auf flickfreie Kleidung versessen. Schon das kleinste Loch gab ihr Anlass ihre Dienerinnen abzustrafen.
Marani nahm Kurs auf ihr Turmzimmer. Dort angelangt fuhr sie ihren PC hoch. Sie war dabei einen gläsernen Menschen zu entwickeln auf der Grundlage der Spionagearbeit, die sie aus den Forschungsräumen des Ministers mitgebracht hatte. Marani arbeitete wie eine Besessene. Gerade war sie war in einer heißen Phase der Entwicklung angelangt und kreierte das Hardcore, einen Mikrochip, der es ermöglichen sollte die Gedanken der Menschen zu lesen und auch Teile der Erinnerungsfähigkeit auszulöschen. Im Turmzimmer hatte sie einen Prototypen des gläsernen Menschen aufgebaut, bei dem das Gehirn sichtbar war und auf Knopfdruck wieder zum Verschwinden gebracht werden konnte. Marani wollte immer schon allen ihren Bediensteten in den Schädel schauen können. Was wäre, wenn ihr die Entwicklung gelänge? Alle Welt könnte davon profitieren. Eine legendäre Entwicklung in der Geschichte der Menschheit. Alle wären leicht zu steuern und für die eigenen Pläne zu instrumentalisieren und selbst den Minister könnte sie dann zur Liebe zwingen und ihn so manipulieren, wie sie es brauchte. Marani träumte und zeichnete wie besessen an ihrem System. Sie hatte aufwändige Berechnungen gemacht. Ab und zu musste Kiryl sich dann einigen Experimenten unterziehen. Sie folgte vordergründig gehorsam und ließ Allerlei über sich ergehen. So gelangte sie häufig in die Nähe von Marani und konnte ab und an einiges im Hexenbuch nachlesen. Marani hatte an ihren PC einen Computertomographen angeschlossen. Sie hatte Kiryl wieder einmal zu sich gebeten und ihren Kopf in den Tomografen eingespannt. Sie studierte das Innere von Kiryls Kopf. Aber es trennte sie noch viel von ihrem Forschungsziel. Sie arbeitete von Ehrgeiz zerfressen fast Tag und Nacht an ihrem Projekt. Zu diesem Zweck tauschte sie sich häufig mit Natas, dem schwarzen Magier aus dem Schloss Rachenheim, das in der Pfalz liegt, aus. Mit dem schwarzen Magier verband Marani außerdem etwas ganz Besonderes. Beide feierten Fetisch-Riten miteinander und dann schmiedeten sie gemeinsam schwarze Pläne, entwickelten und forschten auf der Ebene des zukünftigen gläsernen, lenkbaren Menschen.
Marani hatte sich in Klausur begeben und nachdem sie einige Zeit in ihrem Forschungszimmer gewesen war, nicht an ihrer Arbeit vorankam, trat sie sichtlich schlecht gelaunt wieder aus dem Turmzimmer heraus: „Kiryl, du kannst an deine andere Arbeit gehen und Selena, bitte bringe mir Mantel und Besen ich werde euch verlassen und zu Natas nach Schloss Rachenheim fliegen. Ihr braucht euch so lange nicht ausruhen, sondern ihr müsst diese To-do-Liste erledigen und außerdem das Schloss reinigen! Es tut Not.“ Sie drückte Selena die Liste in die Hand, öffnete das Turmfenster und zurück blieb Rapto, ihr Affe. Rapto saß gelangweilt auf seiner Stange über dem Sekretär und versuchte eine halblebige Fliege zu fangen, was ihm nicht gelang.

Nachdem einige Zeit verstrichen war und alle sicher waren, dass Marani nicht mehr zurückkehren würde, ging Kiryl mit Staubwedel und einem Deckeleimer ins Turmzimmer. Es war der besagte Eimer mit der Schreddermasse von der Skulptur unter der Weide.
Kiryl war klar geworden, dass es sich bei der Skulptur unter dem Baum um Inaram handeln musste, die von Marani in der Nacht ihrer Ankunft in eine weiße Gipsskulptur verhext worden war.
Kiryl gab Rapto, der knurrte, eine mit Valium injizierte Banane. Rapto war wild nach Bananen und schon ein paar Sekunden später schlief er ruhig ein und ließ die Bananenschale fallen. Kiryl blätterte im schwarzen Hexensamtbuch und bald fand sie das Gesuchte, das wie folgt überschrieben war: „Rezept 2713: Rückverwandelung der weißen Hexe“. Sie nahm aus einer feinen Ebenholzschatulle den Elfenbeinzauberstab von Marani und sprach dazu die magische Formel aus dem Buch:

“Hass, Gier und Neid
Leben im Leid
Liebe siegt im Leben
Lass es dreimal beben
finde das Glück
blick nicht zurück
Kehr zurück an meiner Hand!“

Mit einer aufsteigenden weißen Rauchwolke entschwebte dem Eimer eine wunderschöne blonde Frau. Es war zweifelsfrei Inaram, die Marani hatte verschwinden lassen vor einer sehr langen Zeit, weil sie die Regentschaft auf Schloss Totenfels übernehmen wollte. Kiryl erkannte sie sofort und beide lagen sich in den Armen, als hätten sie in der Zwischenzeit, die fast ein Jahrhundert betrug, nichts anderes gesehen. Kiryl erzählte Inaram von ihrer Verhexung und nun galt es einen Plan zu entwickeln, wie die schwarze Hexe für immer zu Fall gebracht werden könnte. Alle Mitarbeiter von Schloss Totenfels wurden zu einer Besprechung mit dem Gong gerufen und Kiryl führte den Vorsitz der Besprechung. Sie war eifrig mit dem Hexenbuch beschäftigt und fand dann nach längerem Blättern die richtige Formel. Man sah Kiryl und Inaram immer gemeinsam im Turmzimmer.
Marani ward für über eine Woche nicht mehr gesehen. Sie lebte intensiv mit dem schwarzen Magier. Am dreißigsten April zum Hexenball auf Schloss Rachenheim gaben die beiden in Gedenken an Walburga ein großes Fest. Alle hochkarätigen Hexen von nah und fern flogen zum Event an. Marani wurde von allen anderen Hexen gemieden, weil sie bekanntlich eine schwarze Hexe war und sich mit jeder anderen Hexe anlegte.

Die Party endete gemäß der faustschen Regel um Mitternacht, alle Hexen verschwanden, wie sie gekommen waren und blieben bis zum nächsten Jahr in der Versenkung verschwunden. Auch Marani nahm Abschied von Natas und flog zurück. Natas hatte ihr eine Kiste vom köstlichen Champagner in ihr Fluggepäck gepackt und zum Abschied sprachen die beiden ihren Abschiedsritus.

„Laserschwert und Kröten
in alle Köpfe werden wir schauen
alle werden wir töten
in die Dummen und die Schlauen.“

Marani kehrte ins Schloss zurück, alles schien wie immer zu sein.
Der Pförtner rief zu Marani nach oben. „Was ist denn schon wieder“, hörte sich Marani sichtlich schlecht gelaunt fragen. „Es ist eine blonde Frau in einem weißen Gewand an der Haustüre.“ Marani schaltete den Monitor an und sah die Frau vor der Tür stehen. „Lass Sie hereinkommen, führe sie in den Spiegelsaal und gib ihr was von unserem Aphrodisiakum. Ich komme so schnell ich kann.“ Der Pförtner öffnete den schweren Türknauf, stellte sich der Dame, die er schon lange kannte, pro forma vor, damit Marani keinen Verdacht schöpfen würde und führte die junge schöne Frau in den Saal, tat wie ihm befohlen und verschwand wieder.
Die Frau fröstelte in ihrem transparenten Kleid. Sie hatte etwas Elfenhaftes an sich. Den Empfangscocktail schüttete sie in eine Efeupflanze in der Zimmerecke. Der Diener, der das auf dem Monitor sah, atmete auf, klatschte in seine Hände, weil er sich freute, dass sich die weiße Frau nicht auf das narkotisierende Getränk einließ, denn sie war ja bestens von Kiryl vorbereitet worden.
Es erklangen wunderbare Liebesmelodien über einen Lautsprecher und Inaram nahm auf einer Recamiere Platz und wartete. Sie war trainiert und guten Mutes. Die Türe ging mit einem Schlag auf und Marani trat ein. Es herrschte Totenstille und eine eisige Aura ging von ihr aus. Um ihren Mund zuckte es mehrmals und sie formte die Lippen zu zwei schmalen Linien. „Nun, meine Liebe, was kann ich für dich tun?“, damit begann Marani ihre Anfrage und wusste noch nicht recht, wie lange sie dieses Geschöpf noch am Leben lassen sollte. Marani war von der Liebesmusik völlig genervt. Sie klingelte nach Kiryl und sprach: “Schalte bitte sofort diese musikalische Gefühlshudelei ab oder es geschieht etwas!“ Irgendetwas erschien Marani in diesem Augenblick sonderbar. Sie konnte die weißgewandete Sanfte nicht einordnen aber sie erschien ihr dämlich und lästig. Marani kam einen Schritt näher aber Inaram blieb stehen und wich nicht zurück. Das irritierte Marani. Sie war es gewohnt, dass ihr jeder Respekt zollte. Marani streckte ihr die Hand entgegen und wollte die weiße Frau begrüßen. In diesem Moment geschah etwas völlig Unerwartetes. Inaram zog aus ihrer Rocktasche einen silbernen kleinen Stab mit einem roten Herz, das daran befestigt war. Es schien ein Rubin zu sein. Sie erhob den Stab mit dem roten Herz und ein Laserstrahl kam heraus und brannte Marani ein Herz auf ihrer linke Brust ein, genau an der Stelle, an der sonst das menschliche Herz sitzt. Ihr schönes Gewand wies ebenfalls ein herzförmiges Loch auf.
Marani schrie auf vor Schmerz, zog ihre Hand zurück, bemerkte auch in der rechten Handfläche ein eingebranntes Herz, das schmerzte, blutete, aber Inaram schien gefasst, schwang den laserbetriebenen Stab erneut durch die Luft und sprach:

Tod dem ewigen Gram
der deine Seele frisst
du bist ein Mensch gewesen
unter Menschen
aus Fleisch und Blut
Schluss mit Grauen und Gewalt
ich tauche deine Gestalt
in reine Liebe
und lass dich dann erstarren
für den Frieden
der ewig währt
und Ruhe dir gewährt
in Kopf, Herz und Hand
im Marmorgewand

Inaram hatte es kaum ausgesprochen, da waren Geräusche zu vernehmen, die lauter und lauter wurden. Es tönte, als ob ein Berg zum Stürzen kam.
Marani war in der Zwischenzeit verstummt und erstarrt. Aus der Hexe war eine schwarze Marmorfigur geworden, deren Pupillen herzförmig geformt waren und um deren offen stehenden Mund ein eingefrorenes Lächeln lag.
Alle Bediensteten des Schlosses waren leise hereingestürzt und wohnten der Verwandlung von einer Hexe zu einer Skulptur mit großen Augen bei. Aus dem Turmzimmer drangen jetzt auch sonderbare Laute. Alle stürzten in die Richtung aus der die Geräusche kamen.
Es war unglaublich was zu sehen war. Aus Rapto, dem Affen wurde ein schöner junger Prinz, die beiden Dobermänner transformierten sich in die früheren Postboten, aus der Echse schlüpfte Dr. Algrados, aus der Kröte wurde der begabte junge Maler, der einst das Bild von Marani gemalt hatte und aus all den anderen Tieren wurden Menschen, die irgendwann einmal spurlos verschwunden waren. Es war eine wundersame Gesellschaft.
Kiryl blickte zu Inaram und zwinkerte ihr zu. Inaram wiederum gab Aidos ein Zeichen. Aidos nahm den Hammer und zerstörte das Lebenswerk der schwarzen Hexe mit einem einzigen lauten Hammerschlag. Aus dem gläsernen Menschen war in einer Sekunde ein schillernder Scherbenhaufen geworden, den Selena sofort unaufgefordert aufkehrte und mit einem Klirren im Müllschlucker verschwinden ließ.
Die Schreckensherrschaft ging zu Ende, alle atmeten auf, umarmten sich, fassten sich bei den Händen und feierten miteinander. Hierzu wurde der Champagner vom schwarzen Magier aus Schloss Rachenheim getrunken. Die schwarze Dornenhecke hatte ihre Farbe gewechselt, erblühte mit roten Rosen und leuchtete im Coelinblau des Himmels.
Aidos stellte die schwarze Skulptur unter die alte Trauerweide, der im Frühlingswind ihr lindes Gewand schwang und ab und zu die Marmorskulptur berührte als wolle sie die Figur zärtlich streicheln. Die Buchsbaumallee führte direkt zur Weide und die Besucher bewunderten beim Spazierengehen von nun an die schwarze Skulptur mit ihren wundersamen Gesichtszügen. Am Sockel war eine mit Grünspan überzogene Messingtafel angebracht, die die Inschrift trug: „Die Gedanken sind frei …“.