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- Arzt, Hans-Christian - Das Geheimnis der Pyramide
- Chankov, Boris - Die letzte Kandidatin
- Frey, Andreas - Das Licht
- Hatfield, Kale - Die Fahrt
- Heck, Gaby - 2713–die Rückkehr
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- Keßler, Patricia - Viel vor
- Matthias Falke - Ein Störfall
- Meiswinkel, Beate - Die Blumenfrau
- Merkle, Boris - Aufstand
- Merkle, Boris - Das Ding in der Zelle
- Mummert , Claudia - Die Pyramide
- Ochs, Andrea - Tagebuch von Robert Miller
- Pukowski, Brigitte - ViVa
- Schlosser, Johannes - Patient 412
- Weiß, Arno - Penta
Aufstand
Autor: Merkle, Boris
Die Straßenbahn blieb abrupt vor der Haltestelle am Mühlburger Tor stehen. Florian Kirsten sah von seiner Zeitung hoch. Die PGM machte wieder mal eine Kontrolle. Ein halbes Dutzend Uniformierter mit Sturmgewehren stieg ein. Obwohl solche Kontrollen inzwischen Routine waren, wurden einige Insassen nervös. Die Polizisten zogen ihre Testgeräte. Reihum mussten die Passagiere in eine Öffnung hauchen. Jedesmal gab der kleine Analysecomputer ein kurzes Piepen von sich. Als er an der Reihe war, beugte sich Kirsten brav vor und hauchte, bis es piepste.
Zwei Sitzreihen weiter hinten ertönte plötzlich ein lang- gezogenes Signal. Kirsten drehte sich dezent um.
„Das Ergebnis ist unklar. Bitte hauchen Sie nochmal!“ sagte der Polizist. Ein zweiter kam dazu.
„Gibt’s ein Problem?“
Der Kontrollierte hauchte noch einmal. Wieder ein lang- gezogenes Piepsen.
„Papiere, bitte!“ verlangte der zweite Beamte, während sein Kollege das Gerät prüfte.
Dann fiel ihm etwas auf. Blitzschnell griff er in die Jacken- tasche des Mannes und zerrte eine kleine Schachtel heraus. Der Kontrollierte sprang auf, stieß die Beamten zur Seite. Ein Gerangel. Stoff zerriss. Schreie. Die Schachtel fiel zu Boden und Zigaretten kullerten heraus. Dann war der Mann an der Tür. Kirsten rückte näher ans Fenster, um besser sehen zu können. Der Verfolgte hechtete aus der Bahn, rollte sich auf dem Asphalt, rannte. Dann war er an der Reinhold-Frank-Straße. Die Polizisten schossen und rissen mit dumpfem Knall drei Löcher in den Rücken des Flüchtigen. Er stürzte. Keuchend lag er am Boden. Ein PGM-Leutnant lief zu dem Verwundeten. Er beugte sich über ihn. Kirsten sah, dass die beiden lautstark miteinander stritten.
Zornig richtete sich der Beamte auf. Er zog seine Pistole, zielte auf den Mann und schoss ihm ins Gesicht.
Kirsten zuckte vom Fenster zurück. Die PGM griff in letzter Zeit wirklich hart durch.
Kirsten wandte den Blick ab, starrte zu Boden. Die Zigaretten waren zertrampelt worden. Beim derzeitigen Schwarzmarktwert ein vergeudetes Vermögen.
Dann fiel sein Blick auf die Schachtel. Sie war innen beschrieben! War das wichtig genug für eine Exekution gewesen? Dann war auch das wertvoll! Er schaute sich um, täuschte vor, sich die Schuhe zuzubinden, und griff zu.
Zuhause trennte er die Zigarettenschachtel auf. Es waren Zugangspläne für die Tiefgaragen. Früher, als Treibstoff noch erschwinglich und die Stadt von Autos überfüllt gewesen war, führten manche Straßen mehrere Stockwerke tief unter die Erde, wo es Parkmöglichkeiten gab. Kirsten hatte gedacht, dass die Tiefgaragen zusammen mit den Unterführungen zugeschüttet worden waren, doch offenbar gab es geheime Zugänge zu – was? Möglicherweise einem riesigen Schwarzmarkt. Das würde er bald herausfinden.
Lucas Perett durchquerte die Station der Polizei für Gesundheit und Moral und betrat das Büro von Leutnant Matthias Robert. Der Mann trup eine zerknitterte Uniform, hatte Ringe unter den Augen und Stoppeln im Gesicht.
„Ja, ich habe die gestrige Bahnkontrolle geleitet“, antwortete er Perett. „Aber woher wissen Sie überhaupt davon?“
Perett zückte kurz seinen Ausweis.
„Ministerium für innere Sicherheit. Bei dieser Kontrolle haben Sie die Exekution eines Konsumenten – eines Jochen Altmann – vorgenommen?“
Robert stand auf und drehte ihm seinen Monitor zu.
„Steht alles in meinem Bericht. Wegen diesem Schwachkopf bin ich grade erst fertig geworden. Papierkram – Sie wissen schon.“
Robert streckte sich und ging in den angrenzenden Waschraum. Perett überflog den Bericht, dann sah er seinem Gesprächspartner nach. Der zog sein Hemd aus und begann, sich den Oberkörper über dem Waschbecken zu waschen.
„Aus Ihrem Bericht geht nicht hervor, ob Altmann ermittlungsdienliche Aussagen gemacht hat.“
„Obszön beschimpft hat er mich. Als ich ihn auf den Verstoß gegen den Paragraphen 525 GMGB hingewiesen habe, hat er sie mit voller Absicht nochmal wiederholt“, prustete Robert.
„Jochen Altmann stand unter Verdacht, eines der führenden Mitglieder einer Widerstandszelle hier in der Region zu sein. Der Mann hat Sie zu einer Exekution provoziert, weil er wusste, dass er sonst in einem unserer Verhörkeller enden würde.“
„Und wozu erzählen Sie mir das?“ fragte Robert, während er sein Gesicht mit Rasierschaum einseifte.
„Er muss irgendetwas bei sich gehabt haben, um in Kontakt mit seiner Untergrundgruppe zu treten. Ich muss die sichergestellten Beweise inspizieren.“
Robert verwies ihn auf ein Fach in seinem Schreibtisch. Perett schaute sich die Sachen an.
„Wo ist der Rest?“ fragte er.
„Das war alles.“
„Er kann die Zigaretten unmöglich einfach so mit sich herumgetragen haben.“
„Jetzt hören Sie mal“, raunte Robert aus dem Waschraum, „Sie wissen vielleicht was von diesem Geheimdienstkram, aber von echter Polizeiarbeit haben Sie keine Ahnung! Das war alles und Schluss! Jetzt fallen Sie mir nicht weiter auf die Nerven und machen Sie, dass Sie hier rauskommen!“
Perett stürmte in den Waschraum. Robert rasierte sich gerade. Perett packte den Leutnant am Genick und drosch seinen Kopf hart gegen den Spiegel, so dass Glas splitterte. Robert wollte ihn mit seinem Einwegrasierer abwehren, aber Perett packte sein Handgelenk und drückte ihm die Klinge gegen die Kehle. „Sie vergessen, Leutnant“, presste er zwischen den gefletschten Zähnen hervor, „dass wir uns immer noch im Krieg befinden. Die Mittelstaaten stehen kurz vor einer Invasion. Ich befinde mich auf einer heißen Spur, die genau das abwenden könnte, und ich bin bereit, jeden dafür umzubringen! Also: Die Zigaretten?“
„Ja, ja! Die waren in einer Schachtel!“ japste Robert.
Blut tropfte von seiner Stirn ins Waschbecken. „Aber als die Spurensicherung die Bahn abgesucht hat, hat sie sie nicht mehr gefunden. Wahrscheinlich hat einer der Passagiere sie eingesteckt.“
Perett ließ von ihm ab. Der Polizist sackte zusammen.
„Sehen Sie“, lächelte Perett mild, „ein bisschen interbehördliche Zusammenarbeit tut doch nicht weh.“ Robert – leichenblass und mit riesigen Augen – starrte ihn an.
Obwohl wochentags ab Mitternacht Ausgangssperre herrsch- te, schlich Kirsten aus seinem Appartement. An jeder Straßen- ecke sah er sich um und versuchte im Schatten zu bleiben. Tatsächlich erreichte er ungehindert einen Zugang – einen Kiosk in der Nähe des Schlosses. Er drückte die Klinke der Eingangstür herunter. Es war abgeschlossen. Er hatte sich wohl geirrt.
Das Schloss der Tür knackte. Kirsten starrte in die Mündung einer doppelläufigen Schrotflinte.
„Papiere?“ knurrte der Typ hinter der Waffe.
Er zeigte die Karte, die ihn hergeführt hatte. Die Wache nickte und winkte ihn herein. Ein provisorisches Treppenhaus führte nach unten in ein Höhlensystem. Fackeln an den Betonsäulen erhellten eine gewaltige Fläche.
Es war tatsächlich eine Art Schwarzmarkt – nein, kein Schwarzmarkt! Kirsten erstarrte in Fassungslosigkeit. Die Leute bekamen umsonst Flaschen mit Bier und Wein sowie ganze Stangen mit Zigaretten. Ein Stand bot illegale Musik- und Videokristalle an. In einer anderen Ecke gab es enge Jeans, bauchfreie Tops und ähnliche „subversive“ Kleidungsstücke.
Einige bewaffnete Männer und Frauen betraten eine Tribüne, die an der hinteren Wand der Höhle aufgebaut war.
„Aufgepasst, Leute! Seid mal ruhig!“
Die Menschenmenge verstummte.
Rechts und links von Kirsten wurde geflüstert: „Nachtigall! Sie ist wieder da!“
Eine Frau mit schwarzen Haaren betrat die Bühne. Man reichte ihr ein Mikro.
„Meine Freunde! Es ist soweit. Eisvogel hat mich benachrichtigt, dass die Armee der Mittelstaaten bis ins Elsaß vorgestoßen ist.“
Jubel drang durch die Höhle.
„Es liegt an uns, unseren Befreiern den Vormarsch so leicht wie möglich zu machen. Wir werden zeitgleich mehrere strategische Ziele angreifen, die ...“
Während sie weitersprach, kamen langgezogene piepsende Laute näher. Kirsten drehte sich um. Testgeräte der PGM wurden herumgereicht. Jeder hauchte einmal hinein.
Und jeder erzeugte einen langgezogenen Warnton. Bevor er sich nach vorne drängen konnte, wurde ihm auch ein Gerät in die Hand gedrückt. Man sah ihn an.
Ihm blieb nichts anderes übrig. Er hauchte. Ein kurzes Piepsen.
„Infiltrator!“, brüllte seine Nachbarin.
Innerhalb von Sekunden war er von Wachen umzingelt.
„Ich ... ich kann das erklären“, stammelte Kirsten.
Doch bevor er sich verteidigen konnte, beförderte ihn ein Schlag auf den Hinterkopf in die Bewusstlosigkeit.
Als er wieder zu sich kam, befand er sich in einem fensterlosen Raum. Er versuchte aufzustehen, doch seine Fesseln hielten ihn auf seinem Stuhl. Zigarettenrauch traf ihn ins Gesicht.
Dann kam die Frau mit dem Decknamen Nachtigall in sein Sichtfeld. Sie zog sich einen Stuhl heran, schob die Zigarette in den Mundwinkel und setzte sich.
„Dass wir uns richtig verstehen: Du bist nur noch am Leben, weil ich nicht glaube, dass du von der PGM bist – sonst hättest du unseren Test bestanden.“
Kirsten wackelte mit seinem dröhnenden Kopf. „Wieso? Das habe ich doch.“
Sie lachte. „Als Bürger hast du bestanden. Aber nicht als Revolutionär. Jeder von uns raucht oder trinkt vor einem unserer Treffen. Dadurch wird das Reagens aktiviert und die olfaktorischen Tester schlagen an.“
„Reagens?“
„Die Chemikalie in deinem Körper. Sie mischen es dem Trinkwasser bei, um uns leichter testen zu können. Wir benutzen es gegenteilig.“
Langsam hatte Kirsten wieder seine Sinne beisammen.
„Revolutionär? Haltet ihr euch dafür?“
Sie hob ihre Hand. „Bevor ich dir mehr erzähle, will ich von dir wissen, wie du hierhergekommen bist – und warum.“
Also erzählte ihr Kirsten von sich. Seinem lausigen Job als Supermarkttechniker, seinen kleinen Schwarzmarktgaunereien und schließlich, wie er hierhergekommen war. Als er geendet hatte, setzte er hinzu: „Hört mal, mir ist euer kleiner Privatkrieg mit der Regierung egal. Lasst mich gehen, ich schwöre euch ...“
„Unser Kampf geht auch dich etwas an“, unterbrach sie ihn.
Ein Zug an ihrer Zigarette, dann richtete sie das glühende Ende auf ihn. „Wir kämpfen auch für die Freiheit von Schafen wie dir!“
„Ich bin frei“, widersprach er, wenn auch zögernd.
„Ich weiß, dieses Land ist nicht perfekt, aber es ist immer noch eine Demokratie. Ihr wollt Anarchie.“
Sie lächelte mitleidig.
„Nicht doch! Es ist unserer Meinung nach in Ordnung, wenn der Staat versucht, seine Bürger über Gesetze zu beschützen. Aber eine staatliche Bevormundung in allen Lebensbereichen ist nichts anderes als Faschismus!
Hier und jetzt geht es nur darum, dass die Bevölkerung mit Sinnsprüchen von Gesundheit und Moral eingelullt wird, um den Status quo zu erhalten und sie hinterrücks auszusaugen.“
Sie sah das Unverständnis in seinem Blick und erläuterte: „Die Regierung wird durch sogenannte ‚freie Wahlen‘ bestimmt. Um an die Hebel der Macht zu gelangen, muss man von einer Partei unterstützt werden. Mittlerweile muss man für den Beitritt und die Mitgliedschaft in einer politischen Partei bezahlen. Noch mehr für den Wahlkampf.
Dazu braucht es Geld – viel Geld – aus Industrie und Wirtschaft. Aber wenn sie dann an der Macht sind, fließt das Geld in die andere Richtung. Sie holen es sich von ... dir!“
Sie seufzte, als habe sie diese Geschichte schon Hunderte von Malen erzählt.
„Alles begann 2007 mit den Nichtrauchergesetzen. Dann, 2010, die Alkohol-und-Nikotin-Prohibition und die Gründung privat geführter Ordnungsämter. Rate mal, wer sich da einen neuen Markt aufgebaut hat!
Bis 2013 Razzien und schließlich Auflösung des Bunds der Steuerzahler. Noch im gleichen Jahr neue Steuergesetze. Danach haben sie uns praktisch alles verboten, was erst ab 18 erlaubt war und Spaß gemacht hat – immer mit dem Vorwand, es würde uns gesundheitlich oder moralisch schädigen.“
„Nun ja, ihr seid Terroristen“, zuckte Kirsten die Achseln.
Als er einen wütenden Blick von ihr erntete, sagte er schnell: „Aber das hat bestimmt nichts mit Filmen und Musik zu tun.“
„Und enge Jeans und bauchfreie Tops?“ fragte sie.
„Machen die uns zu Terroristen? Alkohol? Koffein? Zigaretten? Zucker und Fett? Nein!
Ein bauchfreies Top würde bei mir die Gefahr einer Blasenentzündung erhöhen. Das heißt Krankheit, und daraus folgt weniger geleistete Arbeit.
Und die engen Jeans würden bei dir die Fertilität der Spermien beeinflussen. Das würde in einer Generation weniger Arbeiter für die Wirtschaft bedeuten. Nicht mehr lange, und sie haben uns alle zu Eloy gemacht.“
Irgendwie drängte sich Kirsten die Vorstellung von Nachtigall auf, die ein bauchfreies Top trug. Das Bild setzte sich in seinem Gehirn fest und er lief leicht rot an.
„Eloy?“
„Ein Name aus einem der indizierten Bücher. Ich will damit nur sagen, dass die Bürger auf lange Sicht zu Nutzvieh degradiert werden.“
Sie erklärte ihm noch mehr. Erläuterte ihm die Zusammenhänge. Wie Politiker zu Vorständen und Vorstände zu Politikern wurden. Herausgeschmuggelte Bildaufnahmen aus dem Inneren der „Umerziehungslager“ – und die Erschießungen uneinsichtiger Insassen.
Dann: die Zeit davor. Kirsten konnte nicht fassen, wieviel ihm sein Vater von diesen freieren Zeiten vorenthalten hatte.
„Das muss das Paradies gewesen sein!“, stieß er nach dem Betrachten eines Films hervor.
Nachtigall winkte ab. „Auch die damalige Zeit hatte ihre Fehler. Meine Eltern haben mir genug darüber erzählt. Aber Tatsache ist, dass es im Vergleich zu heute praktisch wirklich ein Paradies war.“
Als der Morgen anbrach, ließen sie ihn gehen. Wäre er nicht zur Arbeit erschienen, hätte es unangenehme Fragen gegeben. Den ganzen Tag über ließ er sich nichts anmerken und verrichtete seine Arbeit so wie immer. Kurz vor seinem Feierabend kam ein Mann auf ihn zu, zückte einen Ausweis und stellte sich vor.
„Lucas Perett, Ministerium für innere Sicherheit. Ich müsste mich einige Minuten allein mit Ihnen unterhalten.“
Perett verhörte ihn zu allem, was er in der Straßenbahn gesehen und gehört hatte, doch Kirsten blieb ruhig und verriet sich nicht. Schließlich gab der Agent es auf und verabschiedete sich – nicht, ohne vorher noch mal zu sagen, dass er für etwaige Fragen zurückkehren werde.
Am selben Abend blieb Kirsten zu Hause, doch die kleine Kostprobe des Wissens, die er erhalten hatte, genügte ihm nicht mehr. Zumindest war es das, was er sich selbst einredete.
Doch immer, wenn er die Augen schloss, dachte er an Nachtigalls Gesicht. In der folgenden Nacht schlich er sich also wieder in die Höhlen. Sie erwartete ihn schon.
„Wir haben über unsere Kontakte Informationen über dich eingeholt“, begann sie.
„Du bist sauber. Willkommen im Widerstand – auch wenn es uns vielleicht nicht mehr lange gibt. Wenn alles gut läuft, gehören wir demnächst zum Territorium der Mittelstaaten.“
„Ja, um darauf mal zu sprechen zu kommen: Was gibt euch eigentlich die Sicherheit, dass die Europäische Allianz keinen Atomschlag gegen die Mittelstaaten führt? So hat schließlich Nordamerika die kalifornische Republik abgewehrt.“
Nachtigall neigte den Kopf, leckte sich aufgeregt die Lippen.
„Der springende Punkt ist: Wenn alle Bürger praktisch gleichzeitig aufmüpfig werden, was wollen sie dann tun? Ihren eigenen Staat bombardieren? Ich habe dir schon erzählt, dass ein chemisches Reagens in unser Trinkwasser gekippt wird. Stell dir jetzt mal vor, das Zeug wäre mit einem Schlag nicht mehr enthalten. Ohne das Reagens wären die Testgeräte der Polizei nutzlos. Sie müssten wieder Labortests machen, was zum logistischen Kollaps führen würde. Niemand bräuchte mehr Verfolgung befürchten. Aber dieser Zustand wäre in Gefahr, solange noch die alten Machtpositionen vorherrschen. Nicht jeder wird wirklich aktiv Widerstand leisten, doch wir erwarten passiven Widerstand in einer breiten Bevölkerungsschicht.“
Kirsten kam ins Grübeln. „Der Plan ist also, das Wasser zu reinigen?“
„Durch einen Sabotageangriff. Aus diesem Grund habe ich dir das überhaupt erst erzählt. Wir brauchen jetzt jeden, den wir kriegen können.“
„Wann soll es losgehen?“ fragte er.
„Wenn du mitkommst – jetzt.“
„Wird es gefährlich?“
Sie nickte. „Sehr!“
Kirsten atmete schwer. Was sollte er schon ausrichten können? Ein mickriger Supermarkttechniker. Dann dachte er an Nachtigall. Sie schien es ihm zuzutrauen. Was, wenn seine Teilnahme wirklich den Ausschlag gab? Und wenn sie bloß dann auch heil zurückkommen würde. Er flüsterte seine Antwort.
„Ich bin dabei!“
Sie verließen die Stadt in einem Transporter. Das ganze Team – bestehend aus ihr, ihrer Leibgarde und ihm – saß in schwarzer Tarnkleidung im Laderaum des Fahrzeugs.
Auf Kirstens Schoß ruhte eine Maschinenpistole mit Schalldämpfer und Laservisier. Sie hatten ihm eine kurze Einweisung mit Schießübungen gegeben. Nachtigall umriss ihre Aufgabe.
„Übers ganze Land verteilt mischen Klärwerke die Chemikalien ins Wasser. Es gibt aber nur drei, die gleichzeitig auch die Chemikalien produzieren. Diese liegen in der Nähe großer Wasserreservoirs, gesichert von mehreren Stellungen mit Boden-Luft-Raketen.“
„Sabotieren wir eine Fabrikationsanlage?“
„Nein. Es würde zu lange dauern und innerhalb von Tagen hätten sie den Schaden behoben. Wir schalten eine der Raketenstellungen aus und geben ein Signal an die Mittelstaaten. Die werden dann mit einem Sprengkopf durch das Loch in der Abwehr schlüpfen und die komplette Anlage vapori- sieren. Da die Zuständigen mehr auf Tarnung als auf Schutz setzen, haben wir nur wenige Wachen zu erwarten.“
Sie holperten durch bergiges Gelände. Niemand sagte etwas. Dann wurde der Vorhang zur Fahrerkabine zurückgezogen.
„Wir sind fast da“, kündigte der Fahrer an und schloß den Vorhang wieder.
„Also gut, es geht los“, raunte Nachtigall. „Macht euch bereit!“
Sie schulterten ihre Waffen und einige Sporttaschen, die die Sprengladungen enthielten. Der Transporter stellte den Motor ab und rollte knirschend von der Straße auf einen kleinen Waldweg, wo er zum Stehen kam.
„Okay“, tönte es aus der Fahrerkabine.
Vorsichtig öffneten sie die Ladetüren. Dann sprangen sie nacheinander hinaus und verteilten sich auf dem Gelände.
Der Mond war nur eine schmale Sichel, doch die Nacht war klar und man konnte in dem blassen Licht erstaunlich viel erkennen. Der ganze Trupp setzte sich in Bewegung. Dann sah Kirsten den großen See.
„Das Reservoir?“ fragte er leise. Nachtigall nickte. „Die Talsperre. Wir müssen in den technischen Bereich vordringen.“
Sie kamen näher heran, bis ihnen ein Zaun den Weg versperrte. Ein Kämpfer zückte eine Drahtschere und schnitt ein ausreichend großes Loch zum Durchschlüpfen hinein. Sie schlüpften nacheinander hindurch. Der Waldboden knisterte leise unter ihren schleichenden Füßen. Sie näherten sich dem Damm.
Die Zufahrt war etwas stärker befestigt, und einige Scheinwerfer leuchteten das Gebiet ringsherum regelmäßig ab. Ferngläser wurden gezückt. Kirsten strich mit seinem verstärkten Blick die Kante der Talsperre entlang. Eine Rebellin baute neben Kirsten ein langläufiges Gewehr mit Zielfernrohr und Schalldämpfer zusammen.
Vorher hatte er sie nicht wahrgenommen, aber jetzt sah er sie: zwei Wachen, die die Scheinwerfer bedienten.
„Hast du sie?“ fragte Nachtigall ernst.
„M-hm“, machte die Schützin.
„Ausknipsen!“
Ein kurzes, scharfes Zischen. Der Kopf des ersten Mannes wurde zurückgerissen. Eine rote Rauchschwade verdunkelte den Scheinwerferkegel. Der andere bemerkte es, fuhr herum. Zisch! Der Treffer in die Brust warf die Wache gegen den Scheinwerfer und dann zu Boden. Der Lichtkegel wälzte sich nach oben.
Sie packten die Ferngläser wieder weg und rannten geduckt auf den Damm zu. Äste peitschen Kirsten ins Gesicht. Sie kamen an ein Wartungshäuschen, das ins Innere führen musste. Licht drang durch den Spalt unter der Tür hervor.
Ein stämmiger Bursche trat die Tür ein. Drinnen sprangen Uniformierte auf. Maschinenpistolen ratterten. Kirsten stürmte hinein. Zwei seiner Mitstreiter lagen tot am Boden. Die übrigen hatten sich hinter einem umgeworfenen Tisch verschanzt. Querschläger pfiffen. Die Wachen hatten sich ins Treppenhaus zurückgezogen.
Eine Kugel sirrte an Kirstens rechtem Ohr vorbei. Er feuerte zurück. Ein uniformierter Mann taumelte und blieb mit unnatürlich verdrehten Gliedern liegen. Dann war es vorbei. Sie standen auf. Nachtigall durchquerte das rauchverhangene Zimmer. „Beeilung! Sie haben den stillen Alarm ausgelöst.“ Sie zeigte auf Kirsten.
„Du und Schwalbe, ihr sichert den Eingang hier. Der Rest kommt mit mir!“
Der Trupp hetzte die Treppen hinab, während der Stämmige und Kirsten an der Eingangstür Stellung bezogen und in die Hocke gingen. Dann, von tief unten, erklang erneutes Feuergefecht, das mehrere Minuten anhielt.
Schwalbe sah Kirstens besorgtes Gesicht. Er grinste.
„Ihr passiert schon nichts. Das ist nicht die erste Aktion, die sie anführt.“ Kirsten blinzelte überrascht. „Ach komm, alle haben schon gemerkt, wie du sie anstarrst.“
Eine Erschütterung warf sie auf ihre Hintern. Dann kamen der Knall und die Druckwelle als heißer Wind. Sie hatten es geschafft!
Noch bevor sie wieder auf ihre Füße kamen, brach die Hölle los. Mit einem Krachen rammte ein Schützenpanzer durch das Eingangstor und kam quer zum Stehen. In der Deckung des Fahrzeugs sprang ein gutes Dutzend PGMs herunter und formierte sich.
„Das ist gar nicht gut“, murmelte Schwalbe.
Mündungsfeuer blitzte ihnen entgegen. Kugeln prasselten um sie herum. Putz splitterte von Wänden und Decke. Kirsten traf einen der Gegner ins Bein und erledigte ihn, als er stürzte. Auch Schwalbe erwischte zwei.
Dann traf es Kirsten. Ein glühender Schlag stieß ihm in die Schulter und schleuderte ihn auf den Rücken. Er schrie, wollte nach der Wunde tasten.
Seine Finger tauchten in Wärme und Schmerz. Kirsten sah die klaffende Wunde und stieß einen Fluch zwischen den Zähnen hervor. „Nicht aufgeben! Schieß weiter!“ rief Schwalbe ihm zu. Kirstens blutverschmierte Finger schlossen sich wieder um das Sturmgewehr. Er warf sich gegen die Türfüllung und schoss, bis die Waffe nur noch ein leeres Klicken von sich gab. Schwalbe schrie auf. Eine Kugel hatte ihm den Schenkel zerschmettert. Kirsten zog den Verwundeten in Deckung. „Wie sieht’s aus?“ ertönte Nachtigalls Stimme hinter ihnen.Da stand sie. Sie presste einige Stofffetzen gegen eine Bauchwunde und wurde von der ebenfalls verwundeten Scharfschützin gestützt.
„Schlecht“, antwortete Schwalbe, während er ihre Waffen durchlud.
Die beiden Frauen lehnten sich an die Wand und rutschten daran hinunter. Kirsten setzte sich neben sie.
Zwei Polizisten stürmten durch die Tür. Kirsten und Schwalbe reagierten schnell und mähten sie nieder.
So hielten sie bis zur Morgendämmerung durch, als plötzlich draußen erneut ein Feuergefecht ausbrach und wieder verstummte. Ein Schatten tauchte im Türrahmen auf, die rauchende Pistole noch in der Hand. Kirsten kniff die Augen zusammen – und konnte es nicht glauben.
„Hallo Vukovic“, begrüßte Perett die Rebellenführerin.
„Eisvogel“, entgegnete Nachtigall.
„Haben wir’s geschafft?“
„Alles erledigt. Der Sprengkopf ist schon unterwegs.“
„Sie? Sie sind Mitglied des Widerstands?“ fragte Kirsten nun irritiert, was ihm nur ein Grinsen als Antwort einbrachte. Das Verhör hatte wohl seine Loyalität prüfen sollen.
Kirsten wandte sich Nachtigall zu. „Und Vukovic ist dein richtiger Name?“ Sie nickte. Der Agent sah die anderen an.
„Wissen Sie es?“
„Wenn Sie sagen, ich soll es geheim halten, dann halte ich es auch geheim“, erwiderte Vukovic leicht beleidigt.
Perret zog einen Stuhl an sich heran und setzte sich.
„Nun, jetzt dürfte es kaum eine Rolle mehr spielen, oder?“
Kirsten seufzte. „Noch mehr Überraschungen?“
„Ja, und leider keine angenehmen“, sagte Vukovic. „Die Fabrikationsanlage und das Klärwerk – das ist alles hier im Damm. In etwa zehn Minuten schlägt die Rakete hier ein. Wir hatten nie die Chance, aus dem Explosionsradius zu entkommen.“
„Ich hatte mir schon sowas gedacht“, gab Schwalbe zu. „Aber danke, dass du es uns trotzdem noch sagst.“
Plötzlich fasste Kirsten sich ein Herz und küsste Vukovic.
„Wow“, sagte sie danach heiser. Kirsten lächelte und wurde rot. „Naja, weißt du, ich dachte mir, wir sollten unsere letzten Minuten so gut wie möglich nutzen.“„Recht hat er!“ Mit diesen Worten zog Perett eine Flasche mit einer bräunlichen Flüssigkeit und mehrere Zigarren aus seinem Mantel.
„Echter Scotch. Ein Geschenk meiner Frau, bevor man sie ‚deportiert‘ hat. Damals, vor zehn Jahren, hab ich mir geschworen, mit diesem Tropfen auf den Sturz des Regimes zu trinken. Prost!“
Sie reichten die Flasche reihum weiter, und schließlich saßen sie alle entspannt und rauchend beisammen. Am Horizont tauchte leuchtend grell der Schweif einer Rakete auf.
