Die letzte Kandidatin

Exklusiv in der Online-AusgabeAutor: Chankov, Boris

Donnerstag

„Hallo?“ Dr. Ketterer nahm den Anruf entgegen. “Doktor Ketterer?“ „Ja!“„Gut, dass ich sie so schnell erreichen konnte. Es geht um die Wohnung.“ „Wie?“ „Die Wohnung ist vermietet! Heute Morgen hat eine Frau Lutzenberger den Mietvertrag unterschrieben.
Sie will heute noch einziehen.“ Der Immobilienmakler hatte Mühe ruhig zu bleiben. „Hatte sie irgendwelche Fragen gestellt?“ „Diesbezüglich? Nein. Ich erklärte ihr, dass nur der erste Stock vermietet würde und dass das Erdgeschoss sowie das 2. Obergeschoss leer blieben.“ „Was ist mit dem Keller?“ fragte Ketterer. „Wie immer Herr Doktor, ich habe ihr erzählt, er sei renovierungsbedürftig.“

Sandra Lutzenberger hatte gerade ihr zweites Staatsexamen gemacht und würde nächste Woche hier in Ettlingen an der Berufschule beginnen, die Fächer Deutsch und Ethik zu unterrichten. Schon immer wollte sie in einer gemütlichen Altstadt leben und nachdem sie endlich Studienrätin war, konnte sie sich das auch gönnen. Seit Kurzem war sie wieder Single und absolut unabhängig. Für sie war es ein absolutes Schnäppchen, die Wohnung in der Ettlinger Altstadt für unter 400 Euro Kaltmiete zu bekommen.
Dass sie alleine im Haus wohnen sollte, störte sie überhaupt nicht. Da konnte sie Abends doch nach Lust und Laune auf ihrem so oft vernachlässigten Cello spielen. Für die nächsten Tage würde sie auf einer Matratze schlafen, um dann nach und nach die Wohnung einzurichten. Was hatte der leicht nervöse Immobilienmakler heute Morgen gesagt? Erbaut 1607.
Es war ein heißer Spätsommertag gewesen aber jetzt als Sandra auf ihrer Matratze lag, begann sie etwas zu frieren. Von draußen schimmerte das gelbe Licht der Straßenlaternen von der Jesuitengasse herein. Sie zog ihre Decke hoch und versuchte zu schlafen.

Freitag, 6. September

Gegen 8.30 Uhr am nächsten Morgen erwachte Sandra. Sie wusch sich und machte sich auf, irgendwo in der Altstadt einen Kaffee trinken.
Sie stieg vorsichtig die steile Treppe hinunter ins Erdgeschoss. Momentan nicht vermietet, dachte sie sich und öffnete die Haustüre. Und hier geht’s zum renovierungbedürftigen Keller. Ihre Augen streiften entlang der Hausfassade. AD1607 stand auf dem rundlichen Torbogen der die Haustüre beherbergte.
Sie schlenderte durch die romantischen Gassen der Altstadt, überquerte die Albbrücke beim Rathaus und setzte sie sich in ein Café um zu frühstücken. Der Kaffee schmeckte ausgezeichnet und machte sie nun so richtig wach. Nächste Woche würde die Schule beginnen und für heute Abend um 18 Uhr war eine Lehrerkonferenz angesetzt worden, bei der sie unter anderem dem Kollegium vorgestellt werden sollte.
„Ich möchte gerne bezahlen“ „Moment bitte, ich komme gleich!“ rief der Kellner der gerade zwei Teenagerinnen heiße Schokolade an den Tisch brachte. „Autsch!“ rief eines der Mädchen und versuchte den Schmerz ihrer verbrannte Hand mit dem Mund zu mildern. Der Kellner schaute erschrocken „Das tut mir sehr leid. Am Besten wir kühlen es mit kaltem Wasser. Ich weiß auch nicht wie das passieren konnte. Komm mit zum Spülbecken.“ Das Mädchen hatte die Hand noch immer am Mund und folgte dem Kellner.
Sandra legte zwei Euro auf den Tisch und verließ das Café.
Werksverkauf las sie am Eingang eines Kleiderladens. Sie konnte nicht widerstehen und ging hinein. Bummelnd verbrachte sie den weiteren Vormittag und als sie Schlag 12 Uhr hungrig wurde, ließ sie sich vom Zufall in ein Restaurant führen. Sie aß das Tagesmenü in der Prinzenstube.

Nach dem Mittagessen wurde Sandra plötzlich müde und sie ging in ihre Wohnung in der Jesuitengasse, um sich ein wenig auf die Matratze zu legen. Beinahe hätte sie ihre Konferenz verschlafen, wurde jedoch von der laut tönenden Sirene eines Polizeiautos rechtzeitig geweckt.

Die Berufsschule konnte sie locker in 10 Minuten zu Fuß erreichen.
Eine Gruppe von sechs Männern stand am Haupteingang und rauchte.
„Guten Abend, mein Name ist Sandra Lutzenberger.“ „Ah, die neue Kollegin. Wir sind Konferenzraum 2. Der Chef ist schon da. Sie rauchen nicht, oder?“ Der Kollege hielt ihr die Schachtel mit Zigaretten entgegen. „Nein, Danke! Ich rauche nicht. Sehr kalt hier. Werde mal rein gehen.“

„Guten Abend Frau Lutzenberger, schön sie hier zu haben. Wir fangen gleich an, wenn die Raucher fertig sind.“ „Haben sie ihr Traumhaus gefunden, von dem sie mir beim Vorstellungsgespräch erzählt hatten?“ „Es ist nur eine kleine gemütliche Wohnung geworden aber immerhin in der Altstadt, frisch renoviert. Drei Zimmer.“ „Da kommen ja die Raucher. Mehr werden es heute Abend wohl nicht mehr werden. Der Termin vor Schulbeginn ist doch etwas ungünstig. Einige Kollegen sind noch im Urlaub.“ Die Raucher nahmen um den großen Tisch Platz und Oberstudiendirektor Seyfang fuhr fort: „Ja gut, also wir haben einiges vor heute Abend. Ich darf ihnen zunächst Frau Sandra Lutzenberger vorstellen. Sie wird ab nächste Woche Deutsch und Ethik unterrichten. Am Besten, sie stellen sich selbst vor.“

Nach der Sitzung machte sich die gesamte Gruppe auf, im Ettlinger Brauhaus noch ein oder zwei Bier zu trinken. Sandra trank nur ein kleines, was ihr aber viel zu bitter war und verabschiedete sich dann in Richtung Jesuitengasse.
Kurz vor Mitternacht lag sie auf ihrem provisorischen Bett. Morgen am Samstag, wollte sie mit der Straßenbahn nach Karlsruhe und die Stadt erkunden. Sie war sehr müde und schlief sofort ein.

Samstag

Sie erwachte gegen 9 Uhr und ärgerte sich, dass sie noch nicht einmal eine normale Kaffeemaschine in Ihrer neuen Wohnung hatte. Sandra öffnete ein Fenster ihres zukünftigen Wohnzimmers, um frische Luft zu atmen. Sie blickte hinunter auf die gepflasterte Gasse und konnte gegenüber im Fenster des Notariates ihr Spiegelbild sehen.
Vielleicht würde ihr eine Dusche die erwünschte Frische bringen? Schaden konnte es jedenfalls nicht. Nach dem Duschen hatte sie plötzlich Kopfschmerzen und sie musste hinaus an die frische Luft. Sie lief zum Stadtbahnhof und wartete auf die nächste Straßenbahn nach Karlsruhe, die auch gleich kam.
Sandra stieg am Marktplatz aus und lief zielstrebig zum Schloss. Dort besichtigte sie die Sonderausstellung Monumente aus Anatolien, die sie jedoch absolut langweilig fand. Sie ärgerte sich darüber, überhaupt Geld dafür ausgegeben zu haben. Sie dachte Töpfe und Pfannen aus Anantolien hätte besser zum Titel der Ausstellung gepasst und schrieb dies auch ins Gästebuch, welches am Ausgang des Museums auslag. Als sie das Museum verließ, regnete es stark und sie beschloss die nächste Straßenbahn zurück nach Ettlingen zu nehmen.
Voller Tatendrang war sie in die Woche gestartet, doch jetzt fühlte sie sich sehr unbehaglich, wenn sie an den Schulstart nächsten Montag denken musste. Außerdem hatte sie seit heute Morgen Kopfschmerzen. Sie wollte so schnell wie möglich in ihre Wohnung, um ein wenig zu schlafen.

Sonntag

Sandra erwachte gegen 9.30Uhr. Sie hatte seit gestern Nachmittag ohne Unterbrechung geschlafen. Sie war absolut hungrig und musste irgendwo frühstücken. Kaum war sie aufgestanden, kam der Kopfschmerz zurück.Guten Morgen Sandra, hast Du mich vergessen?
Sandra verbrachte den Sonntagmorgen in einem Café und ging dann zurück in ihre Wohnung, um noch den Lehrstoff für morgen vorzubereiten. Das Telefon hatte schon eine ganze Weile geklingelt,
als Sandra über ihren Unterlagen erwachte und den Anruf entgegen nahm.
„Guten Abend Frau Lutzenberger. Entschuldigen Sie die späte Störung. Wir haben eine kurzfristige Stundenplanänderung. Dr. Ketterer, unserer Honorarlehrer, liegt mit einer Alkoholvergiftung auf der Intensivstation. Scheint rückfällig geworden zu sein. Können Sie seine Vertretung übernehmen? Morgen Nachmittag, Ethik im Berufsvorbereitungsjahr. Ich weiß, sie machen das mit links.“ „Ja, super, kein Problem“ sagte Sandra müde und dachte: Seyfang, Du bist ein blöder Arsch.
Sie fühlte sich schrecklich. Ihr Kopf pochte vor Schmerz und ihr rechtes Augenlid hatte begonnen ein Eigenleben zu führen und flackerte mal stark und mal schwach.
Wenn es morgen nicht vorbei ist, muss ich zum Arzt gehen, stellte Sandra fest. Wenn sie nur an den ersten Schultag morgen dachte, wurde ihr schwindlig. Sie war müde und hellwach zu gleich. Dann fiel sie wieder in ihren Schlaf.

Schulbeginn

Der Wecker ihres Handy bemühte sich beinahe vergeblich, sie um 7.00 Uhr zu wecken. Das Klingeln näherte sich aus der Ferne und als es lauter wurde, ging es in das schmerzvolle Pochen in ihrem Kopf über, dass sie schon zwei Tage quälte. Mich wirst Du so schnell nicht mehr los.
Sie ging ins Bad und verrichtete die allernotwendigsten Dinge. Ihre Haare konnte sie nicht waschen und statt die Zähne zu putzen nahm sie einen Kaugummi.
Scheiß Job, dachte sie, als sie in Richtung Berufsschule lief.
Am Haupteingang standen verschieden Gruppen um die Aschenbecher. Niemand schien sie zu bemerken. Es klingelte zur ersten Stunde und die Schüler setzten sich langsam in Bewegung, um in ihre Klassenzimmer zu kommen. Sandra hatte die Orientierung verloren. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, in welchem Raum sie ihre erste Deutschstunde abzuhalten hatte. Irgendwie fand sie aber doch das richtige Zimmer. Als sie eintrat, liefen die Letzten auf ihre Plätze.
Sie schrieb ohne ein Wort zu sagen ihren Namen an die Tafel, dann sagte sie „Leute, wenn ihr nicht spurt, fliegt ihr raus, das garantiere ich euch.“ Verdammte Scheiße, ärgerte sie sich. Eigentlich hatte sie sich eine andere Begrüßung vorgenommen gehabt. Ihr rechtes Augenlid flackerte, doch irgendwie schien es niemand zu bemerken – fast niemand.

Sandra hatte ihren ersten Schultag beendet. Vier Stunden Deutsch in der ein- und zweijährigen Berufsfachschule und am Nachmittag ein Stunde Ethik im Berufsvorbereitungsjahr. BVJ.
Gegen 15 Uhr fühlte sie sich eigentlich ganz wohl und da sich ein Hungergefühl einstellte, beschloss sie, ins Ettlinger Brauhaus zu gehen, um dort eine Kleinigkeit zu essen.
„Sie wissen, dass in diesem Menü ein Bier enthalten ist?“ fragte die Bedienung freundlich.
„Ich bin doch nicht blind, nur hungrig!“ Das Bier kam prompt und sie begann daran zu nippen. Dann trank sie schneller und als das Essen kam, hatte sie ihren ersten halben Liter getrunken. „Noch eins!“ Ihre Kopfschmerzen waren total verschwunden und auch ihr Augenlid schien wieder unter Kontrolle zu sein. Allerdings war ihr das Fleisch zu fettig und die Kartoffeln zu kalt. Das Bier schmeckte ihr viel zu bitter, doch sie bestellte noch ein Drittes. Sie beklagte sich über das schlechte Essen und bezahlte ohne Trinkgeld zu geben. Als sie aufstand, hätte sie beinahe das Gleichgewicht verloren, doch irgendwie schaffte sie es aus dem Brauhaus zu kommen und sie machte sich auf in Richtung ihrer Wohnung. Absolut betrunken, aber irgendwie glücklich, so ganz ohne diese blöden Kopfschmerzen und ohne an die verdammte Schule zu denken schlief sie auf ihrer Matratze ein.

Dienstag

Den Wecker ihres Handys hatte sie nicht gehört und sie wachte gegen 9.30 Uhr auf. Verfluchte Scheiße dachte sie, dann kam der Kopfschmerz. Dieses Mal noch schlimmer als bisher. Ihr war übel und sie musste sich übergeben. Sie zwang sich unter die Dusche. Dann nahm zwei Kaugummis, statt die Zähne zu putzen.
Als sie unten auf der Jesuitengasse stand, musste sie kurz überlegen, was sie eigentlich vorhatte.
Sie sagte sich: Ich bin Lehrerin und ich muss zur Schule. Dort kam sie während der großen Pause an. „Hat mir mal jemand ne Zigarette?“ Ein Schüler reichte ihr eine Zigarette und streckte ihr dann das brennende Feuerzeug hin. Sandra nahm einen tiefen Zug und begann zu husten.
„Sie sind doch die neue Deutschlehrerin, oder?“ „Was geht dich das an du Pisser.“ Sandra warf die Zigarette auf den Boden und trat sie aus.

Mittwoch

Sandra hatte wunderbar geschlafen und als ihr Handy um Punkt 7 Uhr klingelte stand sie bereits unter der Dusche. Als sie Ihre Morgentoilette beendet hatte und angezogen war, stieg sie die steile Treppe in das 2. Obergeschoss hoch, öffnete mit dem sich im Schlüsselloch befindliche Schlüssel die Wohnungstür und lief zielstrebig in die Küche. Dort öffnete sie den Kühlschrank und fand wie erwartet zwei Pistolen. Sie steckte sie in ihre lederne Schultasche und begab sich hinunter auf die Jesuitengasse. Sie hatte gute Laune.
Im Gegensatz zu gestern wusste sie heute wieder auf Anhieb wo sie hinwollte und ihr Kopfschmerz war absolut verschwunden. Du bist Lehrerin und Du musst zur Schule!
Sie lief entlang der Alb und überquerte die Albbrücke. Ihr war es, als würde ihr die Nepomukstatue zurufen Jawohl, Sandra, zeig es Ihnen. Ein Café warb mit der Aufschrift „Frühstück ab 1.99 Euro“ und Sandra beschloss, das günstige Angebot anzunehmen.
Der Kaffee und die Butterbrezel schmeckten wunderbar. Sie verließ das Café in einem unbeachteten Moment ohne zu bezahlen. Heute bezahlen die Anderen dachte sie und lief weiter in Richtung Berufschule. Als sie dort ankam, standen wie immer mehrere Gruppen von Rauchern um die Aschenbecher. Das ist der Pisser von gestern. Sandra freute sich, dass er ohne Zweifel von der schwarzen Aura umgeben war, die ihn zu einem Kandidaten machte. Während sie sich im näherte, griff sie in ihrer Tasche nach einer der zwei Pistolen. Als sie ihm direkt gegenüberstand zog sie die Pistole aus ihrer Tasche und sagte: „Das war´s du Pisser!“ und schoss ihm in den Kopf. Als die Schüler begriffen, was passiert war, flüchteten sie in alle Richtungen. Da keiner von ihnen in eine schwarze Aura gehüllt war, hatte Sandra keine Interesse an ihnen. Sie betrat den Haupteingang und schaute nach weiteren Kandidaten. Sandra sah eine nahezu undurchdringlich schwarze Wolke die Treppe herunter kommen. Erst kurz bevor sie zweimal schoss, bemerkte sie, dass es Rektor Seyfang war. Dieser stürzte blutüberströmt die letzten Stufen der Treppe hinab und blieb regungslos vor ihr liegen. Eine Gruppe von Schülern denen der Weg zum Haupteingang abgeschnitten schien, flüchtete sich in ein Klassenzimmer. Sandra war es, als hätte sie einen Kandidaten unter ihnen gesehen und verfolgte sie in das Zimmer.
Die Schüler hatten in ihrer Panik nur ein Fenster öffnen können und versuchten jetzt durch dieses ins Freie zu gelangen. Zwei Mädchen hatten sich unter einem Tisch in der letzten Reihe versteckt. Eines der Mädchen leuchtete ihr schwarz entgegen. Während die anderen Schüler verzweifelt versuchten durch Tür oder Fenster in Sicherheit zu gelangen, schritt Sandra auf die beiden Mädchen zu. Mit einem Kopfschuss streckte sie die Kandidatin nieder. Das zweite Mädchen war keine Kandidatin. Ihre Aura schimmerte im nervösen violett. Egal dachte Sandra und schoss auch ihr in den Kopf. In der Zwischenzeit konnten sich alle anderen Schüler in Sicherheit bringen. Nur ein Schüler lag neben seinem umgestürzten Rollstuhl und starrte Sandra mit weit aufgerissenen Augen an. „Bitte nicht!“ stammelte er ihr entgegen. Sie richtete die Pistole auf ihn und bemerkte dabei, wie ein schwarzer Nebel den Bewegungen ihres rechten Armes folgte.
Es gab keinen Zweifel. Auch sie war jetzt ausgewählt worden. Sie öffnete ihren Mund setzte ihre Pistole zwischen ihre Zähne und drückte ab.

Pater Georgi hatte den Nachmittag damit verbracht, eine deutsche Reisegruppe, durch das Kloster zu führen. Keinem der Besucher waren die Schwingungen aufgefallen, die nur ganz sensible Menschen im Vorraum der Kirche St. Cosmas und Damian wahrnehmen konnten. Jetzt, da die Touristen in ihren spartanischen Klosterzellen schliefen, wollte er sich in das Zentrum dieser Schwingungen legen, um im abendlichen Gebet Gott zu danken.
Gerade hatte er die Kirchenpforte verschlossen, da klingelte sein Handy: “Ja bitte?“ „Pater Georgi, endlich. Versuche sie schon den ganzen Nachmittag zu erreichen. Alle Leitungen waren tot. Es geht um Ketterer. Er hat die Wohnung an ein Mädchen vermietet. Die Arme wohnte schon seit fünf Nächten darin. Niemand wusste Bescheid. Jetzt liegt sie im Krankenhaus. Das Mädchen braucht ihre Hilfe. Bitte kommen sie so schnell wie möglich! Wir übernehmen alle Kosten. Es gibt einen Flug von Varna nach Frankfurt morgen früh um 4.30 Uhr. Es war nicht einfach um diese Jahreszeit noch einen Flug zu bekommen. Die meisten Flieger sind voll mit Urlaubern, die an der Schwarzmeerküste Urlaub machten.“ „Ich hatte eigentlich andere Pläne, aber es hilft nichts, ich bin unterwegs.“ sagte Pater Georgi und beendete das Gespräch.

Donnerstag

Als Sandra erwachte, hatte sie leichte Kopfschmerzen. „Ich lebe ja noch.“ sprach sie leise und die Krankenschwester, die ihr gerade eine neue Infusion anbrachte, sagte freundlich: „Guten Morgen, Frau Lutzenberger. Warum sollten sie nicht mehr leben. Da gibt es viel schlimmere Dinge. So ein Nervenzusammenbruch ist ja schließlich kein Beinbruch. Wenn alles gut ist, können Sie in einer Woche wieder nach Hause.“
„Nervenzusammenbruch? Ich kann mich an nichts erinnern. Ich dachte ich hätte...“ „Ihre Tasche ist dort im Schrank. Was sie hier im Krankenhaus brauchen, bekommen sie alles von uns. Sie sollten heute unbedingt noch liegen bleiben. Versuchen sie noch ein wenig zu schlafen.“
Als Kommissar Hirschmann an die Tür des Krankenzimmers klopfte, war Sandra gerade beim Abendessen. „Guten Abend Frau Lutzenberger. Ich bin Kommissar Hirschmann von der Kriminalpolizei Karlsruhe und dies hier ist Pater Georgi aus Bulgarien. Wenn sie es uns erlauben, würden wir uns gerne mit ihnen unterhalten. Ich selbst ermittle wegen versuchten Mordes. Das alles lässt sich aber nur schwer in Worte fassen. Es geht um ihre Wohnung in Ettlingen und um ihren Gesundheitszustand. Vielleicht hören sich zunächst an, was ihnen Pater Georgi zu sagen hat.“

„Hmm, also, ich kann nur ungefähr erahnen wie sich fühlen. Es ist jetzt sicher nicht der richtige Moment für genaue Ausführungen. Aber es hilft alles nichts.“ Der Pater schaute fragend zu Kommissar Hirschmann. Dieser gab durch sein Nicken zu erkennen, dass er fortfahren konnte. „Es gibt Forschungen, die belegen, dass Beten den Gesundheitszustand eines Menschen positiv beeinflussen kann.“ fuhr der Pater in fast akzentfreiem Deutsch fort. „Vielleicht haben sie davon schon mal gehört? Etwas Ähnliches passiert im Haus in der Jesuitengasse. Nur wird hier nicht gebetet. Der Effekt ist jedenfalls genau umgekehrt. Weltweit sind acht solcher Fälle bekannt. Ich habe gestern einen Anruf aus der theologischen Fakultät der Universität Freiburg bekommen. Ich habe gute Beziehungen und nur deshalb weiß ich, dass ihnen die Wohnung vermietet wurde. Da bin ich so schnell ich konnte hierher geflogen.“
Sandra würgte den letzten Bissen ihres Abendessens herunter und wischte sich mit dem Nachthemd über den Mund. Dann versuchte sie einen Schluck Tee zu trinken. Dabei zitterte ihre rechte Hand so sehr, dass sie ihre linke zur Hilfe nehmen musste. Wenn es morgen nicht vorbei ist, musst Du zum Arzt gehen!
„Wieviel Nächte haben sie bereits in der Wohnung verbracht?“ fragte der Kommissar. „Ich habe keine Ahnung. Am Donnerstagmorgen habe ich den Mietvertrag unterschrieben und bin gleich provisorisch eingezogen. Seit der ersten Nacht hatte ich Kopfschmerzen, die immer schlimmer wurden.“
Kommissar Hirschmann fuhr fort: „Die Wohnung wurde in den letzten 20 Jahren dreimal vermietet - mit ihnen viermal. Die ersten Mieter waren eine vierköpfige Familie. Zwei Wochen, nach dem die Familie eingezogen war, erschlug der Mann seine Frau mit einer Rohrzange. Er selbst starb im Gefängnis. Über den Verbleib der Kinder ist nichts bekannt. Der zweite Mieter sprang Mitte der 90er Jahre vom Bismarkturm in den Tod und das Pärchen, das zuletzt hier wohnte, das war vor fast genau acht Jahren, wurde im zweiten Stock in der Küche tot aufgefunden. Todesursache unklar. Natürlich hatten sie dort nichts zu suchen, aber sie konnten der Neugier nicht widerstehen.“ Pater Georgi schaute sehr besorgt und sagte: „Alles beginnt mit Kopfschmerzen. Allerdings hat das Ganze noch viel früher begonnen. Wann, ist uns unbekannt. Laut Stadtarchiv stand das Haus über 200 Jahre leer. Erst Professor Albrechts lies es 1988 herrichten, als einer seiner wissenschaftlichen Assistenten zwei Wochen im ersten Stock zur Probe gewohnt hat. Der Arme ist heute noch in psychatrischer Behandlung. Dieser ‚Forschungsaufenthalt’ sollte Bestandteil seiner Doktorarbeit werden. Dr. Friedrich Ketterer und ich arbeiteten damals als wissenschaftliche Mitarbeiter am selben Institut. Nachdem Ketterer versucht hatte, vor die Straßenbahn zu springen, wandte ich mich an die Polizei und erzählte, was es mit den „Forschungen“ des Professors auf sich hatte.“ „Wir konnten aber nichts tun.“ fuhr der Kommissar fort. Es ist schließlich nicht verboten eine Wohnung zu vermieten und einen missglückten Selbstmordversuch auf dunkle Energien zurückzuführen, das war uns schon sehr an den Haaren herbeigeholt.“
„Ich selbst ging nach dem Zwischenfall zurück nach Bulgarien. Als der Professor starb, wurde auch nicht mehr geforscht, aber Ketterer vermietete trotzdem weiter.“
„So wie es aussieht, gehen die letzten drei Todesfälle auf sein Konto. Deshalb sprechen wir in Ihrem Fall auch von Mordversuch.“

Sandras rechtes Augenlid begann wieder zu flackern. Mit zitternder Hand fuhr sie sich durch ihr Haar. „Ich hatte angeblich einen Nervenzusammenbruch und dann kommen sie hier rein und erzählen mir irgendwelche unglaubliche Geschichten.
Das finde ich wirklich zum Kotzen. Ich finde alles zum Kotzen!“ Gut so, Sandra! Sandra begann zu weinen. Sie wusste, dass sie sich in den letzten Tagen irgendwie verändert hatte. Dann wurde sie plötzlich angenehm müde und sie schlief ein.
„Scheint, sie hat genug vom Tee getrunken. Ich dachte schon sie verschüttet das meiste.“ bemerkte der Kommissar.
Pater Georgi holte seine Utensilien aus dem Koffer. Er stellte eine Ikone der Heiligen seines Klosters an die Kopfseite des Bettes. Dann sprach er ein Gebet und besprengte die Schlafende mit dem heiligen Wasser aus Bulgarien, welches er in einer Colaflasche mitgebracht hatte. „Mehr kann ich nicht für das Mädchen tun.“ sprach Pater Georgi, „aber sie ist stark.“

Bevor die beiden Männer das Krankenzimmer verließen, öffnete Kommissar Hirschmann Sandras lederne Schultasche und nahm die zwei Pistolen heraus. „Bei mir sind sie besser aufgehoben.“ sagte er.