Tagebuch von Robert Miller

Autor: Ochs, Andrea
Montag, 3. April 2713:

Drei Tage sitze ich nun schon hier in einem halbdunklen 
Raum, meinem Käfig. Die Wände sind weiß, der Boden 
auch, statt einer Decke gibt es ein Drahtgitter in zirka drei 
Metern Höhe, das ich nicht erreichen kann. Eine Wand fehlt. 
Statt dessen Drahtgitter, wohl, damit man mich beobachten
kann. Darin eine Klappe, verschlossen mit einem elektrischen 
Mechanismus.

Von hier aus sehe ich in einen riesigen Raum, mehr als 100 Meter lang und ebenso breit.

Vor meinem Käfig stehen allerlei seltsame Gebilde und Gerätschaften, die ich noch nie gesehen habe und deren Zweck ich nicht erkennen kann.

Heute hat man mir Papier und einen Stift zum Schreiben hergelegt. Ich weiß nicht warum, vielleicht nur, damit ich mich nicht langweile. Nun sitz ich hier auf dem blanken Boden, denn Möbel oder Teppiche gibt es hier keine. Nun gut, dann schreib ich eben alles auf, was mir widerfahren ist.

Ich bin Robert Miller, 35 Jahre, Pilot des Spaceshuttles Myjoy, gestartet vor zirka einer Woche mit dem Venus-Eagle Myjoy zum Planeten Dekamos, dem 3. inneren Planeten des Sonnensystems Euphoris. Eine ganz gewöhnliche Reise zu einem ganz gewöhnlichen Urlaubsplaneten, zu dem ich fast jeden Monat ein paar gut betuchte Erdentouristen bringe, die sich von den beiden Euphorissonnen genüsslich bescheinen lassen wollen. Tags scheint Euphoris I in hellem Orange, nachts Euphoris II in pulsierendem Pink-Violett. Wie überaus niedlich und kitschig!

Naja, es ist mein Job, also was soll`s. Der Rest kann mir egal sein.

Ich war unterwegs mit 20 sonnenhungrigen Passagieren, fünf Mann Besatzung und 500 Megatonnen Fracht für Dekamos. Wir hatten gerade Zwischenlandung zum Auftanken auf Optilas gemacht und flogen nun auf Supiter zu, als ein IPPS (Inter-Planetarischer Staub-Sturm) aufkam. Nichts Besonderes eigentlich, das erlebe ich hier ab und zu.

Doch plötzlich wurden wir mit ungeheurer Kraft in eine Art Strudel gezogen. Ich weiß nicht, woher der kam, er war plötzlich da. Das Shuttle war nicht mehr auf Kurs zu halten, es trudelte und taumelte, überschlug sich und wurde schnel-ler und schneller in den Strudel hineingezogen. Das Ding drehte sich wie ein Kreisel und bremste schließlich abrupt ab. Ich wurde aus dem Sitz geschleudert und verlor das Bewusstsein.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich in diesem Käfig, allein, ohne meine Passagiere und ohne meine Crew. Wo war ich? Träumte ich oder wachte ich?

Da sah ich durch das Gitter vor mir eine seltsame Gestalt. Ein Wesen von so sonderbarer Art, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte: Es hat einen Rumpf wie wir Menschen, aber runder, eher einem Ei gleichend, und schlangenartige Gliedmaßen. Auf vieren davon läuft es wie ein Tier und sechs weitere benutzt es als Arme. Drei davon haben Finger, drei weitere Saugnäpfe. Auf dem Kopf sitzen unzählige Insektenaugen, zwei kugelige Ausbuchtungen, die wohl so etwas wie ein Geruchsorgan darstellen, und darunter ein Schnabel, ähnlich dem einer Ente. Statt Haaren hat es mindestens 
20 Fühler, die dauernd in Bewegung sind.

Ich erschrak so furchtbar, als ich das Wesen sah, dass ich reflexartig in den hintersten Winkel meines Käfigs kroch.

Das fremde Wesen wiegte ein paar Mal den Kopf hin und her und gab seltsam murmelnde Geräusche von sich. Es erhob sich und erst jetzt erkannte ich seine volle Größe von mindestens acht Metern. Mir zitterten die Knie und ich war vor Angst ganz starr.

Das Wesen schien mich zu beobachten. Nach einer Weile hatte es davon wohl genug und verließ den Raum.

Ich war erschöpft und ließ mich zu Boden sinken, um gleich darauf in einen tiefen Schlaf zu fallen.

Als ich erwachte, stand vor mir eine Schüssel aus fremdem Material, gefüllt mit exotischen Früchten. Erst da merkte ich, wie hungrig ich war. Ich aß mich satt, setzte mich wieder auf den Boden und überdachte meine Lage. Aber ich kam zu keinem Ergebnis: Ich wusste nicht, wo ich war, wie ich dahin gekommen war und wie ich wieder wegkam. Auch schien niemand von meiner Crew oder meinen Passagieren hier zu sein. Also blieb mir nichts weiter übrig, als zu warten.

Nun sitze ich schon drei Tage hier, esse, trinke (eine rosa Flüssigkeit mit süßem Geschmack), schlafe und grüble nach. An das furchterregend aussehende Wesen gewöhne ich mich langsam. Es scheint nichts Böses mit mir vorzuhaben. Es kommt alle zwei Stunden vorbei, füttert mich, murmelt etwas und verschwindet wieder. Sonst nichts. Aber, was soll das?

Dienstag, 4. April 2713:

Vor zirka zwei Stunden kam das Wesen an meinen Käfig, öffnete ihn, packte mich fest mit einem seiner Arme und hob mich heraus. Ich wehrte mich nach Leibeskräften, aber es war stärker. Ich wurde durch den Raum getragen, auf eine Art Tisch abgelegt und festgebunden. Das Wesen griff nach einer sonderbaren Apparatur und drückte sie mir wie einen Stempel auf den linken Arm. Ein Stich, dann wurde ich wieder losgebunden und zurück in den Käfig getragen. Muss wohl so etwas wie eine Injektion gewesen sein. Aber wozu? Wozu das alles?

Ich werde langsam müde. Ich glaube, ich muss schlafen gehen oder ich ...

Donnerstag, 6. April 2713:

Nur meiner Raumuhr mit Datumsanzeige und automatischer Erfassung aller lebenswichtigen Körperfunktionen habe ich es zu verdanken, dass ich weiß, was heute für ein Tag ist. Bin erst vor wenigen Minuten erwacht. Hab ich zwei Tage lang durchgeschlafen?

Mein Puls ist noch etwas langsam. Die Haut hat sich an der Einstichstelle grün verfärbt. Ich fühle mich müde und schwach. Ich leg mich gleich wieder schlafen.

Freitag, 7. April 2713:

Meine Augen sind geschwollen, der Arm ist inzwischen dunkelgrün und schmerzt. Ich habe geträumt. Von der Erde und von Menschen, von schönen Frauen, die um mich herum tanzten und sangen. Vom Meer hab ich geträumt, wie es an die Klippen braust, von Vögeln, die seit mehr als tausend Jahren ausgestorben sind. Komisch, sonst träume ich nie. Ich bin so müde.

Sonntag, 9. April 3...:

Gestern den ganzen Tag durchgeschlafen, wirres Zeug geträumt, Fieber.

Kann nichts essen, erbreche alles. Käfig wird sauber gemacht, wenn ich schlafe.

Bin müde.

Dienstag, 11. April 2713:

Es geht mir langsam besser. Mein Arm schmerzt immer noch, sieht nach einer Entzündung aus. Meine Beine sind geschwollen, mein Kopf ist heiß. Aber ich bin nicht mehr ganz so müde. Nur durstig, so durstig.

Kann wieder essen.

Gestern wieder eine Injektion in den gleichen Arm.

Was soll das?

Mittwoch, 12. April 2713:

Das Fieber ist weg, der Arm noch leicht geschwollen. Ich kann wieder klar denken.

Mein „Tinty“, so nenne ich das fremde Wesen jetzt, weil es so
viele Arme hat wie ein Tintenfisch, kommt jetzt zweimal am Tag, bringt Essbares, murmelt Unverständliches, wiegt ein paar Mal den Kopf hin und her und verschwindet wieder. Wenn ich schlafe, wird der Käfig gesäubert. Hab jetzt sogar so was wie ein Klo: eine Kiste, etwas Zellstoff und einen 
Deckel für die Kiste. Zumindest benutze ich es als Klo. Und es wird geleert. Na, fast wie zu Hause, super Service, oder?

Ich habe jetzt Zettel mit seltsamen Reihen von Symbolen und Farben bekommen. Soll ich anscheinend ausfüllen, so eine Art Intelligenztest. Ich mag keine Intelligenztests.

Was soll das?

Naja, hab ja eh Zeit und gerade nichts Wichtiges vor. Also tu ich ihm den Gefallen:

Blauer Kreis auf gelbem Dreieck, blauer Kreis auf rotem Quadrat, rotes Dreieck auf lila Ring, rotes ...? Was soll der Quatsch? Das ergibt doch keinen Sinn. Der kann mich mal!

Montag, 17. April 2713:

Die ganze Zeit seit dem letzten Eintrag wurde ich auf Trab gehalten: medizinische Untersuchungen mit seltsamen Geräten, Intelligenztests mit absurden Symbolkombinationen, verwinkelte Bauklötze zusammenbauen, dann wieder Injek-tionen.

Ich frage mich, was das alles soll. Bin ich ein Versuchstier? Sowas wie eine Laborratte?

Wenn das das Interplanetarium und die Gerichtsstelle erfahren, was die hier alles mit mir machen, dann ist aber der Teufel los!

Wenn ich bloß wüsste, was das für Injektionen sind, die 
machen mich abwechselnd müde und kribbelig.

Am Samstag wurde ich zur Untersuchung in einen anderen Raum gebracht. Da sah ich Dutzende von Käfigen wie meinen herum stehen. Und überall Menschen drin, genau wie ich!

Himmel, das ist ein Versuchslabor, in dem ich da gelandet bin! Und ich bin das Versuchsobjekt, die Laborratte! Und weiß der Teufel, wie viele Menschen mit mir.

Vor einigen hundert Jahren gab es das mal auf der Erde. Da wurden lebende Tiere eingesperrt und es wurden Medikamente und Drogen an ihnen getestet. Aber das gibt es doch schon seit mindestens 500 Jahren nicht mehr. Nicht im ganzen Vereinigten Universum.

Wenn ich nur heraus könnte ...

Ich habe bis jetzt aber noch keine Fluchtmöglichkeit entdeckt. Das muss jemand erfahren.

Samstag, 22. April 2713:

Fühle mich seit Donnerstag wieder kerngesund. Am Freitag bin ich in einen anderen Raum gestellt worden. Jetzt sind noch weitere fünf Käfige mit Menschen um mich herum. Ich hatte die Gelegenheit, mich mit ihnen zu unterhalten. Sie 
sagen, sie hätten alle die ganze Prozedur mit den Injektionen schon mehrmals mitgemacht, einer davon ist schon seit 
zwei Monaten hier.

Es ist also doch ein Versuchslabor, wie es sie früher gab, nur werden statt Tieren Menschen zu Versuchen eingesetzt. Ich versteh das alles nicht. Warum? Wozu? Wir sind doch keine Tiere! Und warum lassen sie mir mein Schreibzeug? Gehört das mit zur Testreihe?

Montag, 24. April 2713:

Heute morgen neue Injektionen, seitdem krank: Atemnot, Herzklopfen, Schwindelanfälle, Müdigkeit, Träume, Träume ...

Dienstag, 25. April ... oder ...:

Hohes Fieber, kann kaum schreiben, Arm geschwollen. Bin müde. Träume.

Mittwoch, 26. April 2713:

Es wird besser. Fieber sinkt. Neue Untersuchungen. Fühle mich noch schwach. Durst.

Donnerstag, 27. April 2713:

Das Fieber ist weg, nach einer erneuten Injektion. Verdammtes Zeug! Jetzt kommen die schon zu zweit, um mich zu 
holen. Kein Ausbruch möglich.

Wieder Intelligenztests: grünes Klötzchen auf braunen Kegel. Wieso fällt das immer wieder runter?

Meine Aufzeichnungen lassen sie mir, ich kriege sogar noch mehr Papier.

Freitag, 28. Mai 2713 oder 3158 oder noch so ein scheiß- verdammtes Jahr:

Tests, Injektionen, krank, Injektionen, gesund, Test, Injektion, krank, Injektion, gesund ...

Wie lange noch?

Allmählich ist das Dings, das Dings, das Fieber nicht mehr so schlimm. Ich werde langsam immun gegen das Dings, das Dings, das ... Träume viel wirres Zeug. Ich kann nicht mehr so gut dingsen, so gut denken. Es wird immer schwerer, bei der Sache zu bleiben, mich zu konzendingsen, wenn ich mit anderen rede. Jemand hat mir erzählt, dass es den meisten irgendwann einmal so geht. Den meisten?

Wer sind die?

Alles verändert sich, wird weicher. Ich werde weicher, ruhiger, werde dingsda.

So werden alle früher oder später, und dann eines Tages ist der Käfig leer.

Sedingsda, Sezierung, jawoll.

Ich habe Dings, Dings, Angst.

Ich will nicht dingsen, nicht sterben. Ich bin doch Pilot! Ich bin doch der Dings, der Robert, der Dingsda!

Samstag, 29. Mai 2713:

Die Tintys schieben Tische und Wägen mit Werkzeugen und Instrumenten durch die Gegend. Zwei aus den Nachbarkäfigen haben sie heute morgen abgeholt. Die leeren Käfige sind wieder da. Was bedeutet das?

Ich habe Angst, furchtbare Angst.

Ich werde wahnsinnig hier drin!

Sonntag, glaube ich, oder doch nicht?

Bin wieder im anderen Raum. Bin allein. Hab gestern vor Angst getobt, hab am Dings, am Gitter gerüttelt. Hab geschrieen, bin mit dem Dingsda, mit dem Kopf (?) an die Wand gelaufen.

Das mögen sie nicht. Nein, nein, nein.

D., 2. Juni 1234567:

Zuviel Angst allein, war ganz lieb in den letzten Tagen. Wieder bei den anderen. Bin ganz lieb. Und viele, viele Spritzen. Bin ganz lieb.

Lieber Robert, braver Robert, spielt schön mit Bauklötzen. Andere sagen, bald alle weg. Alle abmurksen.

Gar nicht wahr, alles gelogen, bin ganz lieb. Nicht abmurksen, nicht lieben Robert abmurksen!

Freidingsda dcdg45

Ganz lieb, wieder zwei weg. Geträumt. Robert träumt viel, schöne Sachen, bin ganz lieb.

Morgen Robert dran. Robert ist letzter Dings, letzter Käfig in der Reihe. Immer schön der Reihe nach murksen.

Robert Letzter. Braver Robert, lieber Dingsdadada.

Robert kann selber abmurksen. Mit Stift, mit dem Dingsdadada. Bäh!

Tintys kommen. Robert murksen, Robert tot, ätschibätschi dingsdalalala!

Braver Robert, braver Dinnngs.