Ein Störfall

Exklusiv in der Online-AusgabeAutor: Falke, Matthias

Phantastische Erzählung

„Sie kommen gerade rechtzeitig“, sagte der Assistent Leander Klumpp. „Wir stehen im Begriff, mit dem Experiment zu beginnen.“
Er drückte mir die Hand und strahlte mich fröhlich an. Dann führte er mich den Gang hinunter und durch mehrere automatische Türen, die er durch die Eingabe von Codewörtern öffnete. Hinter uns glitten sie zischend zusammen und verriegelten sich mit trockenem metallischen Knacken. Ich überlegte mir, ob sie in umgekehrter Richtung selbsttätig öffnen würden; andernfalls blieb nur zu hoffen, daß es nicht zu einem Unfall kommen würde. Die umständliche Freigabe jeder einzelnen würde quälend lange dauern. Und wenn nun dem Assistenten, der als einziger von uns die Paßwörter kannte, etwas zustieße?
Wir betraten einen großen Raum, der von abgedunkeltem grünlichen Licht erfüllt war. Die Decke war sehr niedrig, ein abgehängtes Stahlgitter, um das sich Kabelbäume wanden. Es sah aus wie die Unterseite eines Käfigs, in dem Riesenkraken gehalten wurden. Glücklicherweise schliefen sie gerade. Nur die Vorderseite des Labors war etwas höher und auch heller. Nach hinten verlor es sich in malachitfarbener Dämmerung und im Durcheinander von Meßschränken, Großrechnern, Terminals und anderem sündteuren wissenschaftlichen Krimskrams. Ich überlegte mir, ob ich in meinem Artikel, den ich für „Boulevard Baden“ über das „Karlsruher Forschungszentrum“ (seit einiger Zeit ohne „Kern-“) schreiben mußte, darauf anspielen sollte. Wem nutzten die Millionen, die hier verpulvert wurden? Aber ich nahm mir vor, zumindest während der Dauer der Demonstration eine vorurteilsfreie Haltung einzunehmen.
„Professor Schreuwer“, stellte der Assistent vor.
Dann nannte er meinen Namen. Vor mir stand ein Mann jenseits der fünfzig. Sein Blick war unpräzise, er wich mir flackernd aus. Sein Händedruck jedoch war fest und langanhaltend, als habe er vergessen, mich wieder loszulassen. Sein Haar hatte die Farbe ungepflegter Zähne, und er trug einen speckigen Cordanzug. Eine Katze strich um seine Beine.
Er deutete der Reihe nach auf die anderen Personen und haspelte ihre Namen herunter, von denen ich nur jeden zweiten verstand und mir keinen einzigen merken konnte. Ich war froh, daß ich das Aufzeichnungsgerät aktiviert hatte, dessen Sensor unauffällig in meinem Knopfloch steckte. Es würde ein schönes Stück Arbeit sein, aus dem Genuschel, mit dem der Professor jetzt den Aufbau des Experimentes erläuterte, soviel Information herauszufiltern, daß sie einen brauchbaren Artikel abgab.
Ich nickte in die Runde. Die Techniker und Laborassistenten sahen nur kurz von ihren Konsolen auf und widmeten sich dann wieder ihren Graphiken und Zahlenkolonnen. Ich glaubte in ihren Blicken so etwas wie Feindseligkeit lesen zu können; aber aus Erfahrung wußte ich, oder glaubte ich zu wissen, daß das nur die Zerstreutheit aufgestörter Geistesarbeiter war. Sie waren einfach woanders und sahen durch mich hindurch. Schließlich war ich nur ein Mensch aus Fleisch und Blut. In ihrer Welt also ein Gegenstand eingeschränkten und minderwertigen Wirklichkeitsgrades, verglichen mit den mathematischen Modellen und virtuellen Teilchen, die sie in ihren Schränken züchteten.
Als meine Augen sich an das grünliche Halbdunkel und das komplexe Durcheinander gewöhnt hatten, konnte ich die Struktur des ganzen erkennen. Das Labor war wie ein Klassenzimmer aufgebaut. Die Arbeitsplätze der Assistenten standen in Viererreihen nebeneinander, und sie waren alle nach vorne, auf einen imaginären Katheder ausgerichtet. Der Professor ging dazwischen herum wie ein Klassenlehrer beim Diktat. Die Katze hatte er inzwischen auf den Arm genommen und kraulte sie, wobei sie wohlig schnurrte. Das dunkle Brummen vereinte sich mit den tiefen Summtönen irgendwelcher Generatoren. Die Anordnung der Arbeitsplätze zog den Blick unwillkürlich nach vorne, an die Stirnseite des Raumes. Dort erhob sich etwas, das aussah wie eine Waschmaschine von der Größe eines Mehrfamilienhauses. Einige Meter über dem Boden befand sich ein mannshohes Bullauge, das in eine tonnenschwere, kreisrunde Stahltür eingelassen war. Eine Treppe aus Metallgitter führte dort hinauf. Beiderseits davon flimmerten und flammten die unterschiedlichsten Anzeigen. Irgendwie sah das ganze aus, wie man sich das Cockpit eines Raumschiffes vorstellte, nur daß der Blick von der Kommandobrücke nicht auf den Sternensamt hinausging, sondern auf den überdimensionierten, in schreiendem Orange gehaltenen Experimentierschrank.
„Fangen wir an“, nuschelte der Professor. „Cäsiumzeit. Drei GeV. Fünfzig Mikro.“
Er verteilte eine Reihe weiterer Anweisungen an seine Assistentenschaft, von denen ich kein Wort verstand. Mit einem raschen Blick in meine Innentasche vergewisserte ich mich, daß das Aufzeichnungsgerät reibungslos funktionierte.
Aus dem Halbdunkel löste sich eine Person, die ich bislang nicht wahrgenommen hatte. Sie war mir auch nicht vorgestellt worden. Es war eine rundliche Frau von wenigstens sechzig Jahren, die eine matronenhafte Gemütlichkeit ausstrahlte. Professor Schreuwer reichte ihr jetzt die Katze, die sie zärtlich flüsternd und streichelnd in Empfang nahm und hinaustrug. Unwillkürlich rechnete ich damit, daß sie mit Tee und Gebäck wiederkehrte. Aber die Tür, die sich zischend hinter ihr geschlossen hatte, blieb verriegelt. Daß die Katze entfernt wurde, erfüllte mich mit einem unguten Gefühl. Mußte man sie vor dem, was nun bevorstand, in Sicherheit bringen?
Die Demonstration begann. Assistent Klumpp, der mich hereingeführt hatte, stand plötzlich neben mir und erläuterte mir halblaut, was gerade vor sich ging. Der Professor wanderte, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, zwischen den Tischreihen umher. Spannungen wurden angelegt, Felder aufgebaut, Ströme induziert. Unvorstellbare Energien wurden erzeugt und herangeführt und auf winzige Räume komprimiert. Was immer auch das Ergebnis dieser Vorführung sein würde, es würde mit bloßem Auge nicht auszumachen sein. Wieder nur die Anzeige irgendeines Meßgerätes, eine Ziffer in einer Skala, deren Einheit dem Laien unbekannt war. Das ganze bot so den Anschein eines großangelegten Spuks. Bildschirme und plasmatische Anzeigen. Das nährte den Verdacht, daß in Wirklichkeit überhaupt nichts geschah. Alles nur ein einziger Humbug?
Nach einer gewissen Zeit, die eine Art Vorwärmphase gewesen zu sein schien, kam dann aber doch Bewegung in die Sache. Meßgeräte trillerten und fiepten. Neongelbe und strontiumrote Lichtreflexe blitzten durch die Dämmerung. Die Rücken der Wissenschaftler wurden runder, als sie sich tiefer über ihre Konsolen beugten. Aus Ventilen trat pfeifender Dampf aus. Zeiger wanderten in hellrot unterlegte Bezirke. Eine Vibration war zu spüren, die einen Schwindel auslöste; etwas wie Seekrankheit bemächtigte sich meiner. Das Labor war nun die Brücke eines schweren Schiffes, das durch ein Unwetter oder eine Schlacht stampfte. Es rumpelte und donnerte zu meinen Füßen, als rüttelte ein unterirdischer Gefangener an den Gittern seines Kerkers.
„Kommen Sie“, sagte der Professor.
Er war gerade noch dort drüben an einem der Kontrolltische gestanden. Jetzt wuchs er plötzlich direkt neben mir aus dem Tumult auf.
„Von hier hinten sehen Sie ja gar nichts, gehen Sie ruhig näher ran!“
Mir fiel auf, daß seine Zähne irgendwie zu groß für seinen Mund waren. Und sie waren ebenso gelb wie sein Haar, das in einer orientierungslosen Woge auf seinem Kopf herumflutete. Ich wollte sagen, daß ich an meinem Platz einen sehr guten Überblick über das Geschehen hatte. Aber mein Einwand ging in dem anschwellenden Lärm unter, der das Labor durchtoste. Er packte mich und führte mich nach vorne.
Wir standen unmittelbar vor dem riesigen Meßschrank. Schwefelgelber und giftgrüner Rauch waberte in zähen Schwaden um die Ecken der einschüchternden Vorrichtung. Sie rumpelte wie eine alte Waschmaschine im Schleudergang. Ein antennenartiger Fortsatz, der halbrechts aus einer Anzeigenskala hervorwuchs, spie Lichtbogen und elektrische Entladungen, die sich knisternd um die Dampfwolken wanden.
„Sehen Sie sich alles in Ruhe an“, sagte Schreuwer. „Wir stehen unmittelbar vor einem großen Durchbruch.“
So dicht, meinte ich, wolle ich eigentlich gar nicht davorstehen; aber meine Worte wurden von dem Gebrüll der tobenden Maschine überschrien. Jetzt sehnte ich mich nach der Indirektheit bloßer Graphiken und aufbereiteter Modelle zurück.
„Zieren Sie sich doch nicht so...“
Die Hand des Professors schloß sich um meinen Oberarm. Dann stieß er mich die Treppe aus Stahlgitter hinauf, die wie eine Gangway vor das große Bullauge führte.
„Ich verstehe nicht...“, rief ich in den Lärm.
Aber er stand einen halben Schritt hinter mir, die Schulter an die meine gedrückt, und schob mich die Stiege hinauf. Als ich schon einige Stufen gegangen war, bemerkte ich, daß die Treppe wie eine Zugbrücke war, die über den Burggraben einer mittelalterlichen Festung hinwegführte. Zu meinen Füßen stürzte der Blick durch die groben Rauten des Stahlgitters mehrere Stockwerke in die Tiefe. Der Teil des Meßschrankes, den ich zuvor gesehen hatte, war nur die Spitze eines Eisberges, der weit in den Unterbau des Laboratoriums hinunterreichte. Dann starrte ich durch das Bullauge, das mehr als zwei Meter im Durchmesser hatte und von einem riesigen Stahlring getragen wurde.
Bei einer Reportage über die Bundesbank hatte ich einmal den begehbaren Tresor besichtigen dürfen, in dem die deutschen Goldreserven lagerten; diese Stahltür war jedoch noch mächtiger. Der Rückschluß auf die Kräfte, die man damit zu bändigen versuchte, verhieß jedenfalls nichts Gutes. Aber ich kam nicht dazu, diesen Gedanken zuende zu denken, als die Aufforderung des Professors mich erbleichen ließ.
„Treten Sie ein“, sagte er in vertrauensseligem Ton.
Ich wich unwillkürlich zurück. Dabei prallte ich gegen den Professor, der eine Stufe unter mir stand und mir den Rückweg versperrte. Hinter ihm lächelte der Assistent. Ihre Mienen waren freundlich und zuvorkommend, als wollten sie einem neugierigen Gast wirklich nur zu einem aufschlußreichen Erlebnis verhelfen; aber irgendetwas sagte mir, daß sie mich nicht wieder herunterlassen würden, wenn ich mich weigern sollte, ihrer Aufforderung Folge zu leisten. Ich versuchte mich mit dem Gedanken zu trösten, daß es so gefährlich nicht sein konnte, wenn sie so dicht hinter mir standen. Da gab Schreuwer schon ein Zeichen in die Tiefe des Labors, das von hier aus fern und samtgrün leuchtete wie ein verheißungsvoller Paradiesgarten. Das ohnehin ohrenbetäubende Rumpeln und Dröhnen wurde von einem metallischen Krachen übertönt, das in ein langanhaltendes hydraulisches Stöhnen überging. In Reichweite meines Armes sprang die tonnenschwere Verriegelung des Bullauges auf, und die mannsdicke Panzerglasscheibe begann langsam zur Seite zu gleiten. Kühler, modriger Dunst schlug mir entgegen, als gehe es in einen feuchten Kellerraum hinunter. Und tatsächlich sah ich, kaum daß die Luke sich geöffnet hatte und der Professor mich hineinstieß, daß im Inneren eine Stahltreppe, nicht unähnlich derjenigen der Vorderseite, in eine unsichtbare, nebelverhangene Tiefe führte.
Im Inneren war es noch dunkler. Die Treppe verlor sich in einer bläulichen Finsternis, aus der weiße Dampffetzen aufstiegen. Das Gerumpel war ähnlich laut wie draußen, aber es schien gedämpft, paradoxerweise, als dringe es von außen herein und werden nun umso dumpfer, je tiefer wir hinabstiegen. Oder drang es aus der Tiefe herauf? Einem sonderbaren Impuls nachgebend, den ich nicht unterdrücken konnte, wartete ich auf der zweiten Stufe, die nach unten führte, bis der Professor und sein Assistent mir folgten. Ich konnte die irrationale Angst, sie könnten mich hier einschließen, nicht restlos überwinden.
„Gehen Sie ruhig voran“, sagte Schreuwer, als er mein Zögern bemerkte. „Sie sollen sich Ihr Urteil aus erster Hand bilden.“
Ich stakte in die Tiefe. Schwache blaue Lampen, die in die Unterseiten des Handlaufs eingelassen waren, sorgten für fahle Beleuchtung. Sie schwebte und zitterte wie Elmsfeuer um die schlanke, zerbrechlich wirkende Stahlkonstruktion. Ich fühlte mich, als klettere ich die Notleiter an der Außenseite eines leckgeschlagenen Ozeanriesen herunter. In Kühle und dumpfiger Finsternis einer arktischen Nacht mußten wir von Bord gehen. Blieb nur zu hoffen, daß am Ende dieser Stiege wenigstens ein Rettungsboot bereitlag.
Die Treppe führte im Zickzack hinunter. Ich zählte vier Wendungen und insgesamt 44 Stufen. Wir befanden uns nun deutlich unterhalb des Niveaus des äußeren Labors, etwa auf dem Grund des „Burggrabens“, den ich von der vorderen Treppe aus gesehen hatte, mehrere Stockwerke tief im Unterbau der gewaltigen Konstruktion. Ein nackter Stahlboden nahm uns auf. Der Professor betätigte einen Schalter, und es wurde etwas heller. Der Assistent machte sich an einer Konsole zu schaffen, die in die Seitenwand des Stahlschranks eingelassen war. Irgendwelche Filter oder Düsen sprangen an, die den Dampf absaugten. Wie ein Gebirge, das in der Morgensonne aus dem Frühnebel hervortritt, klärten sich die Strukturen dieser rätselhaften, in sich selbst verschachtelten, labyrinthischen Apparatur.
Und ich sah nun auch, von wo das sonderbare unterirdische Rumoren drang. Wir befanden uns auf dem Grund eines stählernen Verlieses, das zehn Schritte im Quadrat maß. Anzeigen, Kabelbäume, Skalen, Ventile bedeckten die nackten Stahlwände. Auf der linken Seite, in der Mitte der Seitenwand, stand eine Box. Sie wirkte prima vista wie ein verkleinertes Abbild des Meßschrankes, in dessen Innerem wir uns befanden. Ein stählerner Würfel, zwei Meter im Kubik. An der Vorderfront prangte in Augenhöhe ein kleines Bullauge. Der Würfel zitterte und tobte. Obwohl er tonnenschwer und am Boden verschraubt war, schien er in der Wut der in ihm wirkenden Kräfte zu tanzen. Ein gequältes Brüllen und Würgen drang daraus hervor, während die Meßgeräte, die in seine Vorderseite eingelassen waren, bedenklich zitterten und glühten. Sie schleuderten Blitze wie ein aufgebrachter Wüterich, der mit bloßen Blicken tötete. Ich konnte nur ahnen, was im Inneren dieser Box vor sich ging, welche Energien hier aufeinander prallten. Was dort geschah, fand jenseits der Unterscheidung von Energie und Materie statt, jenseits von Raum und Zeit. Die Urkräfte des Kosmos, aus denen unser Universum einst hervorgegangen war, wurden hier entfesselt und zur Selbstzerfleischung angestachelt. Es war, als hätte man Titanen gefangengesetzt, die in diesem modernen Tartaros an ihren Ketten zerrten und sich gegen die Gemäuer ihres Kerkers warfen.
Ich hatte den Anzeigen im einzelnen keine Beachtung geschenkt. Eher atmosphärisch nahm ich wahr, daß sie alle sehr rasch stiegen. Zeiger drehten sich in unheilvollem Zeitraffer. Skalen stiegen wie überkochende Milch in ihren Röhren hoch und wurden dabei rot, als begännen sie zu glühen. Ventile röchelten und schnauften. Der Tumult im Inneren der Box nahm zu, auch wenn das kaum mehr möglich schien. Ein blechernes Geräusch war über uns.
„Professor“, hörten wir die Stimme eines Wissenschaftlers. „13 GeV, Phasenverlust. Sollen wir abschalten?!“
Seine Worte kamen deformiert herunter, als seien sie die Metalltreppe heruntergestürzt und hätten sich dabei die Gelenke ausgekugelt.
Ich warf Schreuwer einen bedenklichen Blick zu. Aber er reagierte nicht. Gebannt starrte er auf die Box. Indem ich seinen Augen folgte, ließ mich etwas erstarren. Erst im Nachhinein mußte ich mir zusammensetzen, was geschehen war. Es war, als hätte ich im Bullauge der Box, in dem undeutlich wirbelnde Dämpfe zu erkennen waren, die von blutig roten Lichtblitzen zerteilt wurden, für einen Sekundenbruchteil so etwas wie ein menschliches Gesicht gesehen.
Es mußte ein Augentrug sein. Welches lebendige Wesen hätte unter den Bedingungen, die dort herrschten, überleben können? Sie glichen gegenwärtig eher denen im Inneren der Sonne als an der Oberfläche eines lebentragenden Planeten. Ich schüttelte die Irritation ab, versuchte es zumindest, und warf dem Assistenten dabei einen hilfesuchenden Blick zu. Aber er stand ungerührt an seinem Bedienplatz und ließ mit höhnischem Grinsen seine langen Finger über die Tastatur fliegen.
„Professor?!“, kam es zerdellt von oben. „Gleich 18 GeV, Plasma-Instabilität.“
Die ganze Konstruktion erdröhnte unter gewaltigen Schlägen. Ich kam mir vor wie in der Schmiede des Vulkan, wo Kraft und Gewalt die Schwerter für verheerende Götterschlachten schufen. Das Zucken und Glosen im Zyklopen-Auge der Box nahm zu. Es war ein Schwall von Blut, den sie über den Wabernebel erbrach, der aus den geborstenen Schläuchen strömte und um unsere Füße anstieg. Schrilles Pfeifen von überlasteten Ventilen zerhackte das dunkle Rumpeln. Gelbe und grüne Lichtblitze fochten in der Kammer einen einsamen und verbitterten Kampf aus. Ich starrte, magisch gebannt von dem unmenschlichen Vorgang, auf das Bullauge der Box, deren verzerrtes Rund mehr verbarg als preisgab. Dennoch war kein Zweifel an der elementarischen Qual möglich, die dort ins Werk gesetzt wurde; dort wurden Giganten gegeißelt und Titanen gefoltert. Den Urgewalten wurden mitleidlos ihre letzten Geheimnisse abgerungen und abgepreßt. Wie unter einem höheren Bann ging ich langsam auf die Konstruktion zu, um von der Nähe einen Blick durch jenes brechende Auge zu tun. In diesem Augenblick erreichten die kreischenden Instrumente einen Höhenpunkt, der Tumult zerbarst in einer knirschenden Explosion; mit infernalischem Brüllen sprang die Panzertür der Box auf. Blutiger Nebel schlug über mir zusammen. Meine Sinne versagten den Dienst.

Es war dunkel, vollkommen finster. Ich blinzelte und bewegte versuchsweise den Kopf. Sehen konnte ich nichts. Aber ich spürte keine Schmerzen. Also war ich doch wohl unverletzt? Oder anästhesierte eine furchtbare Verstümmelung die eigene Qual? Ich ging innerlich auf Reisen durch meinen Körper, aber es schien mir, als ob er vollständig und unbeschädigt sei. Die Glieder schienen mir noch zu gehören und auch zu gehorchen. Ich lag in leicht gekrümmter Haltung auf dem Boden. Vorsichtig richtete ich mich ein wenig auf. Es war nackter Stahl, glatt und kalt, auf dem ich zu mir kam. Ich tastete Gesicht und Oberkörper ab. Obwohl ein furchtbarer Schlag gegen den Brustkorb das letzte war, woran ich mich erinnern konnte, schien ich ohne bleibende Beeinträchtigung davongekommen zu sein. Das schlimmste war die vollständige Finsternis. Ein Stromausfall? Nur ein totaler blackout im Inneren eines hermetischen Gebäudes konnte eine so lückenlose Nacht herbeiführen.
„Hallo?“, versuchte ich. „Ist jemand da?“
Meine Stimme war dünn und brüchig, sie wirkte spröde. Mein Hals war trocken. Jetzt erst bemerkte ich den quälenden Durst, der wie in unwilliger Verzögerung in mir aufstieg. Aber niemand antwortete. Der Widerhall meiner Stimme war stumpf und matt gewesen. Er ließ keine Rückschlüsse darüber zu, in was für einem Raum ich mich befand. Die Finsternis war schlimm, aber noch schlimmer wurde nach und nach die vollkommene Stille. Sie war total. Nicht das geringste Rascheln oder Knistern, kein Windhauch, nicht das Summen der bescheidensten Maschine drang an mein Ohr.
Ich begann die Umgebung zu erkunden. Etwas hielt mich davor zurück, mich zu erheben. Zunächst tastete ich den Boden ab. In geringer Entfernung stieß ich gegen eine Wand. Ich folgte ihr. Sie mündete in rechtem Winkel in die nächste. Eine Ecke von stählerner Leere. Ich folgte auch der zweiten Wand, die ernüchternd schnell wiederum im rechten Winkel abknickte. Jetzt stand ich auf. Mit ausgestreckten Armen verschaffte ich mir die letzte und vernichtende Gewißheit. Ich befand mich im Inneren eines stählernen Kubus von kaum drei Schritten Kantenlänge. Alle Wände, Boden und Decke eingeschlossen, waren nackt und fugenlos. Einzig an der einen Seite befand sich ein stählernes Rad und darüber, in Augenhöhe, ein winziges Fenster. Das Rad war arretiert. Das Fenster ging in eine nur geringfügig leichtere Schattierung der totalen Finsternis hinaus. Ich begann zu rufen, an dem Handrad zu rütteln, zu toben. Ich wußte, daß niemand antworten würde. Ich spürte eine flauschige Bewegung, die traurig schnurrend um meine Beine strich.