- Arndt, Annabell-Eva - Marani
- Arzt, Hans-Christian - Das Geheimnis der Pyramide
- Chankov, Boris - Die letzte Kandidatin
- Frey, Andreas - Das Licht
- Hatfield, Kale - Die Fahrt
- Heck, Gaby - 2713–die Rückkehr
- Kampermann, Sabine - Pyramiden
- Keßler, Patricia - Viel vor
- Matthias Falke - Ein Störfall
- Meiswinkel, Beate - Die Blumenfrau
- Merkle, Boris - Aufstand
- Merkle, Boris - Das Ding in der Zelle
- Mummert , Claudia - Die Pyramide
- Ochs, Andrea - Tagebuch von Robert Miller
- Pukowski, Brigitte - ViVa
- Schlosser, Johannes - Patient 412
- Weiß, Arno - Penta
Pyramiden
Autor: Kampermann, Sabine
„Dieser Kurzkrimi von Sabine Kampermann hat als Ausgangspunkt das Karlsruher Wahrzeichen – die Pyramide auf dem Marktplatz. Als Citymanager von Karlsruhe finde ich es spannend, wie es in der Geschichte gelungen ist, durch eine Zeitreise eine Verbindung zwischen Karlsruhe und dem alten Ägypten zu schaffen.“
2713 v. Chr. wurde das erste Universalgenie geboren, stand da schwarz auf weiß. Ich warf das Geschichtsbuch vom Tisch. Geschichtszahlen konnte ich mir sowieso nie merken und überhaupt, wer konnte die so genau bestimmen? Die Geschichtsschreiber waren sich nicht mal darüber einig, wann Jesus wirklich Geburtstag hatte. Blöde Schule, ich hatte echt andere Sorgen, denn Agathe hieß man nicht mit fünfzehn, sondern höchstens mit fünfzig. Was hatten sich meine Eltern nur dabei gedacht? Fanatische Agatha-Christie-Fans, aber das sollte man nicht gleich merken, na ja. Krimis mochte ich noch weniger als Geschichtszahlen, zu gruselig.
„Du bist eine fürchterliche Angsthäsin. Was ist denn schon dabei?“, fragte Lara.
Schweren Herzens blickte ich zur Marktplatzpyramide hinüber. Besonders furchteinflößend und erhaben sah sie nicht aus, Karlsruhe war schließlich keine Hauptstadt eines Königs. Da stand eher ein Pyramidchen, aber trotzdem ein Grabmal.
„Dieser Friedrich-Wilhelm von Baden-Durlach oder so ähnlich liegt da drin“, sagte Lara und pfiff fröhlich undamenhaft durch die Zähne.
„Und wenn schon“, entgegnete ich. In der Nähe von Friedhöfen spürte ich immer ein Brennen im Magen. Wenn es Geister gab, dann dort.
„Vielleicht ist er ja mumifiziert worden, ich habe keine Ahnung“, sagte Lara und grinste.
Mir lief ein Schauer über den Rücken. Dabei waren Mumien vollkommen harmlos, sicher. Aber egal, nein danke.
„Bei den Pyramiden von Gizeh handelt es sich sogar um ein antikes Weltwunder, das einzige, was noch steht. Die bieten dem Auge schon etwas anderes als unsere Marktplatzpyramide und eine gewaltige Sphinx steht davor. Ich würde sie zu gerne mal sehen.“ Lara seufzte verträumt.
„Die Sphinx?“, fragte ich.
„Ne, die Pyramide. Da kann man sogar hinein.“
„So ein Ding besichtigen? Nie, nicht einmal, wenn ich eine Reise nach Gizeh geschenkt bekäme.“ Ich schüttelte mich.
„Oje, du bist ganz bleich“, sagte Lara, „ist es denn wirklich so schlimm, um Mitternacht hierher zu kommen? Du sollst ja nicht in die Pyramide eindringen, sondern bloß hinauf- klettern, und Geister gibt es nicht. Die Jungs lachen dich aus, wenn du kneifst.“
Ich schluckte, worauf hatte ich mich da bloß eingelassen? Natürlich lachten alle über meine Furcht vor der Dunkelheit, wie albern! Sicher. Aber seit wann folgen Ängste Gesetzen der Logik? Wie viele Menschen fürchteten sich vor Spinnen? Dabei waren die meisten Achtbeiner völlig harmlos. Ich musste um Mitternacht eine Pyramide bezwingen, wollte ich nicht mein Leben lang ausgelacht werden. Das war schlimmer als jede Spinne! Wenn ich es geschafft hatte, würde ich mir einen neuen Namen zulegen, einen, über den man nicht lachte. Ich seufzte: „Ich mach‘s.“
„Also gut“, sagte Lara, „du musst unsere Flagge an der Spitze befestigen. Wir vertrauen dir und glauben dann, dass du es selbst getan hast.“
„Wie, du kommst nicht mit?“
„Nein, ich brauch‘ meinen Schlaf. Morgen schreiben wir schließlich die Geschichtsarbeit über das öde alte Ägypten und das nur, weil Dr. März auf verstaubte Mumien steht. Schon vor 2700 v. Chr. ist dieser dämliche Imhotep zur Welt gekommen. Wer soll sich für so olle Kamellen begeistern?“
Wie wahr, dachte ich und stutzte. „Äh, eben gerade hast du dich doch dafür interessierst?“
„Ne, der ist tot. Wenn ich ihn kennen lernen oder im Kino sehen könnte, okay. Der Unterricht ist echt zum Einschlafen! Ich will doch keine alten Jahreszahlen wissen. Alle anderen Klassen nehmen das Dritte Reich durch und sehen Filme. Echt geil! Und wir?“ Sie seufzte.
Oh Lara, du bist meine Seelenfreundin, dachte ich. Die Geschichtsarbeit hatte ich ganz vergessen. Noch ein Problem, ein Problemchen.
Es war dunkler als finster, kein einziger Stern blitzte am Firmament. Ich schaute aus dem Fenster ins schwarze Nichts. Zitternd verabschiedete ich mich von Zimmerspinne Willi, nur mit Flagge und Taschenlampe bewaffnet, und kletterte aus dem Fenster. Zum Glück wohnte ich im Erdgeschoss und musste nicht noch im Dunkeln am Efeu hinabklettern.
Meine Radlampe funzelte fürchterlich, die Straßenbeleuchtung war ausgefallen. Auch das noch! Augen auf und durch. In der Stadt wurde es auch nicht heller. Stromausfall! Das gab es vielleicht alle zehn Jahre und ausgerechnet diese Nacht! Die Batterie der Taschenlampe hatte auch schon bessere Zeiten gesehen. Dynamo sei Dank!
Nassgeschwitzt erreichte ich den Marktplatz. Dort stand es im fahlen Schein der Taschenlampe, das Pyramidchen. Es erschien mir noch kleiner als sonst, winzig im Verhältnis zur Weite der Nacht, wirklich harmlos.
Ich griff mir an den Kopf. Warum quälten mich ständig so blöde Ängste? Ich schulterte die Flagge mit einer sieben- köpfigen Mäusefamilie darauf und machte mich an den Aufstieg. In dem Moment gab die Taschenlampe ihren Geist auf. Totale Schwärze! Trotzdem kletterte ich weiter, merkwürdig beschwingt. Plötzlich trat der Mond hinter den Wolken hervor und erhellte den Platz. Voll und rund stand er am Himmel und starrte auf mich herab mit diesem eigenartigen, vertrauten Gesicht. Er wollte mir etwas sagen, ganz sicher.
Um mich herum brannte keine einzige Lampe, dennoch war es hell wie in keiner Nacht zuvor. Ein merkwürdiges Licht, so unwirklich. Ich ertastete die nächste Fuge, drückte die Fingerkuppen hinein und zog mich das letzte Stück nach oben. Glücklich umarmte ich die Spitze, suchte sicheren Halt, um einen Arm zu lösen. Schließlich musste ich die Flagge oben auf der Pyramide befestigen. In dem Moment, als sie im Wind wehte, verschwand der Mond wieder.
Vor Schreck verlor ich das Gleichgewicht und rutschte ab. Ich rutschte und rutschte und müsste längst unten angekommen sein, irgendetwas ging nicht mit rechten Dingen zu.
Endlich landete ich auf dem Boden mit blaugeflecktem Hintern, darauf könnte ich wetten! Der Himmel färbte sich merkwürdig rot. Ich fühlte feinen Sand, hob die Hand und ließ ihn durch meine Finger rieseln. Das war unmöglich der Karlsruher Marktplatz! Dort gab es keinen Sand, der Boden bestand aus großen Steinen. Zitternd holte ich Luft.
Meine Augen hatten sich noch nicht an die eigenartige Beleuchtung gewöhnt, da wurde ich von Licht geblendet. Am Horizont tauchte die Sonne als rote Kugel auf. Noch nie hatte ich einen solchen Sonnenaufgang gesehen, so plötzlich, ohne Morgendämmer. Vor mir erstreckte sich endlose Wüste, hinter mir befand sich eine Pyramide aus Sand, allerdings höher als die in Karlsruhe.
„Was machst du hier und wieso hast du mein Bauwerk zerstört?“ Ein schmächtiger Junge mit Pickeln im Gesicht kaum älter als ich, trat hinter der Pyramide hervor und starrte mich an. Seine Augen blitzten. Er wollte mich erwürgen.
„Ich, äh, wollte nichts kaputt machen, ehrlich!“, brachte ich noch heraus, bevor ich erschlagen wurde.
„Du bist die Tochter des Repriesters! Er ist schon lange neidisch auf mich, denn ich bin der Freund des Pharaos.“
Ich hatte endgültig den Verstand verloren und brachte den Mund nicht mehr zu.
„Meine Abstammung erscheint ihm dafür nicht gut genug. Dabei ist mein Vater ein wirklich guter Architekt, aber Handwerk zählt bei Priestern nichts, nur Gold, und jetzt verfolgst du mich und zerstörst meine Werke! Ein Mädchen fällt nicht so auf, denkt dein Vater. Ich verehre den Sonnengott, dein Vater ist nicht würdig, Re zu dienen.“
„Ich, ich ...“, versuchte ich zu unterbrechen. Vergeblich.
„Aber Djoser wird immer zu mir halten.“
„Pharao Djoser?“ Meine Verwunderung musste mir aus dem Gesicht springen.
Der Junge beäugte mich, als sähe er ein Alien, schüttelte den Kopf und sagte: „Natürlich, wer denn sonst? Djoser ist noch nicht lange Pharao, aber er macht seine Sache gut und wird Pharao bleiben, auch wenn ihm dein Vater nicht gewogen ist. Die Götter werden ihm beistehen.“
„Mein Vater ist kein Priester, wirklich nicht. Er ist Programmierer und Computerspezialist“, entgegnete ich.
„Waaas?“ Jetzt blieb dem Jungen der Mund offen stehen.
Ich zog mein Handy aus der Hosentasche. Kein Netz, kein Wunder! Mit zitternden Händen reichte ich es dem Jungen. Seine vibrierten ebenso.
„Bei Re, was ist das?“, brachte er heraus und ließ es fallen, als hätte es seine Finger verbrannt, und starrte auf das Foto auf dem Display. Es zeigte mich mit der Zimmerspinne. „Du bist eine Göttin!“ Er fiel vor mir nieder.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich komme von weit her, dort gibt es solche Dinge in Massen und noch ganz andere. Du würdest staunen. Ich heiße übrigens Agathe.“ Ich streckte ihm die Hand hin.
Unschlüssig betrachtete er sie und wusste nicht, was er machen sollte.
Händeschütteln war im alten Ägypten wohl nicht üblich. „Wie soll ich dich nennen?“, wisperte ich.
„Imhotep! So würde ich gerne genannt werden. Der Name bedeutet: Der in Frieden kommt.“ Er erhob sich wieder und reichte mir die Hand.
Ich warf einen Blick auf die stufenförmige Sandpyramide und schlug mir mit der Faust an die Stirn. Das konnte doch nicht wahr sein! Dieser Junge würde die Djoser-Pyramide in Sakkara erschaffen. Ich befand mich etwa im Jahre 2700 v. Chr.
Zeitreisen gab es nicht, Zeitreisen gab es wirklich. Ich träumte. Nein, im Traum roch man nicht, und hier roch es nach Wüstensand und Schweiß. So früh am Morgen brannte die Sonne erbarmungslos auf uns herab. Schweißperlen bildeten sich unter meinen Achseln.
„Das erklärt auch deine seltsame Kleidung. So etwas habe ich noch nie gesehen und an einer Frau sowieso nicht“, sagte Imhotep.
Der Aufzug war vor allem absolut nicht wüstengeeignet. Die Jeans klebte an meinen Beinen.
Imhotep lächelte zum ersten Mal. „Es gibt nichts, was es nicht gibt, hat mein Vater gesagt und ich soll gut beobachten und mir alles merken, wenn ich als einfacher Mann überleben will. Ich besorge dir unauffällige Kleidung.“
Ich folgte ihm in ein schlichtes Haus aus Nilschlammziegeln. Überall lagen Strohmatten auf dem Boden.
„Hier, ein Kleid meiner Schwester. Gut, dass gerade niemand hier ist“, sagte Imhotep.
Als ich mich umziehen wollte, fiel ein Stück der Lokalzeitung ‚Boulevard Baden‘ aus meiner Hosentasche mit einem Bild der Karlsruher Pyramide darauf, im Vordergrund fuhr eine Straßenbahn. Ich wollte es aufheben, doch Imhotep war schneller.
Der Buchdruck war noch nicht erfunden und Straßenbahnen schon gar nicht, um mich drehte sich alles, ich musste mich festhalten und griff nach Imhotep. Er starrte mich an.
„Ich, ich komme aus der Zukunft“, stammelte ich, „du wirst mich jetzt für verrückt halten.“
Er sah abwechselnd auf die Zeitung dann auf mich und fragte: „Dieses Ding da, was ist das?“
„Die Straßenbahn fährt durch die Stadt und jeder kann einsteigen und an einer anderen Station wieder aussteigen“, antwortete ich.
„Sie fährt?“
„Ja, sogar ziemlich schnell.“
„Und die großen Steinhäuser, wer hat die gebaut? Wie viele Sklaven wurden dafür gebraucht?“, fragte Imhotep und starrte auf die Zeitung.
„Sklaven? Nein, das haben wir nicht“, entgegnete ich.
„Keine Sklaven? Jetzt lügst du! Wer soll dann die Arbeiten verrichten?“, erwiderte er.
„Der Architekt des Karlsruher Marktplatzes heißt Weinbrenner, ein berühmter, angesehener Mann, die Arbeiter wurden bezahlt und für viele Arbeiten gab es Maschinen. Wirklich, ich lüge nicht“, sagte ich.
Imhotep musterte mein Gesicht und nickte. „Solche Erfindungen wären mein Traum. Erfinder wäre ich sogar lieber als Pharao. Aber“, er senkte den Kopf, „ich bin ein Nichts, kaum mehr als ein Sklave. Was soll schon aus mir werden?“
Ich dachte an die Sandpyramide. „Du wirst der größte Erfinder deiner Zeit, ich weiß es genau. Noch Jahrtausende später werden die Schüler mit dir gequält.“ Ich schlug mir auf den Mund. „Äh, ich meine, ich habe in der Schule von dir gehört.“
„Ehrlich?“ Imhotep strahlte.
„Diese Sandpyramide, so eine baust du in groß als Grabmal für Pharao Djoser“, sagte ich.
Imhoteps Gesicht verfinsterte sich. „Die Idee ist gut, aber der Repriester wird es nie zulassen. Deine Schule irrt sich!“
Ich schüttelte den Kopf und beäugte das dünne, durchsichtig scheinende weiße Leinenkleid mit breiten Schulterriemen.
„Ich helfe dir beim Ankleiden“, sagte Imhotep.
Ich lief rot an, das Kleid und die Riemen bedeckten kaum meine Brüste.
„Ich trage oben herum auch nichts“, sagte Imhotep und grinste, als er meine Gesichtsröte bemerkte. „Zieh diese Sandalen an. Sie schützen deine Füße vor dem heißen Sand.“ Er reichte mir ein Paar Sandalen aus Schilf und eine schwarzhaarige Perücke. „Damit fällst du weniger auf.“
Ein finster blickender Mann trat ein, ohne anzuklopfen. „Wo ist dein Vater?“, fragte er.
„Außer mir ist niemand von meiner Familie hier“, antwortete Imhotep.
Der Mann musterte mich wie eine Ware. Meine Beinmuskeln mutierten unter seinem Blick zu Götterspeise.
„Suchst du dir eine Frau? Das kannst du vergessen! Ich habe die Schuldscheine deines Vaters aufgekauft. Wenn er bis morgen nicht zahlt, verkaufe ich dich auf dem Sklavenmarkt. Kein Wunder, dass deine Familie geflohen ist. Sie hätten dir wenigstens Bescheid geben können. Dich nehme ich gleich mit“, sagte der Mann zu ihm und lachte böse.
„Pharao Djoser ist dein Freund, er wird dir helfen“, flüsterte ich.
Imhotep schüttelte den Kopf. „Ich habe das bloß geträumt. Gegen den Priester bin ich machtlos.“
„Hört auf zu tuscheln!“ Das Gesicht des Priesters lief lila an. Er nahm Imhotep mit sich und ließ mich einfach stehen. Frechheit! Manieren hatten die Priester in diesem Land wirklich nicht.
Mir wurde schwindlig. Imhotep durfte nicht versklavt werden, er musste die Stufenpyramide in Sakkara bauen. Aber wer sollte mir glauben? Ich tat es ja selbst kaum. Der Pharao? Das war unwahrscheinlich, aber wie gelangte ich überhaupt zu ihm?
Ich machte mich mit meinen neuen Sandalen auf den Weg in die Stadt. Djosers Aufenthaltsort war nicht schwer zu finden. Ich bestaunte den Palast nicht wegen seiner Pracht, er bestand aus Nilschlammziegeln, Holz und Schilfmatten. Tja, ohne Imhotep würde er wohl so einfach bleiben. So sehr ich den Geschichtsunterricht bei Dr. März auch hasste, so einen Palast wollte ich nicht in meinem Geschichtsbuch erblicken müssen. Und nun sollte Imhotep als Sklave untergehen, bloß nicht! Ihm gebührte die Unsterblichkeit.
„Was willst du hier?“, fragte mich der Wachtposten.
„Ich muss zum Pharao.“
Der Mann lachte. „Da könnte ja jeder kommen. Verzieh dich, du hast hier nichts verloren!“
Ich beäugte meine Ringe und überlegte gerade, welchen ich dem Wachmann anbieten sollte, da wurde ein Mädchen hinausgebracht. Es keuchte und hatte Schaum vor dem Mund, seine Pupillen nahmen fast das ganze Auge ein.
„Sie hat Pharao Djosers Speisen probiert, jetzt ist sie vom Bösen besessen. Wir sollen sie einmauern“, sagte der Mann, der das Mädchen hinter sich herzerrte.
„Steckt ihr etwas in den Hals, dass sie bricht“, entfuhr es mir. „Jemand hat Tollkirschen ins Essen gemischt, um den Pharao zu vergiften.“ Die alten Ägypterinnen haben diese Früchte benutzt, um ihre Pupillen zu erweitern, was als schön galt, hatte ich gelernt.
Die Männer gafften mich an.
„Wer ist das?“ Der Mann ließ das Mädchen los und zeigte auf mich.
„Ich will die neue Vorkosterin werden“, sagte ich schnell.
Das Mädchen erbrach sich und atmete wieder ruhiger. Die Männer beachteten es nicht weiter, sondern musterten mich.
„Du magst recht haben. Komm mit!“
Ich folgte dem Mann, der das Mädchen nun sich selbst überließ, in den Lehmpalast. Zum Glück regnet es hier wenig, sodass der Palast nicht gleich einstürzt, dachte ich, während ich mich neugierig umsah.
Ich wurde tatsächlich zum Pharao geführt. Djoser war kleiner als ich, wirkte aber dennoch Ehrfurcht gebietend. Ich ver- neigte mich automatisch und brachte mein Anliegen vor.
Der Pharao winkte die Wachen hinaus, obwohl sie protestierten.
„Ich habe dich schon einmal im Traum gesehen“, sagte er.
Auch mir kam er bekannt vor. Was sollte ich jetzt tun? Ihm erzählen, ich käme aus der Zukunft? Nein danke.
Mit seinen wissenden Augen blickte er mich durchdringend an, mir wurde ganz mulmig. „Wer denkst du, hat mir das Gift ins Essen gemischt?“, fragte er.
„Ich glaube, Ihr solltet nicht sterben, sondern Hilfe brauchen, die des Priesters“, antwortete ich, ohne zu zögern. Seinen Gesichtsausdruck konnte ich nicht deuten.
„Kannst du das beweisen?“, fragte er.
Ich schüttelte den Kopf.
„Dann sprich einen so ungeheuerlichen Verdacht nie wieder aus.“ Er winkte mich hinaus und befahl einer Sklavin, ein Zimmer für mich herzurichten.
Ich verstand das alles nicht, weder mein Verhältnis zu Djoser noch wie ich von dem Marktplatzpyramidchen ins alte Ägypten gelangt war und die dortige Sprache beherrschte. Manches bleibt eben mystisch und lässt sich nicht erklären. Wenigstens sah Djoser ein, dass wir Imhotep befreien mussten, wenn er nicht ewig in einem Lehmpalast leben wollte, zumindest war das eine Hoffnung. Imhoteps Vater galt als ausgezeichneter Architekt und hatte dem Sohn viel beigebracht und vererbt. Das wusste jeder.
„Den Sohn des Architekten wollt Ihr haben. Warum habt Ihr das nicht früher gesagt? Ich hätte ihn Euch mit Freuden geschenkt. Jetzt habe ich ihn schon verkauft an irgendeinen Sklavenhändler. Es gibt so viele, ich kann mich nicht mehr an sein Gesicht erinnern“, behauptete der Repriester.
Djoser nickte und ging.
Ich war mir sicher: Der Priester log! Der Verkaufstermin war erst morgen. Aber ich durfte den Priester kein weiteres Mal beschuldigen ohne Beweis. Ich musste Imhotep finden!
Sakkara war zwar viel kleiner als Karlsruhe, hatte aber genügend unbekannte Winkel. Verzweifelt lief ich zurück zu Imhoteps Haus. Ich suchte jede Ecke nach einem Zeichen ab, dabei hatte Imhotep kaum genügend Zeit gehabt, eines zu hinterlassen.
Ohne Hoffnung trat ich wieder hinaus, da fiel mein Blick auf die Sonnenuhr. Imhotep hatte sie selbst gebaut. Sie ging falsch! Zufall? Kaum. Hatte Imhotep den Stab in der Mitte geneigt? Was hatte mir das zu sagen? Zögernd ging ich in Richtung des Stabes weiter und fand an der nächsten Biegung eine Sandale, später die zweite. Und nun? Imhotep hatte alles Mögliche ausgezogen, auf ihn konnte ich mich nicht mehr verlassen.
Plötzlich hörte ich Stimmen, ich drückte mich in eine Nische.
„Wir könnten ihn Djoser zukommen lassen, gegen viel Geld, versteht sich.“
„Nein, der Junge ist zu klug, zu gefährlich.“
Das war die Stimme des Priesters, ich zuckte zusammen und spähte vorsichtig um die Ecke. Zwei Männer hoben eine Steinplatte an und verschwanden. Ich trat an den Stein heran und starrte in ein Loch. Allein konnte ich die Platte nicht von der Stelle rücken, um die Täter einzusperren. Ich hatte Imhotep gefunden, aber umsonst! Nicht einmal mit ihm reden konnte ich.
Ich schlich mich davon, bevor der Priester und sein Gehilfe wieder aus der Tiefe auftauchten. Was sollte ich noch im alten Ägypten, ich sehnte mich nach Hause zurück. Aber wie? Wahrscheinlich würde ich die Karlsruher Pyramide nie wiedersehen und im alten Ägypten verschimmeln.
Ein letztes Mal wollte ich mit Pharao Djoser sprechen.
Der Pharao funkelte mich böse an. „Schon wieder beschuldigst du ihn. Lass das sein! Der Priester ist ein ehrenwerter Mann, den ich nicht für irgendeinen Jungen verrate.“
„Aber diesmal kann ich es beweisen!“, schrie ich und beschrieb ihm Imhoteps Aufenthaltsort genau.
„Was erlaubst du dir für einen Tonfall. Hinaus!“
Ich schwankte, mir wurde schwarz vor Augen, ich fiel und schlug auf dem Boden auf.
„Agathe!“, hörte ich eine besorgte Stimme, „lebst du noch?“
Jemand beugte sich über mich und streichelte meine Stirn.
Ich öffnete die Augen und blickte in Laras sorgenzerfurchtes Gesicht. Der Himmel leuchtete rot, aber kein Mond war zu sehen.
„Ich, ich“, stotterte sie, „hätte schwören können, dass niemand hier war, als ich kam. Natürlich war es wegen der Mondfinsternis dunkel, aber trotzdem. Hier war niemand! Und plötzlich lagst du da, wie tot.“ Sie zitterte. „Nie wieder lache ich über deine Furcht vor der Dunkelheit. Ich hatte zuhause plötzlich solche Angst um dich und bin hergerast.“
Ich schlang meine Arme um sie, dann fuhren wir beide nach Hause.
Erst als ich mich auszog, fiel mein Blick auf meine Füße: Ich trug Schilfsandalen. Ich mochte ja Jugendalzheimer haben, aber dass ich nachts mit solchen Schuhen losgezogen war, war mehr als unwahrscheinlich. Ich holte mein Geschichtsbuch und schlug das Kapitel über das alte Ägypten auf. Die Sakkarapyramide und der Steinpalast waren noch drin. Ich grinste und sinnierte, Djoser hat mich wahrscheinlich für eine Göttin gehalten, so plötzlich, wie ich mich in Luft aufgelöst habe und Imhotep sofort gesucht und gefunden. Wer weiß, vielleicht ist der Erfinder später ja meinetwegen zum Gott ernannt worden.
Glauben würde mir das alles niemand, deshalb beschloss ich, Schriftstellerin zu werden. Agathe war dafür gar kein übler Name und wenn er mir nicht mehr passte, konnte ich einfach ein Pseudonym annehmen.
