Viel vor

Autor: Keßler, Patricia
Auf den ersten Blick schien nichts Besonderes an ihm zu sein – abgesehen von der Tatsache, dass sein Anzug, der nach der neuesten Mode maßgeschneidert war, irgendwie nicht zu ihm passte.

Kasimir sah genauer hin: Der Mann, der in den sogenannten „besten Jahren“ stehen mochte, sah aus, als sei er dem Bild einer vergangenen Epoche entsprungen. Das schüttere graue Haar am Oberkopf, Zeichen eines längst überholten genetischen Programms; der dichte Schnauzbart – wer trug so etwas heute noch? –, die rundlichen Wangen, die kräftige Statur: Ein Lebemann zu Beginn des 2. Jahrtausends mochte so ausgesehen haben. Seine moderne Aufmachung wirkte an ihm wie eine Verkleidung.

Vor allem sein Gesicht aber war irritierend: Es lag viel mehr Ausdruck darin, als man es von einem Menschen des 28. Jahrhunderts gewohnt war.

Durch Telepathie im weltumspannenden Gedankenstromnetz vereint, hatte man es längst nicht mehr nötig, Emotionen auszudrücken, sei es optisch oder verbal.

Der Mann aber, den Kasimir so eingehend betrachtete, trug all diesen Errungenschaften seiner Zeit zum Trotz eine freundliche, joviale Miene zur Schau. Unter seinem Schnurrbart deutete sich ein verstecktes Schmunzeln an. Er wirkte auf den ersten Blick harmlos, eine gemütliche, beinahe behäbige Erscheinung; aber dahinter mochte sich eine ungeahnte Willensstärke verbergen. Man durfte ihn nicht unterschätzen ...


Na, Kasi, was sagst du jetzt? Ist er nicht drollig?“

„Ojemine – Vista!“

In seiner Verblüffung hatte Kasimir telepathisch geantwortet. Wenn er sich überrumpelt fühlte – und das kam bei Vista häufiger vor, als ihm lieb war – kamen ihm die Worte noch immer schwer über die ungeübten Lippen.

„Hey“, mischte sich die Angesprochene, eine dunkle, schlanke junge Frau, ungefragt in seine Gedanken, „wir wollten luftsprechen, schon vergessen? Zumal um diese telepathologisch überladene Uhrzeit, es braucht sich ja nicht jeder hier reinzudenken, am Ende vergisst du wieder, deinen Gedankenstromfilter zu aktivieren, und dann ...“

„Schon gut, schon gut!“, unterbrach Kasimir im Stillen ihren Wortschwall, wies noch einmal auf den vor ihnen stehenden künstlichen Menschen, holte tief Luft, öffnete den Mund und wiederholte übertrieben laut: „Ojemine!“

Vista antwortete prompt und ebenso laut. „Was denn, ojemine?“, rief sie streitlustig, „Was soll das denn heißen: Ojemine?“

Kasimir lächelte gequält. „Ich dachte, du wärst eine Verfechterin der These, humanoide Roboter seien eine Schöpfung anmaßender Ignoranten, die sich selbst als Mittelpunkt der Welt betrachten, gerade so, als ob dem Menschen im Weltraumganzen eine besondere Bedeutung zukäme ...“ Kasimir versuchte, Vistas schärfsten Diskussionston zu imitieren. Es gelang ihm nicht besonders gut, denn Vista, obgleich nur Hobby-Sprachlerin, war ihm im Luftsprechen deutlich überlegen.

Dieses Hobby hatte die beiden überhaupt erst zusammengebracht.

Vista, die beruflich in der historischen Datenforschung und -pflege tätig war, übte sich gern in jener uralten Kommunikationsform, bei der man etwas umständlich die Münder bewegte und dabei Laute produzierte; eine Kommunikationstechnik, die seit der allgemeinen Telepathisierung der Bevölkerung nur noch selten und von wenigen praktiziert wurde.

Kasimir hingegen luftsprach von Berufs wegen. Er war Sprach-
wissenschaftler an der Universität Karlsruhe und trotz seiner Jugend talentiert genug, um den renommierten Steinmüller-Hörstuhl zu besetzen, benannt nach jener Forscherin, die vor mehr als 700 Jahren durch ihre zukunftsweisenden Ideen die Telepathisierung ausgelöst hatte.

Bei ihrer Umsetzung hatte die Karlsruher Universität, damals neu gekürte Elite-Universität, eine maßgebliche Rolle gespielt. Ihre Forschungen auf den Gebieten der Nanotechnik und Nanobiologie, die sie in Zusammenarbeit mit dem 
Forschungszentrum Karlsruhe und dem Karlsruher Institute 
of Technology vorangetrieben hatte, führten, so lernte heu-
te jedes Kind in seiner ersten Telepathietheorie-Stunde, zur Entwicklung jenes nanoelektronischen Liquids, das den 
mutigen Telepathen der ersten Stunde damals noch unter die Schädeldecke gespritzt wurde.

Dort verwuchs es mit den Neuronen zu einer neuartigen Zellenform, die den Menschen erstmals erlaubte, mit der Gedankenwelt anderer Kontakt aufzunehmen.

Glücklicherweise war der menschliche Körper mit ein wenig nanobiologischer Hilfe innerhalb weniger Generationen selbst in der Lage gewesen, die nötigen Voraussetzungen zum Telepathieren zu bilden – zur Überraschung der ersten „gespritzten“ Telepathieforscher, die dieses Phänomen tatsächlich selbst noch miterleben durften.

„Aber Kasi!“, rief Vista jetzt empört. „Der Kerl hier ist weder eine aktuelle Menschen-Imitation noch der Versuch eines humanoiden Updates. Ganz im Gegenteil, er stammt im Prinzip aus einer längst vergangenen Epoche. Das sieht man doch!“ Sie hob eine Hand und gab dem Roboter eine liebevolle Kopfnuss aufs schüttere Haupt. „Sein Hirnspeicher ist eine Reproduktion historischer Datensätze und alter Kommunikationsformen. Du kannst sogar mit ihm luftsprechen üben!“

Kasimir lachte. „Uralte Daten, ein Übungsobjekt – soll das etwa im Ernst dein Beitrag zum diesjährigen Brainpool sein?“
„Hach, der Brainpool“, schnappte Vista spöttisch. „Kannst du an nichts anderes mehr denken? Euch zu dienen, meine Damen und Herren Elitetelepathen“, sie deutete eine übertrieben unterwürfige Verbeugung an, „was euch nicht interessiert, ist null und nichtig!“

„Querdenkerin!“, schoss es ihm durch den Kopf, und „Stromlinienfisch!“ telepathierte sie dazwischen.

Tatsächlich war der Brainpool eine Institution, dessen Nutzen von niemandem ernsthaft in Frage gestellt werden konnte. Seit einem halben Jahrtausend – genau genommen, seit die Telepathie sich so flächendeckend durchgesetzt hatte, dass der ständig überladene geistige Kommunikationsstrom eine Erfassung der gesellschaftlich relevantesten Informationen fast unmöglich machte – trafen sich alle drei Jahre die 50 bedeutendsten Köpfe der Welt für eine Woche in Karlsruhe.

Dort, in der Geburtsstadt der Telepathie, zogen sie sich in den historischen, mit Think Smog Safety® ausgestatteten Gartensaal des Karlsruher Schlosses zurück, um unter Ausschluss öffentlicher Gedankenströme im elitären Kreis die wichtigsten Fragen der Zeit zu bedenken.

Die bedeutendsten Errungenschaften der menschlichen Welt waren ohne diese Treffen undenkbar – von der Lösung der uralten Emanzipationsfrage bis zur jüngsten Telepoesiedebatte, von der Theorie der Wurmloch-Ortung und -Navigation bis hin zum Nachweis intelligenten Weltraumlebens.

Nein, an der Bedeutung des Brainpools war nicht zu rütteln. Allerdings gab es einige Kritiker, die ganz gerne am Auswahlverfahren der am Brainpool beteiligten Experten gerüttelt hätten, und Vista gehörte dazu.

Daher teilte sie nicht die Euphorie der meisten Karlsruher Wissenschaftler, die im Umfeld jedes Brainpools ihre neuesten Entwicklungen im Foyer des Schlosses präsentierten – in der Hoffnung, vielleicht einen entscheidenden Denkanstoß zu liefern.

Dennoch war der jungen Datenhistorikerin ein Ausstellungsplatz sicher, schließlich war das historische Schloss ein Teil ihres Arbeitsplatzes.

„Dieses Übungsobjekt“, wandte sich Vista nun an Kasimir und wies auf ihren Roboter, „habe ich eigentlich für einen anderen Anlass gebaut. Ich sag nur: 2715!“

„Das 1000jährige Stadtjubiläum?“ Kasimir schüttelte den Kopf. „Was hat das nun mit dem Koloss hier zu tun?“

„Ganz einfach, Kasi. Natürlich wird man im Rahmen dieses großen Jubiläums die bedeutendsten historischen Augenblicke unserer schönen Stadt Revue passieren lassen. Nun, Karlsruhe war in grauer Vorzeit einmal Residenz der Markgrafen, später verlor es einen großen Teil seiner Bedeutung und kam den meisten Weltbürgern kaum je in den Sinn. Beamtenstadt, Bundesverfassungsgericht ... Viel mehr wusste man nicht von uns. Bis zum Jahr 2008.“

Vista machte eine schöpferische Pause.

„Die Erfindung der praktischen Telepathie!“, ergänzte Kasimir. Vista nickte. Aber ich denke noch an etwas anderes. Und das, was ich meine, hat sogar mit dem diesjährigen Brainpool zu tun. Ich sag nur: WLB!“

„Der Wurmloch-Boulevard?“ Kasimir sog hörbar die Luft ein.

Tatsächlich war dies das populärste Brainpool-Thema seit Jahrhunderten.

Obwohl seit langem bewiesen war, dass unzählige andere intelligente Spezies die unfassbaren Weiten des Weltraums bevölkerten, war es bislang nicht gelungen, persönlichen Kontakt auch nur zu einer dieser Lebensformen aufzunehmen. Sicher, man hatte Signale empfangen. Aber das Senden machte nach wie vor Probleme.

Die Menschen hatten immerhin theoretisch einen Weg gefunden, Informationen durch das All auszutauschen. Und 
der Beginn dieser vielversprechenden Bemühungen lag im Jahre ...

„2008!“, rief Vista wieder triumphierend. „Das Wissenschaftsjahr der Mathematik. Und“, sie hob eine Hand und führte in einer theatralischen Geste Daumen und Zeigefinger
zusammen, „das Jahr unserer ersten großen Wurmloch-
Erzeugung!“

„Na ja“, sagte Kasimir, „es führte ins Nirvana.“

„Wer weiß“, sagte Vista, „wir konnten es bloß nicht kontrollieren.“

„Wir können es nicht mal heute, 700 Jahre später“, warf Kasimir ein, „wir wissen aber, dass Wurmloch-Reisen theoretisch möglich sind und dass wir hierfür besser die vorhandenen nutzen sollten. Andere Spezies tun es längst – auch das wissen wir. Unsere Beobachtungen und Berechnungen lassen auf eine gut genutzte Weltraumverkehrsanbindung schließen, eine Art intergalaktische Ringstraße aus bestehenden Wurmlöchern: der besagte ,Wurmloch-Boulevard‘, den aufzuspüren unsere 50 Superhirne sich im diesjährigen Brainpool zum Ziel gesetzt haben. Sie halten es für ein Kommu-
nikationsproblem.“

„Mag ja sein“, meinte Vista, „aber ich bleibe dabei: Wir haben vor langer Zeit schon mal ein ausreichend großes erzeugt. Und: Es wurde eine Menge alter Daten hindurchgeschickt. Ich möchte wissen, wo die gelandet sind. Bestimmt hat sie jemand empfangen! Ein einmal erzeugtes Wurmloch existiert, wenn wir es auch nicht orten können. Vielleicht können es andere nutzen!“ Kasimir zuckte die Schultern. „Aber was hat das alles mit deinem Robot da zu tun?“

Vista lächelte geheimnisvoll. „Er verfügt exakt über die Daten, die damals verschickt wurden. Ich habe genau recherchiert und alles rekonstruiert. Er spricht, wie man damals sprach. Er weiß, was man gemeinhin wusste. Er denkt, wie man dachte – telepathieren kann er nicht. Er sieht sogar genau wie die Menschen damals aus!“

„Soso.“ Kasimir beäugte den Roboter misstrauisch. „Wer soll denn so ausgesehen haben?“

„Dieser stattliche Kerl“, sagte Vista nicht ohne Stolz und strich dem Strammstehenden zärtlich über den Schnurrbart, „ist eine lebensechte Reproduktion des Mannes, dessen Name im implantierten historischen Datensatz überdurchschnittlich oft in den unterschiedlichsten Kombinationen mit meinen Eckdaten auftaucht. Nebenbei bemerkt: ein ehemaliger Oberbürgermeister unserer Stadt.“

„Soso“, sagte Kasimir noch einmal und berührte flüchtig den Bauch des Roboters. Der kam plötzlich in Bewegung, streckte die Hand zum Gruß aus und öffnete den Mund zu einem breiten Grinsen. „Hallo, des freut mich abba!“, sagte er leutselig.

Kasimir zuckte zurück.

„Wie spricht der denn?“, stammelte er.

„Na, badisch!“, freute sich Vista, „wie denn sonst?“

Kasimir musste wider Willen kichern. „Ich verstehe aber noch immer nicht, was das bringen soll!“, meinte er dann. „Das Stadtjubiläum ist erst in zwei Jahren. Was hast du jetzt mit ihm vor?“

„Viel vor. Viel dahinter!“, bemerkte der künstliche Oberbürgermeister rätselhaft.

Vista applaudierte vergnügt, dann schaltete sie den Roboter aus.

„Kasi, du weißt“, sagte sie und wurde wieder ernst, „dass es Anzeichen für eine baldige außerirdische Kontaktaufnahme gibt. Daher die Brisanz des Themas im Brainpool. Der nette Kerl hier“, sie deutete auf ihre Schöpfung, „ist im Prinzip nur eine Spielerei. Aber man weiß nie. In meinem Datenmaterial steht sein historisches Vorbild in Verbindung mit wichtigen Schlagworten und Jahreszahlen. Immerhin hat er im bedeutenden Schicksalsjahr 2008 in einer Rede sogar den Brainpool vorhergesagt: ,Wir werden die besten Köpfe auch aus dem Ausland nach Karlsruhe bringen‘ – und hat er nicht Recht behalten? “

„Sowas haben damals viele gesagt“, meinte Kasimir und fügte missmutig hinzu: „Das ist doch noch nicht alles, oder?“ Er kannte Vista gut genug, um zu wissen: Sie hatte noch ein Ass im Ärmel.

„Naja “, sagte Vista, „da ist noch etwas. Vielleicht ist es Unsinn, aber ...“, sie zögerte, dann wurde ihre Stimme wieder fest. „Ich habe die alten Datensätze auch nach Begriffen durchsucht, die aktuell von Bedeutung sind. Stichwort unendliche Informationsverschränkung, du weißt schon ... Da ergeben sich manchmal die seltsamsten Zusammenhänge ...“
„Vista! Du glaubst doch nicht etwa an diesen mythologischen Quatsch, Living Bytes, Zeitebenenverschiebung und so ...“

Vista unterbrach Kasimir ungeduldig. „Ich sage dir, woran ich glaube: an eine intergalaktische Ringstraße, oder, wie das Volkshirn zu denken pflegt: den ,Wurmloch-Boulevard‘. Was auch immer du über den Haufen überholter Daten denken magst, die ich unserem Freund hier implantiert habe, Tatsache ist: Ich habe sie nach aktuellen Schlagworten durchsucht und ich bin fündig geworden. Nicht jede Information ließ sich in ihrem Kontext komplett rekonstruieren, aber eines weiß ich: Es gibt eine Verbindung zwischen den Begriffen ,Karlsruhe‘ und ,Wurmloch‘ sowie ,Boulevard‘ und“, Vista beugte sich vor und flüsterte, „einer Jahreszahl!“

„Und diese Jahreszahl ist...“

„Ganz recht, Kasi, du hast es erraten: 2713. Das Jahr, in dem wir heute leben.“

Vista stand auf und legte einen Arm um ihre Oberbürgermeister-Reproduktion. „Kasi, du weißt, was die Voraussetzung für echte Kommunikation ist: übereinstimmendes Datenmaterial. Dieser liebenswerte Kerl hier“, sie klopfte dem Roboter auf die Schulter, „verfügt damit über die besten Voraussetzungen, mit demjenigen zu kommunizieren, der die 2008 verschickten Daten empfangen haben könnte, woher auch immer er stammt.“

„Ein seit Jahrhunderten überholtes Verständigungsprinzip für erste Aliengespräche!“, spottete Kasimir, „Hast du vergessen, dass sie uns unendlich überlegen sein werden?“

„Aber gerade weil ihre Hirnstrukturen – sofern sie so etwas wie ein Hirn besitzen – von unseren völlig verschieden sein werden“, beharrte Vista, „werden sie eine gemeinsame Basis suchen und deshalb auf die einfachen Mittel zurückgreifen. Die sie vielleicht aus unseren historischen Daten kennen! Denk doch mal an unsere Vorfahren: Als auf der Erde noch unterschiedliche Sprachen existierten, pflegten Fremde sich mit Handzeichen zu verständigen!“

„Eine schöne Theorie, Vista, aber höchst unwahrscheinlich.“

„Da hast du ausnahmsweise leider Recht“, entgegnete Vista fröhlich, „aber weißt du was?“ Sie knuffte den Bürgermeisterroboter schwesterlich in die Seite. „Uns beiden Hübschen ist das wurscht! Solange es eine Möglichkeit gibt, dass ich Recht habe, will ich vorbereitet sein.“

Sie kamen in der Dämmerung per Teleportation.

Alle wussten, dass es prinzipiell möglich war, auch größere Lebewesen über weitere Entfernungen zu teleportieren, aber bislang hatte man es auf der Erde lediglich geschafft, Ein-
zeller erfolgreich von Karlsruhe nach Kalifornien zu ver-
schicken, ohne dass sie Schaden nahmen. Schon die Versuchsmäuse kamen nicht heil an, wie hätte man sich da an Menschen wagen können?

Nein, die Welt war noch nicht soweit – aber sie waren es.

Während der Brainpool sich noch im querdenkgeschützten Gartensaal kollektiv die Köpfe zerbrach, erscholl es plötzlich von draußen per Luftgesang in ohrenbetäubender Lautstärke: „Wir sind da, Karlsruhe, wir sind da!“

Vista, deren Ohren vom häufigen Luftsprechen geübter waren als die der meisten anderen, hörte den seltsamen Sprechgesang durch das Schlossfoyer dröhnen – „Karlsruhe, wir sind da!“, ein fröhlicher Schlachtruf, der aus einer längst vergangenen Epoche zu stammen schien – und erfasste die Situation sofort.

Während sich alle anderen noch erschrocken umsahen, telepathierte sie blitzschnell an Kasimir: „Es geht los!“, und schon sprintete sie zu ihrem Roboter, schaltete ihn ein, nahm ihn bei der Hand, und gemeinsam rannten sie aus dem Schloss in Richtung Pyramide, von wo der ständig wiederholte Ruf zu ihnen herüberdrang.

Auf dem Marktplatz bot sich den aus allen Richtungen zusammenlaufenden Menschen ein unfassbares Schauspiel.

Auf der Fassade der Karlsruher Pyramide, die sich vor dem dunkelblauen Abendhimmel geheimnisvoll schimmernd abzeichnete, erschien ein leuchtendes Pünktchen. Vista blinzelte: Tatsächlich, der Leuchtpunkt wurde immer größer. Langsam wuchs er zu einer Öffnung an, aus der gleißendes Licht drang. Noch einmal erscholl es laut über den Platz: „Karlsruhe, wir sind da!“, dann erstarb der Rufgesang.

Plötzlich schoss ein horizontaler Lichtstrahl nach rechts und links, der die Pyramide in zwei Hälften zu teilen schien. Und vor den staunenden Augen der Zuschauer bildeten sich unter-
halb der gleißenden Linie steinerne Treppenstufen, die mitten
durch die wachsende Menschenmenge hindurch führten. „Ein
Hologramm“, murmelte Kasimirs Stimme in Vistas Kopf, „so machen sie das also!“ Sie blickte zur Seite und sah ihn in der Menschenmenge stehen. In diesem Augenblick materialisierte sich inmitten des Lichtstrahls eine schemenhafte Gestalt.

Es war ein humanoider Körper, der sich dort vage abzeichnete. Beine, Arme, ein breiter, oben leicht spitz zulaufender Kopf – viel mehr konnte man nicht erkennen.

Ein Raunen ging durch alle Hirne, als der von schimmerndem Dunst umwaberte Umriss des Aliens die Treppe hinunterzusteigen begann. Seine Gestalt zog zu beiden Seiten schräge Schatten hinter sich her.

Da dachte Vista zum ersten Mal: „Diese Szenerie kommt mir irgendwie bekannt vor! Ich habe das alles schon einmal gesehen!“ Aber das war ausgeschlossen. Oder hatte sie etwa geträumt?

Das Wesen glitt langsam auf die gebannt wartenden Menschen zu...

„Ruhe bewahren!“, der Gedanke senkte sich urplötzlich in alle Köpfe, denn die Geschehnisse waren inzwischen bis in den Gartensaal vorgedrungen und hatten die 50 berühmtesten Denker ihrer Zeit aus dem Brainpool gelockt. Wer sollte in der Lage sein, mit den fremden Wesen Kontakt aufzunehmen, wenn nicht sie, die Elite der Menschenwelt?

Einen von ihnen hatten sie zum Vordenker erkoren, und schon folgten weitere telepathische Anweisungen an das gaffende Volk: „Schirmen Sie Ihre Gedanken ab, kommunizieren Sie nicht. Überladene Telepathienetze müssen unbedingt vermieden werden. Wir werden es übernehmen, unsere Freunde in angemessener Weise zu begrüßen!“

Was nun folgte, sollte das Vertrauen der Menschheit in die Institution Brainpool auf lange Zeit erschüttern.

Denn die Klügsten der Klugen bemühten sich mit ausgefeiltester Telepathietechnik – nichts geschah. Der Fremdling reagierte nicht auf sie. Seine Gestalt, von der noch immer nicht viel mehr als ein schemenhafter Umriss zu erkennen war, verharrte nun unbeweglich am Fuß der Treppe. Der Alien nahm die Brainpooler und ihre hochintelligenten Versuche offensichtlich gar nicht wahr. Er schien auf irgendetwas zu warten ...

Da hielt Vista es nicht mehr aus. Anweisung hin, Anweisung her ... Sie gab ihrem Replikanten einen kleinen Schubs. 
„Na los, versuch du’s!“, flüsterte sie ihm zu, und der künst-
liche Oberbürgermeister ging ein, zwei Schritte auf das 
Wesen zu, das noch immer von einem wabernden Lichthof umgeben war. Er breitete einladend die Arme aus.

„Meine sehr verehrten Mitbürgerinnen und Mitbürger, ich heiße Sie herzlich willkommen!“, sagte er jovial, und sein Schnurrbart kräuselte sich dabei vor Herzlichkeit.

Beim Klang dieser badisch gefärbten Sätze kam Bewegung in das fremde Wesen.

Dann geschahen mehrere Dinge gleichzeitig.

Den 50 bedeutendsten Köpfen gingen die klugen Gedanken aus. Vista hingegen hatte einen Gedankenblitz, denn ihr fiel ganz plötzlich ein, woher sie die Szenerie kannte.

„Es ist eine Imitation!“, flüsterte sie benommen, „Die Imitation eines Bildes, das ich kenne! Aus dem Datensatz von 2008 – diese Abbildung, die mich so neugierig gemacht hatte, weil ich sie nicht zuordnen konnte ... Mit dieser Bildüberschrift ...! ,Boulevard 2713‘! – Sie müssen es für eine Einladung gehalten haben!“

Im selben Augenblick begann der Umriss des Aliens zu flimmern und verschwamm, ein Pixelschwarm, der sich verformte und neu sortierte, sich hier verdichtete und dort zart färbte, und dann nahm das Wesen eine neue, fest umrissene Gestalt an. Vista riss die Augen auf: Dort stand ein zweiter Oberbürgermeisterreplikant und grüßte fröhlich zu ihrem Roboter hinüber, der ihm zum Verwechseln ähnlich sah.

Die beiden Doppelgänger gingen gemessenen Schrittes aufeinander zu. „Viel vor!“, sagte der Alien-Oberbürgermeister.

„Viel dahinter!“, antwortete der Robot-Oberbürgermeister. Und vor den erstarrten Augen der Karlsruher und der 50 klügsten Köpfe ihrer Zeit fielen sie einander lachend in die Arme.